Shraga Elam schrieb am 17. Sept. 2002:
> z.K. Ein sehr persönlicher autobiographischer Text,
welcher leider
> aktueller denn je ist.
Neue
Luzerner Zeitung,
6.
Juni 2001
Eine
Exekution, die mich quält
Die aktuelle Situation im Nahen Osten lässt
am 34. Jahrestag des Sechstagekriegs Erinnerungen an ein Massaker an jungen Palästinensern
hochkommen: In der Region droht eine Katastrophe.
Die israelischen Medien, die ich praktisch Tag und Nacht per Internet und Radio
verfolge, berichten seit einiger Zeit über eine bevorstehende Wiederbesetzung
der Westbank. Es werden unter anderem auch furchtbare Szenarien mit Tausenden
von Toten auf palästinensischer, Hunderten auf israelischer Seite und
Aussichten auf einen Regionalkrieg mit möglichen nuklearen Dimensionen
skizziert.
Obwohl ich seit über 20 Jahren hier in der Schweiz wohne, quälen mich vermehrt
meine schrecklichen Erlebnisse als junger Soldat bei der Besetzung dieser
Gebiete im Jahre 1967.
Bereit
zu sterben
Ich gehörte einer Einheit an, die die Stadt
Nablus in der Westbank eroberte. Die meisten von uns waren Gymiabgänger, die in
sozialistischen Jugendbewegungen jahrelang zum Humanismus erzogen worden waren.
Unseren Militärdienst hatten wir mehrheitlich in Kibbutzim, sozusagen als
Lehrlinge zu zukünftigen Kibbutz-Mitgliedern, verbracht. Militarismus und Militärkarriere
waren nicht unsere Sache. Wie praktisch alle damaligen jüdischen Israelis waren
wir jedoch bereit, für unser Land zu sterben.
Wir wurden schon in der Schule und in der Jugendbewegung auf den Militärdienst
vorbereitet. Uns wurde unter anderem der Begriff «die Reinheit der Waffen»
gepredigt, nämlich dass unsere Armee mit allen Mitteln versuche, Gräueltaten
zu vermeiden. In der Literaturstunde setzten wir uns mit den Kurzgeschichten des
Schriftstellers S. Yizhar auseinander. Zentrales Thema seiner Kurzgeschichten
ist die Vertreibung der Palästinenser im Jahre 1948. In Yizhars Erzählband
wird auch eindrücklich beschrieben, wie einem Soldaten der Protestschrei gegen
die Untaten seiner Kameraden buchstäblich im Halse stecken bleibt. Ein anderer,
der seiner Empörung über die verbrecherischen Befehle Luft macht, wird von
seinen Kameraden als Weichling belächelt und gehänselt.
Einsatz
in der Westbank
Am 19. April 1967 stieg die Spannung in der
Region. Unser Land sei enormer Gefahr ausgesetzt, wurde verbreitet. Ägypten,
Syrien und Jordanien planen einen Angriff, hiess es, und Israel mobilisierte
seine Truppen.
Am 5. Juni brach der Krieg aus. Wir waren damals gegenüber den Golan-Höhen im
Norden stationiert. Einen tief fliegenden Kampfjet hielten wir für eine
kanadische Maschine. Wir kamen aus unserem Versteck im Wald und applaudierten
der vermeintlich solidarischen Geste. Es war, wie wir später erfuhren, ein
syrisches Kampfflugzeug. Nachdem klar geworden war, dass Syrien, abgesehen von
solch symbolischen Akten, nicht in das Kriegsgeschehen eingreifen würde,
kommandierte man uns in die Westbank ab.
Ohne in ein Gefecht verwickelt zu werden, erreichten wir am Morgen des 7. Juni
die Stadt Nablus. Wir kamen mit Bussen der Gesellschaft Egged von Osten her. Ich
glaube, es war das erste und letzte Mal, dass die palästinensische Bevölkerung
so leidenschaftlich israelische Soldaten begrüsste. Sie hielt uns für eine
irakische Verstärkung. Als die Bewohner den Irrtum feststellten, ergriffen
viele die Flucht. Wir durchkämmten die hastig verlassenen Häuser, in denen zum
Teil sogar noch Mahlzeiten auf den Esstischen standen.
Befehl
zur Exekution
Aus Lust auf ein bisschen Action begann
einer meiner Kameraden, der sonst immer den Moralapostel gab, in einem Wohnhaus
herumzuballern. Nur unsere einheitliche Empörung stoppte den schiessfreudigen
«Prediger».
Es kam aber noch dicker.
Wir kehrten zu unserem Sammelpunkt am Stadtrand zurück. Bald wurde eine Gruppe
von zirka zehn verängstigten jungen Arabern zu uns gebracht. Es wurde erzählt,
dass Einheiten unseres Bataillons auf massiven Widerstand im Stadtzentrum
gestossen seien und es entsprechend auch einige Verluste auf unsere Seite gab.
Darauf wurde ein Ausgehverbot für die palästinensische Bevölkerung verhängt.
Die zehn Männer, die offensichtlich keine Ahnung davon hatten, wurden auf der
Strassen von Patrouillen erwischt.
Der Bataillonskommandat behauptete, dass diese Leute jordanische Soldaten seien,
die sich ihrer Uniform entledigt hätten und in Zivilkleidung geschlüpft seien.
Deshalb sollten sie als Spione behandelt werden. Der Kommandant erteilte den
Befehl, diese vermeintlichen «Agenten» zu exekutieren.
Wie
gelähmt zugeschaut
«Wir sind Soldaten und keine Mörder. Das
machen wir nicht», empörte ich mich und drückte damit praktisch die Meinung
fast des ganzen Zuges aus.
Danach herrschte Stille, die nur durch das Gewimmer eines dieser armen
Todeskandidaten unterbrochen wurde, der gemerkt haben muss, was ihn erwartete.
Er kroch am Boden und kratzte die Erde mit seinen Fingernägeln auf. Noch heute
verfolgen mich seine flehenden, fast unmenschlichen Laute.
Es meldeten sich dann doch zwei Freiwillige, die sich ansonsten, wenn es gefährlich
war, immer zu verstecken wussten. Sie erklärten sich bereit, das Gemetzel
durchzuführen.
Wir waren entsetzt und hatten das Gefühl, dass unsere Befehlsverweigerung im
Schlachtfeld den Bogen schon arg strapaziert habe. Deshalb schauten wir wie gelähmt
zu, als die wehrlosen Menschen abgeführt wurden. Später hörten wir die Schüsse.
Niemand sagte etwas.
Schreckliche
Erkenntnis
Jahrelang war ich der Meinung, dass wir mit
unserer Verweigerung in Nablus das Mögliche getan hätten. Wie eine Zeitbombe
explodierte einige Jahre später in mir die Erkenntnis: «Auch ich bin Teil
eines Kriegsverbrechens. Zwar verweigerte ich einen illegalen Befehl, das
Massaker habe ich trotzdem nicht zu verhindern versucht!»
Die Siegeseuphorie, welche das Land nach dem Krieg überrollte, widerte mich an.
Mit der Zeit fühlte ich mich mehr und mehr von der Regierung betrogen. Ich war
ja nicht in den Krieg gezogen, um neue Gebiete zu erobern, sondern mein Land zu
verteidigen, wie mir vorgegaukelt wurde. Ich war anfänglich so naiv zu glauben,
dass es nun endlich eine gute Chance für einen Frieden gebe. Die Rückgabe der
eroberten Gebiete sollte einen Friedensvertrag mit den arabischen Ländern ermöglichen.
Es kam bekanntlicherweise völlig anders.
Eine
Horrorvision
Heute, wo die israelischen Generäle sehr
stark auf eine Wiederbesetzung der palästinensischen Gebiete drängen und
dieser Schritt nur eine Frage der Zeit ist, wird mir ganz elend. Mir sind die
jetzigen Pläne der israelischen Armee in etwa bekannt, wie zum Beispiel die «Operation
Dornenfeld», welche mit der Tötung von 10 000 Palästinensern, mit bis zu 2000
israelischen Toten und mit neuen Vertreibungen rechnet.
Diese Horrorvision bereitet mir schlaflose Nächte. Ich weiss, die israelischen
Soldaten und Offiziere sind inzwischen noch skrupelloser geworden. Leute, die
ich gut kenne und auch sehr gerne habe, schreien wie Berserker nach Rache und
mehr Gewaltanwendung gegen die Palästinenser. Und ich weiss auch, dass die
wenigen mutigen Israelis, die den Kriegsdienst verweigern oder sonst gegen die
sich anbahnende Katastrophe protestieren, diese wohl kaum abzuwenden vermögen.
Genauso wenig, wie wir vor 34 Jahren das Massaker verhinderten.
SHRAGA ELAM* *Shraga Elam ist israelischer
Friedensaktivist und Recherchierjournalist in Zürich mit den Spezialgebieten
Nahostkonflikt und Zweiter Weltkrieg.
http://friedenjetzt.ch/ShragaElam/