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Shraga Elam, 27. Nov. 2002

Ein israelischer Protest gegen die Lieferung von Patriot-Raketen an Israel

Sehr geehrter Herr Bundeskanzler Schröder

Die deutsche Regierung liess sich -  wie zu erwarten war -  ohne weiteres erpressen und zeigt sich nun bereit, Luftabwehrraketen vom Typ "Patriot" an Israel zu liefern, angeblich, um dieses Land gegen eine eventuelle irakische Reaktion auf einen US-Angriff zu schützen.

Die israelische "Bitte" ist ein durchsichtiger zynischer Versuch, den berechtigten deutschen Widerstand gegen die US-Attacke durch die Verwendung der “Auschwitz-Keule” zu durchbrechen.

Die israelische Regierung ruft seit mehreren Monaten auf für einen Angriff gegen den Irak. Dies, obwohl kein israelischer Experte eine bestehende Gefahr aus dem Irak für Israel beweisen kann. Selbst der israelische Generalstabschef Mosche Ja'alon betonte in seiner programmatischen Rede vom 25. August 2002, welche schlimme rassistische Hetze gegen die PalästinenserInnen beinhaltete[*], dass der Irak keine existentielle Bedrohung darstelle.

Die israelische Pose als unschuldiges Opfer einer eventuellen irakischen Reaktion erinnert stark an einen Täter, der, nachdem er beide Eltern umbrachte, beim Gericht um Gnade und Verständnis bittet, weil er ein Waisenkind ist.

Hätte Israel nicht so stark für diesen absolut vermeidbaren Krieg gepuscht, so wären auch diese Abwehrraketen nicht nötig, und hätte sich die israelische Regierung massiv gegen einen Irak-Angriff eingesetzt, wäre dieser nur schwer vorstellbar. Statt dessen gehört Israel zu den grössten Kriegstreibern und verschiedener Quellen zufolge beteiligen sich bereits israelische Einheiten bei Militär-Operationen im Irak.

Die israelischen Interessen an einem Irak-Krieg sind vielfältig. Dazu zählen die Verstärkung der Beziehungen zu den USA im Rahmen der sog. Anti-Terror-Kampagne. Diese Kampagne bekommt immer mehr die Konturen, welche im Papier der Bush nahestehenden Organisation Project for the New American Century, (PNAC) beschrieben werden, und zwar mit dem Ziel, das US-Militär-Budget und eine US-Präsenz weltweit massiv zu erhöhen[**]. Auch Israel will einen Teil von dieser Kriegsdividende bekommen um, wie nach dem letzten Golfkrieg, die eigene marode Wirtschaft zu sanieren. Jetzt ist die Rede von 10 Milliarden US-Dollar als Kreditgarantie und 4 Milliarden US-Dollar als Militärhilfe - also eine zusätzliche Subventionierung von US- Waffenproduktions-Firmen und ebensolcher israelischer Unternehmen. Außerdem gibt es Anzeichen dafür, dass Israel den Irak-Angriff dazu benutzen will, eine Massenvertreibung der palästinensischen Bevölkerung durchzuführen (!).

Militärisch gesehen, braucht Israel durchaus nicht die deutschen "Patriots", denn einerseits ist Israel sehr stolz auf die eigene “Arrow”-Entwicklung, und andererseits gab es gerade diese Woche das Angebot der USA an Israel über die neueste Version des Patriot-Abwehrsystems. Dabei sollten wir uns über die Bezeichnung  “Abwehr” nicht täuschen lassen: es geht hier um einen wesentlichen Teil einer aggressiven Handlung!

Für die Bush-Administration war es daher unabdingbar, den deutschen Widerstand gegen den Irak-Angriff zu überwinden mit dem  vorhersehbaren - Ergebnis, die verfehlte deutsche Vergangenheitsaufarbeitung für ihre Kriegszwecke zu missbrauchen.

Ihre Regierung benutzt jetzt eine dünne Ausrede, um ihr Wahlversprechen nicht einzulösen. Vorauszusehen ist auch, dass bei einem irakischen Gegenangriff auf Israel der Rest der deutschen Bedenken wegfällt, und die Bundesrepublik das US-Israelische Abenteuer voll und offen unterstützen wird.

Dabei ist die Verhinderung dieses Krieges der beste Schutz auch für die jüdische Bevölkerung Israels.  Die deutsche Regierung und die deutsche Friedensbewegung darf dies nicht vergessen und sich ihrer grossen Verantwortung nicht entziehen!

Es muss bewusst gemacht werden, dass Deutschland aufgrund der Manipulation seines schlechten Gewissens die israelische Aggression gegen die PalästinenserInnen aktiv unterstützt. Als Sinnbild dafür stehen die Motoren der deutschen MTU, die die israelischen Panzer Merkava in ihrem Einsatz in der Westbank und im Gaza-Streifen vorantreiben. Um den Anschein eines Embargos zu wecken, wurde letzthin die Motoren-Montage per Lizenz an die US-Firma General Dynamics Land Systems delegiert.

Es muss wieder deutlich in Erinnerung gerufen werden, dass aus der schrecklichen Geschichte der NS-Zeit gelernt werden sollte, dass nur der kompromisslose Einsatz gegen Krieg die beste Sühne ist.

Sharon & Co. haben weder das Recht, den ganzen Nahen Osten, wenn nicht die ganze Welt, in grosse Gefahr zu bringen, noch die jüdische Katastrophe während der Nazi-Zeit hierfür zu missbrauchen!

Die deutsche Friedensbewegung und Öffentlichkeit ist aufgefordert, gegen die Regierungsentscheidung energisch zu protestieren und alle Kräfte zu mobilisieren, um einem gerechten Frieden im Nahen Osten näher zu kommen
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Shraga Elam
Israelischer Journalist und Friedenaktivist, Zürich/Schweiz

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[*] Die palästinensische Bedrohung »hat krebsartigen Charakter. Wie ein Krebsgeschwür ist auch sie unsichtbar«, erklärte der Armeechef Mosche Ja'alon bei einer Konferenz des israelischen Oberrabbinats am 25. August 2002. Der Oberbefehlshaber, Sohn einer Shoa-Überlebenden und von Experten als stärkster Mann Israels eingeschätzt, blieb aber nicht nur bei dieser Diagnose. In der Zeitung Ha'aretz vom 30. August beschrieb er das Vorgehen gegen die PalästinenserInnen als »Chemotherapie« und drohte mit einer Verschärfung. Für ihn gebe es nur einen Weg: den endgültigen militärischen Sieg, der ins palästinensische Bewusstsein einzubrennen sei.

[**] Rebuilding America's Defences: Strategies, Forces And  Resources For A New Century, A Report of The Project for the New American Century(PNAC) September 2000. http://www.newamericancentury.org/RebuildingAmericasDefenses.pdf

 

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