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Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 11.04.2003, Nr. 86 / Seite 37 Nicht die Bomben, sondern die Plünderungen richten den größten Schaden an. Schon nach dem ersten Golfkrieg wurden Tausende von Kunstwerken außer Landes geschmuggelt. Großen Statuen wurden die Beine abgesägt, damit sie besser in unauffällige Koffer paßten. Hunderte Menschen wurden, mit Bulldozern ausgerüstet, zu erbarmungslosen Grabräubern. Die Objekte tauchten noch bis Mitte der neunziger Jahre im internationalen Kunsthandel auf. Irakische
Kulturgüter Von Lisa
Zeitz "Im
südlichen Irak gibt es keine natürlichen Erhebungen. Bei den meisten Hügeln
handelt es sich um jahrtausendealte Siedlungen." Das mag den
schutzsuchenden Soldaten vielleicht gleichgültig sein, doch es war einer der
Punkte, die der Archäologe und Irak-Experte McGuire Gibson aus Chicago im
Januar mit dem amerikanischen Verteidigungsministerium besprach. Bei dem nicht
viel länger als eine Stunde dauernden Gespräch wurden dem Ministerium über
hundert archäologische Grabungsstätten, Museen und Heiligtümer nahegelegt,
die doch bei der Eroberung des Zweistromlandes bitte verschont werden sollten. Dem
Treffen wohnten auch Mitglieder des "World Monuments Fund" bei und -
was sich derzeit in der globalen Gerüchteküche des Internets zu einem
regelrechten Skandal ausweitet - Mitglieder des "American Council for
Cultural Policy" (ACCP), einer privaten Vereinigung von reichen Sammlern
und einflußreichen Anwälten mit Sitz in New York, deren Anliegen es ist, den
Handel mit Antiquitäten weltweit zu erleichtern. Gegründet
wurde der Verein im vergangenen Jahr, nachdem der angesehene New Yorker Antiquitätenhändler
Frederick Schultz nach einer erstaunlich strengen Gerichtsverhandlung zu einer
Haftstrafe von fast drei Jahren verurteilt wurde, weil er einen ägyptischen
Pharaonenkopf für 1,2 Millionen Dollar verkauft hatte, der Jahre zuvor als
billiges Touristensouvenir getarnt außer Landes geschmuggelt worden war (F.A.Z.
vom 10. August 2002). Mitglieder des ACCP und andere Prominenz haben sich für
Schultz eingesetzt. Einengende
Bestimmungen lockern Der
ACCP-Gründer Ashton Hawkins berät als Jurist zum Beispiel die Neue Galerie,
das feine neue Museum an der Fifth Avenue, das sich ganz auf deutsche und österreichische
Kunst spezialisiert hat. Weitere berühmte Gründungsmitglieder sind Shelby
White und ihr in dieser Woche verstorbener Mann Leon Levy. Das philanthropische
Sammlerpaar hat mehr als 140 Millionen Dollar in Nonprofitprojekte gesteckt,
damit Grabungen finanziert und der Universität Harvard Geld zur Publikation von
Grabungsberichten bereitgestellt - ein Bereich, der Sponsoren meistens
unattraktiv erscheint. Das Metropolitan Museum hat zwanzig Millionen Dollar
erhalten und seinen neuen Flügel mit römischer und griechischer Kunst nach dem
Paar benannt. Die
besorgniserregende Aussage, man wolle die einengenden (retentionist)
Zollbestimmungen der Ära Saddam Hussein liberalisieren, stammt von William
Pearlstein, dem Schatzmeister des ACCP. Er hat die Gemeinschaft der Archäologen
erschauern lassen: "Die Vereinigten Staaten planen Plünderung irakischer
Antiquitäten" betitelte diese Woche der "Sunday Herald" seine
Meldung. Der ACCP begreift sich selbst als Vertretung von Sammlern,
Museumsleuten und Händlern. Man argumentiert erwartungsgemäß, daß ein
legaler und zivilisierter Handel mit antiker Kunst einer Prohibition vorzuziehen
wäre, die den Schwarzmarkt blühen lasse. Denn gerade in der Illegalität gehe
jegliche Dokumentation verloren, werde jede Spur absichtlich verwischt. Zeit für
Wachsamkeit Gegen
eine Änderung der irakischen Ausfuhrbestimmungen setzt sich vehement Professor
Jane Waldbaum ein, Direktorin des American Institute for Archeology: "Die
Gesetze wurden noch vor der Regierung Saddam Husseins implementiert. Sie
entsprechen den allgemein üblichen Vereinbarungen. Es sind gute Gesetze."
Patty Gerstenblith, Archäologin und Jura-Professorin an der DePaul University
in Chicago, ist ebenfalls überzeugt: "Anstatt bestehende Gesetze zu schwächen,
ist jetzt die Zeit für Wachsamkeit und besonders strenge Gesetzestreue" -
im Irak und im Westen. Patty Gerstenblith hat noch keine Anzeichen bemerkt, daß
die Regierung der Vereinigten Staaten beabsichtigt, die irakischen Gesetze in
bezug auf die Antiquitäten zu schwächen. Endlich bestreitet Ashton Hawkins vom
ACCP selbst die Aussage seines Schatzmeisters Pearlstein: "Wir sind absolut
dagegen, die bestehenden irakischen Ausfuhrbestimmungen zu ändern." Die Kluft
zwischen Sammlern und Archäologen, heißt es in New York, sei so unüberbrückbar
wie die zwischen Abtreibungsbefürwortern und -gegnern. In der Zeitschrift
"Art Newspaper" wurde Hawkins mit der Aussage zitiert, manchmal sei
die Verstreuung von Kulturgütern ein Garant für deren Erhaltung. Jane Waldbaum
dagegen sagt kategorisch: "Sammeln heißt, Dinge aus ihrem Kontext
herauszunehmen." Kunstwerke
außer Landes Doch in
einem Punkt sind sich die Parteien einig: Nicht die Bomben, sondern die Plünderungen
richten den größten Schaden an. Schon nach dem ersten Golfkrieg wurden
Tausende von Kunstwerken außer Landes geschmuggelt. Großen Statuen wurden die
Beine abgesägt, damit sie besser in unauffällige Koffer paßten. Hunderte
Menschen wurden, mit Bulldozern ausgerüstet, zu erbarmungslosen Grabräubern.
Die Objekte tauchten noch bis Mitte der neunziger Jahre im internationalen
Kunsthandel auf, natürlich ohne Dokumentation. Wie im
ersten Golfkrieg verbringen irakische Archäologen wieder Tag und Nacht neben
Kunstwerken im Nationalmuseum von Bagdad, um sie zu schützen. Doch viele Stätten
ermangeln jeglicher Dokumentation, so daß man nicht einmal feststellen kann,
was derzeit alles entfernt wird. Werke aus allen Epochen sind in Gefahr -
sumerische Schrifttafeln, Statuen, assyrische Steinreliefs, fünftausend Jahre
alte Rollsiegel, Goldschmuck und Schätze des Islam. "Man wird sehen",
sagt Jane Waldbaum, "was nächstes Jahr alles in den Auktionshäusern
auftauchen wird, in der Schweiz, in London und New York." Frankfurter
Allgemeine Zeitung, 11.04.2003, Nr. 86 / Seite 37 |
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