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15. Mai 2003

Aufruf von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

Sozialstaat reformieren statt abbauen­
Arbeitslosigkeit bekämpfen statt Arbeitslose bestrafen
 
Mit den in der "Agenda 2010" angekündigten Maßnahmen will die rot-grüne
Bundesregierung die Bundesrepublik bis zum Ende des Jahrzehnts aus der
Wirtschafts- und Arbeitsmarktkrise führen. Die Blockaden der letzten
Jahre sollen überwunden, die Wirtschaft belebt und vor allem
Arbeitsplätze geschaffen werden. Wir bezweifeln aber, dass die Ansätze
tatsächlich geeignet sind, diese Ziele zu erreichen. Im Wesentlichen
konzentriert sich die Agenda 2010 auf drastische Leistungskürzungen in
den sozialen Sicherungssystemen. Dazu zählen vor allem die Kürzung der
Dauer des Arbeitslosengeldes, die faktische Abschaffung der
Arbeitslosenhilfe, Verschärfung von Zumutbarkeitsregelungen,
Ausgliederung des Krankengeldes aus der paritätischen Finanzierung,
Aufweichungen des Kündigungsschutzes sowie die nochmalige Absenkung des
Rentenniveaus. Der Opposition, den Wirtschafts- und
Arbeitgeberverbänden, vielen wissenschaftlichen Beratungsgremien sowie
weiten Teilen der Medien gehen diese Einschnitte noch nicht weit genug.
Unter der Devise „Weniger Sozialstaat = mehr Beschäftigung“ hat ein
Wettlauf um den Abbau der Kernelemente des Sozialstaats eingesetzt. So
wollen CDU/CSU in den anstehenden Verhandlungen mit der Regierung
Eingriffe in Tarifvertragsgesetz und Tarifautonomie sowie die Absenkung
der Sozialhilfe durchsetzen.

Wir widersprechen dieser Politik, weil die angekündigten Maßnahmen die
Probleme auf dem Arbeitsmarkt nicht beseitigen werden. Eine Politik, die
auf der einen Seite mit den falschen Rezepten operiert, auf der anderen
Seite dem Druck konservativer Lobbygruppen nachgibt, ist weder mutig
noch reformorientiert. Die geplanten Einschnitte verletzen die
Prinzipien sozialer Gerechtigkeit und gefährden die Substanz des
Sozialstaates, schaffen aber keine Arbeitsplätze. Wir widersprechen der
These, dass der Sozialstaat nicht mehr finanzierbar und die Ursache von
Wachstumsschwäche und Arbeitslosigkeit sei.

Der eingeschlagene Weg führt in die falsche Richtung, weil der Politik
eine falsche Krisendiagnose zu Grunde liegt.

- Die andauernde Massenarbeitslosigkeit ist die Folge fehlender
Arbeitsplätze und nicht die Folge fehlender Arbeitsbereitschaft. Wer
glaubt, die Arbeitsmarktkrise durch noch mehr Druck auf die Arbeitslosen
zu lösen, bekämpft die Arbeitslosen, aber nicht die Arbeitslosigkeit.
Die Kürzungen bei der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes und die
Zusammenführung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe auf dem Niveau der
Sozialhilfe führen zu gravierenden Einkommenseinbußen bei den
Arbeitslosenhaushalten und verschärfen das ohnehin schon hohe
Armutsrisiko der Betroffenen.

- Eine Politik, die Arbeitslose unter dem Druck der materiellen
Verhältnisse dazu treibt, Arbeit „um jeden Preis“ anzunehmen, fördert
die Ausbreitung einer Niedriglohnökonomie auch in Deutschland. Eine
solche Entwicklung steht im Widerspruch zum dringend notwendigen Ausbau
qualifizierter Dienstleistungen und führt zu problematischen
Verdrängungseffekten auf dem Arbeitsmarkt, nicht aber zu insgesamt mehr
Beschäftigung. Besser bezahlte, gesicherte Arbeit wird durch schlechter
bezahlte, prekäre Arbeit ersetzt. Die Arbeits- und Einkommensbedingungen
der Beschäftigungsverhältnisse insgesamt werden gefährdet.

- Die Aufweichung des Kündigungsschutzes wird das ohnehin reduzierte
Schutzniveau in Kleinbetrieben noch weiter herabsetzen, ohne dass neue
Arbeitsplätze geschaffen werden. Dies zeigen die Erfahrungen der Jahre
1997 und 1998. Ein beliebiges Unterlaufen tarifvertraglicher Regelungen
durch betriebliche Vereinbarungen würde die zentrale Funktion des
Flächentarifvertrags außer Kraft setzen, Mindeststandards für Arbeits-
und Einkommensbedingungen zu garantieren.

- Die Ursachen für die gegenwärtige Finanzkrise liegen nicht im
sozialstaatlichen System und dessen vermeintlich zu üppigen Leistungen.
Die Finanzierungsdefizite sind in erster Linie Folge der Finanzierung
der deutschen Einheit über die Sozialversicherung sowie der chronischen
Arbeitsmarktkrise. Die steigende Arbeitslosigkeit führt zu erhöhten
Ausgaben und sinkenden Beitrags- und Steuereinnahmen. Zur Finanzkrise
hat aber auch die Steuerpolitik der letzten Jahre beigetragen, die die
Entlastungen auf die Unternehmen, hohen Einkommen und die
Vermögensbesitzer konzentriert hat. Insbesondere die Einnahmen aus
Gewerbesteuer, Körperschaftsteuer und veranlagter Einkommensteuer sind
eingebrochen.

- Die Finanzierungsprobleme und die steigenden Beitragsbelastungen in
den Systemen der sozialen Sicherung werden durch Leistungsausgrenzungen
(mit Verweis auf die private Vorsorge) oder verstärkte Zuzahlungen
(Praxisgebühr, Arzneimittel usw.) nicht beseitigt. Es kommt dadurch
lediglich zu einer Verlagerung der Finanzierung zu Lasten der
Versicherten und vor allem der Kranken. Hinzu kommt, dass sich die
Beitragszahlungen bei Privatversicherungen nach dem individuellen Risiko
richten ­ ohne Berücksichtigung der Einkommens- und
Familienverhältnisse. Es käme zu Unterversorgungen gerade jener Gruppen
der Gesellschaft, die wegen ihrer Arbeits-, Lebens- und
Einkommensbedingungen besonders hohe Gesundheitsrisiken tragen. Auch die
Finanzierung des Krankengeldes allein durch die Versicherten ändert
nichts an der Ausgabenentwicklung im Gesundheitssystem, sie ist
ausschließlich eine Umverteilung zu Gunsten der Unternehmen und höhlt
das Prinzip der paritätischen Finanzierung durch Arbeitgeber und
Arbeitnehmer aus.

Mit dem eingeschlagenen Weg werden das Sozialstaatsprinzip und die
Grundlagen einer auf den sozialen Ausgleich gerichteten
Gesellschaftsordnung gefährdet. Wir widersprechen der Behauptung, dass
diese Einschnitte „alternativlos“ sind. Ein hohes Beschäftigungsniveau
und ein ausgebauter Sozialstaat müssen ­ wie Beispiele aus europäischen
Nachbarländern zeigen - keine Gegensätze sein. Um das zu erreichen, sind
jedoch Maßnahmen in der Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie
Arbeitsmarkt und Sozialpolitik notwendig, die den Namen „Reform“
tatsächlich verdienen. Dazu zählen insbesondere folgende Punkte:

- Um die Arbeitslosigkeit abzubauen und den Sozialstaat zu sichern, ist
eine Umkehr in der Wirtschafts- und Finanzpolitik zwingend erforderlich.
Die öffentlichen Investitionen müssen ausgebaut statt gekürzt werden.
Durch ein öffentliches Investitionsprogramm können die überfällige
Modernisierung von Infrastruktur und Umwelt sowie der Ausbau des
Bildungssystems in Angriff genommen werden. Dies schafft kurzfristig
Arbeitsplätze und sichert mittel- und langfristig die Zukunftsfähigkeit
Deutschlands. Statt durch Sozialleistungskürzungen die Kaufkraft gerade
in den unteren und mittleren Einkommensbereichen zu begrenzen, bedarf es
einer Stabilisierung und Erhöhung des privaten Konsums.

- Ein ausgebauter Sozialstaat kann kein „billiger“ Staat sein. Nur
Reiche können sich einen armen Staat leisten. Die Belastungen durch
Steuern und Abgaben müssen sich aber nach der finanziellen
Leistungsfähigkeit richten. Erforderlich ist deshalb eine Steuerreform,
die sich am Maßstab sozialer Gerechtigkeit orientiert und Unternehmen
sowie hohe Einkommen und Vermögen wieder stärker an der Finanzierung
öffentlicher Aufgaben beteiligt.

- Gerade in der Arbeitsmarktkrise bedarf es der Verstetigung der aktiven
Arbeitsmarktpolitik. Es ist notwendig aber nicht ausreichend, die
Arbeitsverwaltung und Arbeitsvermittlung zu effektivieren. Der 2.
Arbeitsmarkt und die Bildungsförderung dürfen nicht weggeschlagen,
sondern müssen weiterentwickelt werden. Die Zusammenführung von
Arbeitslosen- und Sozialhilfe muss ohne die angekündigten
Leistungseinbußen geregelt werden.

- Statt der Verkürzung der Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes und der
angekündigten Heraufsetzung von Altersgrenzen und Rentenabschlägen
bedarf es einer veränderten, altersgerechten Personalpolitik der
Unternehmen. Wenn die Frühausgliederung gestoppt und Ältere länger im
Arbeitsleben verbleiben sollen, dann sind dafür in den Betrieben und
Verwaltungen zunächst die Voraussetzungen zu schaffen.

- Allein durch Wachstum lässt sich die Arbeitslosigkeit nicht abbauen.
Der gegenwärtige Stillstand in der Arbeitszeitpolitik muss überwunden
und durch unterschiedliche Formen individueller und allgemeiner
Arbeitszeitverkürzungen abgelöst werden. Ziel muss es sein, das
begrenzte Erwerbsarbeitsvolumen auf mehr Menschen zu verteilen. Dazu
gehört aber auch, die Nicht-Erwerbsarbeit zwischen den Geschlechtern
egalitär aufzuteilen.

- Die Sicherung der Finanzierungsbasis des sozialen Sicherungssystems
erfordert zum einen ein sozial gerechtes Ausschöpfen der
Rationalisierungsreserven. Qualität und Effizienz der Systeme müssen
erhöht und die Risikoprävention gestärkt werden. Zum andern ist ein
solidarisches Sicherungssystem auf Dauer nur tragfähig, wenn auch die
gesamte Bevölkerung zu seiner Finanzierung beiträgt. Angesichts der
Finanzierungsprobleme insbesondere bei der Renten- und
Krankenversicherung muss der Weg in Richtung einer allgemeinen
Erwerbstätigenversicherung eingeschlagen werden, bei der das gesamte
Einkommen Maßgröße für den Finanzierungsbeitrag ist.


Prof. Dr. Gerhard Bäcker, Duisburg
Prof. Dr. Heinz Bierbaum, Saarbrücken
Prof. Dr. Karin Böllert, Münster
Prof. Dr. Hans-Ulrich Deppe, Frankfurt
Prof. Dr. Dieter Eißel, Gießen
Prof. Dr. Heiner Ganßmann, Berlin
Prof. Dr. Walter Hanesch, Darmstadt
Prof. Dr. Arne Heise, Hamburg
Prof. Dr. Friedhelm Hengsbach, Frankfurt
Prof. Dr. Klause Hofemann, Köln
Prof. Dr. Ernst-Ulrich Huster, Bochum
Prof. Dr. Klaus-Peter Kisker, Berlin
Prof. Dr. Ulla Knapp, Hamburg
Prof. Dr. Ingrid Kurz-Scherf, Marburg
Prof. Dr. Friederike Maier, Berlin
Prof. Dr. Hans-Uwe Otto, Bielefeld
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, Frankfurt
Prof. Dr. Joachim Trube, Siegen
Prof. Dr. Norbert Wohlfahrt, Bochum
Prof. Dr. Karl-Georg Zinn, Aachen

Wir bitten, die Bereitschaft zur Unterzeichnung 
(mit Hinweis auf Titel und Arbeits- bzw. Wohnort) per E-Mail ... zu übermitteln":
->> Sozialaufruf von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

 

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