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Auch heute gefährdet der Zionismus die jüdischen Menschen in der ganzen Welt wie keine andere Kraft. Denn die aggressive und verbrecherische israelische Politik bedroht nicht nur die AraberInnen, sondern auch Juden und Jüdinnen, die in Israel, aber auch ausserhalb leben. So kann kein Zweifel bestehen, dass die gegenwärtige weltweite Zunahme an anti-jüdischen Gefühlen direkt und indirekt mit den israelischen Kriegsverbrechen und mit dem Missbrauch des NS-Judeozids als Rechfertigung für diese zu tun haben. Ist
Antizionimus mit Judeophobie gleichzusetzen? Eine Reflexion über Antizionismus und eine anti-nationalistische Vision für die PalästinenserInnen und Israelis
Shraga Elam[i] Darf das Existenzrechts Israels in Frage gestellt werden? Die ZionistInnen und ihre AnhängerInnen antworten: Nein. Die Juden und Jüdinnen seien ein Volk wie alle andere und deshalb dürfen auch sie eine territoriale Definition, sprich ein eigenes Land, und zwar im Nahen Osten, haben. Wer dem widerspricht, vor allem nach dem Zweiten Weltkrieg, sei entsprechend anti-jüdisch, denn angeblich hat die damalige Geschichte gezeigt, wie bitter nötig ein Judenstaat gewesen sei. Die ZionistInnen behaupten demnach: hätte es den Staat Israel während der Nazi-Zeit gegeben, so wäre es gar nicht zum Völkermord gekommen. In der Tat bin auch ich der Meinung, dass diejenigen, die nur den jüdischen Menschen eine Volkszugehörigkeit absprechen, sich auf rassistischem Glatteis bewegen. Meiner Meinung nach gibt es im Allgemeinen keine Völker oder Nationen. Es bestehen nur fiktive Gebilde, an welche Menschen glauben, und insofern gibt es nur auf dieser Glaubensebene ein "Volk" oder eine "Nation". Anders gesagt ist ein Volk eine Gruppe von Menschen, die sich als Volk betrachtet und Kraft dieses Glaubens diesem vermeintlichen Wesen eine "Existenz" verleiht. Hegel und Marx nannten diesen Hergang „Entfremdung“. Eine menschliche Phantasie erlangt eigene Macht über uns, ohne dass wir erkennen, dass es dabei um unsere eigene Kreation geht, die uns beherrscht. Entsprechend sollen die Menschen diese Illusion mit ihren schrecklichen Auswirkungen überwinden, um mehr Freiheiten zu gewinnen. Insofern kann, wer solche Ziele verfolgt, bestimmt nicht als Rassist angesehen werden. Ganz im Gegenteil, denn der Nationalismus ist mit Rassismus sehr eng verwandt. Die Vorteile der Überwindung im jüdischen Kontext sind eigentlich leicht zu erkennen, denn es gibt im Moment keinen Ort auf der Erde, an dem die jüdischen Menschen mehr als in Israel gefährdet sind. Israel ist schon deshalb als Zufluchtsort für die jüdischen Menschen eine Fiktion. Ein echter Zufluchtsort war Israel nie und ist es auch heute nicht. Die Überlebenden des Nazi-Judeozids wurden in Israel missbraucht und schlecht behandelt wie in kaum einem anderen Land (darüber gibt es reichlich israelische Literatur[ii]). Ich kann anhand meiner intensiven Recherchen feststellen, dass ohne den Zionismus viel mehr jüdische Menschen während der Nazi-Zeit gerettet worden wären. Mir liegt z.B. ein Brief des wichtigsten zionistischen Führers, David Ben–Gurion, aus dem Jahre 1938 vor, in dem er deutlich auf den grundsätzlichen Widerspruch zwischen Judenrettung und der Verfolgung der zionistischen Ziele hinweist. Für ihn waren die Rettungsaktionen sogar eine Bedrohung für den Zionismus! Im Dezember 1938 schrieb Ben-Gurion: »Wenn die Juden vor der Wahl zwischen den Flüchtlingen, der Rettung von Juden aus Konzentrationslagern und der Unterstützung der nationalen Heimstätte in Palästina stehen, dann wird das Mitleid die Oberhand behalten, und die ganze Energie der Leute wird in die Rettung von Juden aus verschiedenen Ländern kanalisiert werden. Der Zionismus wird nicht nur in der öffentlichen Meinung in der Welt und in Grossbritannien von der Tagesordnung gestrichen werden, sondern auch von der jüdischen öffentlichen Meinung anderswo. Wenn wir eine Trennung des Flüchtlings- vom Palästina-Problem zulassen, riskieren wir die Existenz des Zionismus[iii].« Entsprechend handelte die Jewish-Agency-Führung unter Ben-Gurion, wenn sie bestimmte Rettungsaktionen sabotierte. Denn im damaligen politischen Kontext konnte das jüdische Flüchtlingsproblem nicht im Rahmen des zionistischen Projekts gelöst werden, wenn es um gross angelegte und realistische Rettungsmöglichkeiten ging. Also war während der NS-Zeit die Trennung zwischen der Rettungsaktivität und der Errichtung eines jüdischen Staates notwendig, um eine grosse Anzahl von Juden und Jüdinnen zu retten; dazu aber war Ben-Gurion nicht bereit. Wie auch die Arbeit der israelischen Historikerin Idith Zertal[iv] zeigt, war die zionistische Rettungstätigkeit auch nach dem Zweiten Weltkrieg mehrheitlich dem nationalistischen Projekt untergeordnet. Auch heute gefährdet der Zionismus die jüdischen Menschen in der ganzen Welt wie keine andere Kraft. Denn die aggressive und verbrecherische israelische Politik bedroht nicht nur die AraberInnen, sondern auch Juden und Jüdinnen, die in Israel, aber auch ausserhalb leben. So kann kein Zweifel bestehen, dass die gegenwärtige weltweite Zunahme an anti-jüdischen Gefühlen direkt und indirekt mit den israelischen Kriegsverbrechen und mit dem Missbrauch des NS-Judeozids als Rechfertigung für diese zu tun haben. Es stellt sich die Frage, ob die nationale Definition für die jüdischen Menschen im Nahen Osten moralisch und politisch klug war und ist. Tatsache ist, dass das zionistische Unternehmen ein kolonialistisches Projekt war und ist, und zwar nicht erst ab 1967. Da doch eine sog. nationale Definition für die jüdischen Menschen angestrebt wurde, warum ging diese auf Kosten der PalästinenserInnen und nicht auf jene - z.B. - der Deutschen? Diese Frage ist zwar heute eher theoretisch, es sollte aber daran erinnert werden, dass es am Anfang der jüdischen nationalen Bewegungen solch heisse Debatten gab. Denn während die überwiegende Mehrheit der jüdischen Menschen gegen den nationalistischen Weg waren (eigentlich lebt die Mehrheit bis heute ausserhalb von Israel und denkt auch nicht wirklich daran, nach Israel auszuwandern), stand ein nationales Projekt nicht nur in Palästina zur Diskussion, sondern auch in Ländern wie Uganda, Argentinien, aber auch in gewissen Gebieten Polens und Russlands, die hauptsächlich von jüdischen Menschen bewohnt waren. Deshalb sollte nicht zugelassen werden, dass antizionistische Positionen automatisch mit antijüdischer Haltung identifiziert werden. Ein anderes Problem, dass sehr oft auftaucht, ist, dass jede Kritik an der israelischen Regierung und Armee als antijüdisch bezeichnet wird. Es ist aber „positiv“-rassistisch, einen Staat, Organisationen oder Menschen ausserhalb der Kritik zu stellen. Damit will ich nicht sagen, dass es keine Israel-KritikerInnen gibt, die nicht zwischen diesem Staat, seiner Regierung, jüdischen Menschen und jüdischen FunktionärInnen unterscheiden können. Für solche Menschen übrigens, aber auch für viele Juden und Jüdinnen, gibt es nur eine Kategorie: DIE JUDEN. DIE JUDEN aber gibt es nicht. Es gibt verschiedene jüdische Menschen unterschiedlicher Schattierung. Wenn jüdische öffentliche Personen wie Michel Friedman, Paul Spiegel usw. ihre Auschwitz- bzw. Antisemitismus-Keule schwingen und die Arroganz der Macht ausstrahlen, so erwecken sie mit ihrem heuchlerischen Ansatz – zu Recht – Abscheu und Hass bei breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung. Leider unterscheiden nicht alle Nicht-Juden zwischen diesen FunktionärInnen und dem Rest der jüdischen Menschen und meinen, dass die DIE JUDEN viel zu viel Macht haben und diese missbrauchen. Diese Pauschalisierung ist rassistisch, wird aber durch die Medien und durch die PolitikerInnen eigentlich noch verstärkt und unterstützt. Es besteht die dringende Notwendigkeit einer klaren Definition der Judeophobie. Eine Definition, welche die Emanzipation der Gesellschaft fördern und nicht blockieren sollte. Sehr viele Menschen - inklusive Juden und Jüdinnen - wissen nicht genau, was Judeophobie heute bedeutet und dadurch entsteht mehr Raum für den Missbrauch und für die inflationäre Verwendung des Antisemitismus-Vorwurfes. Viele der gängigen Mainstream-Definitionen, die z.B. Anti-Zionismus und Judeophobie automatisch gleichsetzen, sind faktisch unhaltbar und dienen lediglich dazu, gefährliche politische Ziele zu unterstützen. Die europäischen Erfahrungen zeigen deutlich, wie verheerend die Folgen des Nationalismus sind. In Palästina/Israel können wir ebenfalls die schrecklichen Auswirkungen des Nationalismus sehen. Wenn die dort lebenden Menschen - PalästinenserInnen wie Israelis - nicht auf ihren Nationalismus verzichten, ist eine noch schlimmere Katastrophe vorprogrammiert. Ein a-nationalistisches, multikulturelles und säkulares System ist meiner Meinung nach die einzige seriöse Möglichkeit, doch noch aus der unmöglichen Situation herauszukommen. Die sog. Zwei-Staaten-Lösung ist absolut nicht realistisch und wird auch die Probleme nicht lösen. U.a. weil Israel als Staat der Juden und Jüdinnen bedeutet, dass die nicht-jüdischen Menschen (immerhin jetzt etwa 30-35% der BewohnerInnen im sog. Kernland Israels) per Definition nicht gleichberechtigt sein können und werden. Auch der ehemalige Geheimdienst-Chef Ami Ayalon realisierte, dass es einen Widerspruch zwischen Israel als Judenstaat und der Demokratie gibt. Wenn behauptet wird, dass kurzfristig nicht zu erwarten sei, dass die Menschen im Nahen Osten auf die Illusion des Nationalismus verzichten möchten, dann muss realisiert werden, dass eigentlich die nationalistische Ideologie bei vielen Menschen weniger tief sitzt, als es die oberflächlichen Erscheinungen vermuten lassen. Es bräuchte, so bin ich der tiefen Überzeugung, einige erfolgreiche Aktivitäten antinationalistischer Kräfte, die eine Veränderung bewirken könnten, denn die Alternativen sind schrecklich.
Zürich, September 2003 _________________ [i]
Shraga Elam ist israelischer Recherchierjournalist und Friedensaktivist in Zürich.
Seine Spezialgebiete sind der Israel-Palästina-Konflikt, die
Juden-Vernichtung, die Rolle der jüdischen Organisationen während der
NS-Zeit und die Schweiz im Zweiten Weltkrieg. Elam,
Sohn eines jüdischen deutschen Flüchtlings, wurde 1947 in Haifa geboren
und nahm als Soldat der israelischen Armee an drei Kriegen teil. Seit 1979
wohnt er in der Schweiz. Sein
Buch Hitlers Fälscher (Ueberreuter Verlag, Wien 2000), über die
Zusammenarbeit zwischen der Jewish Agency und den Nazis, welches brisantes
Material enthält, erntete grosse Anerkennung in Fachkreisen. Es war Elam,
der im Dezember 2000 auf den israelischen Masterplan "Operation
Dornenfeld" hinwies, der seit Anfang der jetzigen Intifada Schritt für
Schritt umgesetzt worden ist und als Schlussziel die Vertreibung der PalästinenserInnen
vorsieht. [ii]
s. z.B. Hanna Yablonka.
Survivors of the
Holocaust: Israel after the War. Translated by Ora Cummings. New York: New
York University Press. 1999 [iii] Brief David Ben-Gurions an die komprimierte zionistische Exekutive, am 17. Dezember 1938, in John Bunzl, Der lange Arm der Erinnerung, Böhlau Verlag 1987 S. 65-66 und im Zionistischen Zentralarchiv Jerusalem, S25/7627 [iv]
Idith Zertal,
From Catastrophe to Power : Holocaust survivors and the emergence of Israel,
Berkeley : University of California Press, 1998
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