|
|
Von Mauern und Zäunen
Ellen
Rohlfs,
Dez. 2003 Noch
immer sehe ich die graue, überdimensionale Mauer vor mir, als wir Ende
Oktober km-lang an ihr vorbeifuhren: eine Gefängnismauer? Nein, eine ganze
Stadt - Kalkilia - liegt dahinter -aber wir sahen nichts von ihr, absolut
nichts. Seitdem geht mir die Mauer nicht mehr aus dem Sinn. Sie
war für uns kein Hindernis, wie gesagt, wir fuhren nur vorbei. Und die
Bewohner der Stadt? Gefängnisinsassen? Seitdem denke ich über Mauern nach
und erinnere mich an Mauern, über die ich gelesen und die ich selbst
gesehen habe. Die
sagenhaften und biblischen Mauern zu Jericho - angeblich über 3000
Jahre alt - hat es nach Erkenntnis israelischer Archäologen[i]
nie gegeben – also haben weder die Priester mit Trompetenschall noch das
Kriegsgeschrei des israelitischen Volkes sie zu Fall bringen können. Die
Chinesische Mauer – das größte Bauwerk der Erde, das sogar vom
Mond zu sehen und in Teilen 2200 Jahre alt sein soll, wurde einmal zur
Abwehr von Nomadeneinfällen gebaut: fast 2500km lang – heute die Touristenattraktion
Chinas- jedem besuchenden, ausländischen Staatsmann wird sie mit Stolz
vorgeführt. Die
Klagemauer in Jerusalem, Stützmauer des von Herodes erweiterten
Tempelplatzes– heute heiligste Stätte frommer Juden, da Erinnerung an den
zerstörten Tempel. Über ihr soll nach jüdischer Tradition Gottes Geist
schweben. Diese Mauer ist aber niemals Teil des Tempelgebäudes gewesen, wie
zuweilen behauptet wird. Dass sie zusammen mit dem Tempelberg ein
Streitobjekt bei allen sog. Friedensverhandlungen ist, ist verständlich.
Nur ein weiser, frommer, jüdischer Philosoph[ii]
hätte die Klagemauer um des Friedens willen längst abgegeben, sie sei doch
nur eine „fromme Disco“. Die
riesigen Steinblöcke allein erfüllten mich mit Erstaunen und Fragen: Wie
konnten sie vor 2000 Jahren so aufeinandergerichtet werden? Auf
dem Limes - dem ca 500 km
langen Grenzwall der Römer gegen die Germanen – wanderten wir im
fränkischen Jura als auch historisch interessierte Pfadfinderinnen entlang.
Stadtmauern
wie die um Rothenburg, Carcaconne, Toledo und Jerusalem gehören heute zum
fotogenen Stadtbild. Einst schützten sie wirklich die Einwohner vor räuberischen
Banden und kriegerischen, größenwahnsinnigen Heerführern. Seit
Tausenden von Jahren werden Hausmauern aus Lehm, Flechtwerk und
Steinen zu den eigenen vier Wänden und sollten das Leben der Menschen vor
den Unbilden der Natur, vor Regen, Kälte, Frost, Schnee und zu viel Sonne
schützen.. Auch vor neugierigen Augen, vor Räubern und Dieben. Die Hauswände
schützen die Familie, die Kinder, Kranken und Alten, jeder fühlt sich wohl
in seinen eigenen Wänden --das mutwillige Zerstören der Hausmauern – ob
in Stalingrad, Dresden, Grosny, Kabul, in Jenin oder Bagdad ist nur eines
der Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Mauern
oder monströse Zäune, elektrisch geladen und
aus Stacheldraht umgaben unzählige Konzentrationslager,
Baracken, Gasöfen, Krematorien und Millionen von Menschen - und nur wenige
kamen lebend heraus. Viele sollen sich verzweifelt in diese todbringenden Zäune
geworfen haben. Einmal bin ich als Kind an wahrscheinlich solch einem Zaun
mit einem Ausflugsschiff auf der Havel vorbeigefahren ohne zu ahnen, was
dahinter geschieht. Mit Ghettomauern hatten diese Zäune nur das eine
gemeinsam, dass hinter ihnen vor allem Juden lebten und verhungerten. Also
sollte ich nicht nur über Mauern sondern auch über Zäune und ihre
Funktionen nachdenken. Wer
weiß außer den Militärs noch etwas über den West- und den
Atlantikwall, die Maginot- und die Barlew-Linie – alles lächerliche
und teure Grenzbefestigungen aus Wällen, Zäunen, Bunkern, und
Beobachtungstürmen im 20. Jahrhundert. Haben sie die sog. Feinde
abgehalten? Sie hatten nur psychologischen Wert, um die Bevölkerung eine
Weile ruhig zu halten. Die
Berliner Mauer – erweitert
als der „eiserne Vorhang“ bekannt–
wurde 1961 auf der Grenze zwischen Ost- und Westberlin, zwischen dem
Ostblock und dem Westen gebaut. Sie trennte Familien – auch meine eigene -
vernichtete Pläne und Träume – und manch einer wurde an der Mauer, beim
Versuch, sie flüchtend zu überwinden, erschossen. Aber :es wurden ja nur
Befehle ausgeführt. Sie war für alle Ewigkeit gedacht – und fiel nach 30
Jahren unter dem Jubel der Berliner Bevölkerung. Trompeten waren nicht nötig
– und Gott sei Dank! auch kein Kriegsgeschrei. Ein
„Bollwerk Europas gegen die Barbarei Asiens“ wollte Herzl
(1897) mit seinem jüdischen Staat in Palästina bauen. Welch Arroganz eines
europäischen Kolonialherren – und derer gab es viele – nur damals? In
den 30er Jahren wollte der Zionist Jabotinsky eine „eiserne Mauer“
gegen die Araber errichten, da es eine „Unmöglichkeit sei, sich mit ihnen
zu arrangieren“. Damals blieb es bei phantastischer, doch gefährlicher
Rhetorik. Und heute? Fragend
und ungläubig sah ich kürzlich in Israel einem LKW nach - voll mit sehr
langen Stahlstäben - Zigtausende davon seien in die besetzten Gebiete
unterwegs, erfuhr ich bald danach....Wird so nach 70 Jahren Jabotinskys
Traum zur grausamen Realität? Im
20. Jahrhundert entstand auf Befehl weißer Kolonialherren in Südafrika die
Apartheid mit und ohne Zäune – sie spukt noch immer in den Köpfen
von Rassisten. Die Bantustans und Homelands für Schwarzafrikaner wurden
inzwischen abgeschafft, nachdem die Welt und die Kirchen laut und lange
genug protestierten und Südafrikas Exporte boykottierten. Der als Terrorist
lange in südafrikanischen Gefängnissen festgehaltene Nelson Mandela wird
heute weltweit als Freiheitskämpfer und Held gefeiert. Nun
entstehen neue Bantustans hinter dem sog. Sicherheits- oder Trennungszaun,
der Apartheid- oder Schandmauer rund um und mitten in Palästina.
8-10m hohe Mauern und Zäune zerstören die Landschaft auf geplanten 700 km
und 50 m breiten Schneisen mit Natodraht, rasierklingenscharfen
Stacheldrahtverhauen, 4m tiefen Gräben, Wegen für Patrouillenwagen, mit
Kameras elektronisch überwachten Zäunen. Es ist kein Sicherheitszaun, der
Israelis von Palästinensern trennt. Er trennt die Palästinenser von Palästinensern,
raubt ihnen die Hälfte ihres Landes, 80% ihres Wassers, die Ölbaume –
nur um die jüdischen Siedlungen auf geraubtem Land absichern und erweitern
zu können. Dazu
wurden mehr als 100 000 Fruchtbäume zerstört, ausgerissen, verkauft,
verbrannt; 35 km Wasserleitungen zerstört; 67 Dörfer von ihren Feldern und
ihren Wasserquellen getrennt, 200 000 Menschen
werden von ihren Schulen, Krankenhäusern, Märkten, Kirchen,
Moscheen und Friedhöfen, von ihren Familien, Freunden und ihrer
Arbeitsstelle getrennt. Die Mauern und Zäune, den zusätzlichen Straßensperren,
Gräben, Erdwällen und Checkpoints sperren die Palästinenser in kleine und
kleinste Enklaven, Gefängnissen gleich. Mehr als 2,5 Millionen Menschen
werden von allem getrennt, was sie zum Leben brauchen. Ihr Leben wird so
ganz bewusst unerträglich gemacht. Mit welchem Ziel wohl? Welch fatale
Absicht steckt dahinter? Sie sollen „freiwillig“ das Land verlassen! Man
will das Land ohne die einheimische Bevölkerung, die durch jüdische
Siedler ersetzt werden soll.[iii]
„Ethnic Cleansing“ ist der Fachausdruck bei
Menschenrechtsorganisationen, Und
wer fragt, was in solchen Menschen dann vor sich geht? Ob sich da nicht Wut,
Hass, Frust und Perspektivlosigkeit, Angst und Verzweiflung vor allem in den
jungen Menschen breit macht? Von Traumata gar nicht zu reden. Welchen Sinn,
welchen Wert hat das Leben für sie noch? – Warum es nicht wegwerfen ?
Warum es nicht gegen den Feind, den unbarmherzigen Besetzer, einsetzen? Es
ist die einzige Waffe, die sie noch haben. So wird jeder der über 1 Million
jungen Palästinenser zur potentiellen Bombe. Und die ca. 7000, die in den Gefängnislagern
hinter mehrfachen Stacheldrahtverhauen schmachten und frieren? Was
geht durch ihre Köpfe? Die mehr
als 2500 Tausend Getöteten, zum Teil gezielt Liquidierten, auch viele
Kinder, müssen sich darüber keine Gedanken mehr machen –
aber Trauer und Schmerz in ihren Familien ist fruchtbarer Nährboden
für Racheakte, die notfalls auch Zäune und Mauern zu überwinden wissen.
Nein, es ist kein Sicherheitszaun – für niemanden. Wächst
hier nicht eine weitere riesige Klagemauer –
vielleicht von bösen Dämonen umschwebt ? Brodelt das Gift aus
Hitlers Schlangenbiss gegen Juden bis heute nach[iv]
und gebiert so die Idee zu solch monströsem Bauwerk? Dazu Milliarden Dollar
schwer, Milliarden, die der eigenen Bevölkerung entzogen werden? Es
ist eine Mauer, die sich nicht nur wie ein Raubtier breit durch das Land
schlängelt und wälzt, dieses nicht nur zerstört sondern auch zur Hälfte
verschlingt. Mauer und Zaun legen sich - immer enger werdend - als tödliche
Schlinge um das ganze palästinensische Volk – und reißt unversehens das
israelische mit sich. „Wir stehen am Rande des Abgrundes!“ mahnen nun
auch Israelis, aus deren Mund solche Töne bis jetzt ungewöhnlich waren.[v] Ein
israelischer Soziologe[vi]
nennt das , was hier geschieht „Politizid“ – Zerstörung einer
Gesell-schaft. Warum nicht „schleichenden Völkermord“, der 1948 seinen
Anfang nahm? Die Verantwort-lichen lassen sich Zeit damit – denn so
nimmt es die Welt nicht als das wahr, was es in der Tat ist. Nur
„klitzekleine Massaker“(z.B.1982)[vii]
begleiten es. Eine frühere
Knessetabgeordnete mahnte[viii]
vor noch nicht langer Zeit ihr Volk: „Der Völkermord beginnt nicht erst
mit Gaskammern“. Ich
sah die Mauer, die in Abu Dis, am östlichen Rande Jerusalems, mitten durch
den Ort führt. Sie war an manchen Stellen von grellen, rotleuchtenden
Graffitis bemalt und beschrieben: auch mit Davidstern und Hakenkreuz
versehen. Trotz Hemmungen fotografierte ich, um zu dokumentieren, wie an
einer Stelle,
2m über dem Straßenniveau, Menschen noch (!) – wenn auch mühsam – auf
die andere Seite klettern konnten: Für junge Leute war es wie Sport; ein
alter, kleiner, gebückter Mann mit Stock erklomm aber mit großer Mühe die
hohen Blöcke, um sich durch die Spalte zwischen zwei Beton-platten
durchzuzwängen. Für eine traditionell gekleidete Frau mit Säugling im Arm
war es eine unglaubliche Zumutung – trotz der Hilfe junger Leute. Es
herrschte reger, mühsamer Verkehr durch den erhöhten Mauerspalt, als ob
dies selbstverständlich wäre. Warum sollten sich die Bewohner von Abu Dis
auch trennen lassen? Kein zorniger, hasserfüllter Aufschrei war zu hören.
Alles lief – zu unserem Erstaunen – ruhig, fast friedlich ab. Keiner
drehte durch. Nicht als wir dort waren. Aber eine Woche später fielen Schüsse.
Wundert sich vielleicht jemand darüber? Ganz
unten war zwischen den Betonplatten eine kleine Lücke, durch die Katzen
durchschlüpfen können. Ein Vater versuchte, seinem etwa 4 Jährigen klar
zu machen, dass er dort durchkriechen soll. Wenn es ein Spiel gewesen wäre,
hätte das Kind sich gewiss durchgequetscht. Aber jetzt sprach nur
unheimliche Angst aus seinen Augen. Es wehrte sich mit Händen und Füßen.
Was sollte er dort drüben - allein? Der Vater musste 3m weiter oben - und
von einer zur andern Seite balancierend - sich und das Kind nach drüben drücken.. Wir
standen da und sahen entsetzt und erschüttert zu, was sich vor uns
abspielte. Nichts anderes als eine echte Tragödie. Wir fanden keine Worte
dafür und manchem kamen die Tränen. Hier werden Menschen ihrer
Menschlichkeit beraubt. Und
inzwischen fand ich ein Wort, das zu diesem unmenschlichen Bauwerk passt:
reine Menschen-verachtung, purer Sadismus. An die „Banalität des Bösen“[ix]
musste ich auch denken, denn die Soldaten, die an den Checkpoints die
Menschen demütigend schikanieren, zuweilen sogar Kinder
(„versehentlich“) töten, und die Mauerkonstrukteure erfüllen nur die
Befehle ihrer Generäle. Nach ihrem Konzept wird das 2. Mal eine Mauer
gebaut, die nicht schützt und sichert, sondern Land raubt, Menschen
aushungert und vertreibt. In Bethlehem soll es bis zum Jahre 2015 keine
Christen mehr geben, hörten wir unterwegs. Ob Christen in aller Welt an
Weihnachten auch davon erfahren? Nach
all den frustrierenden, entsetzlichen Gedanken über Mauern und Zäune kann
ich keinen größeren Wunsch, keine größere Hoffnung für meine palästinensischen
und israelischen Freunde haben : Möge
die Weltgemeinschaft ( gibt es sie?) nicht nur den Mauerbau sofort zum
Halten bringen, damit Mauern, Zäune, Checkpoints abgerissen, Siedlungen geräumt,
zerstörte Straßen eingeebnet, Brücken und Häuser gebaut, Bäume neu
gepflanzt werden können, damit den Palästinensern Tore und „Fenster zum
Leben“[x]
wieder weit geöffnet werden. Dann wird nicht nur Sicherheit sondern auch
Frieden sich langsam ausbreiten im Land, das von vielen als das Heilige
bezeichnet wird. (und ob ich
will oder nicht, es fällt mir noch Ps. 24 und Jesaja 40,4 ein: Machet die
Tore auf..., und ebnet die Bahn!
[i] I. Finkelstein/ N.Silberman: Keine Posauen vor Jericho [ii] Prof. Jeshajahu Leibowitz [iii] Viktoria Buch (Peace now-Rede Nov 2003) [iv] . s. Interview mit Amos Oz (Im Lande Israel, S.75 u..84) [v] Abraham Burg, ehemalige Shin-Beth-Chefs u.a. [vi]
Baruch Kimmerling: Der Politizid, 2003 [vii] s. Interview mit Amos Oz (Im Lande Israel, S.75 u..84) [viii] Shulamit
Aloni [ix] Hannah Arendt [x]
Mahmoud Darwish. Zahlen nach Gush Shalom und der Dokumentation von PEGON
2003
|
|
|
Arbeit
für den Frieden kostet Geld. Bitte unterstützen Sie uns mit Ihrer Spende. |