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Persönliche
Erklärung Einige
persönliche Gedanken: Zu dieser
schwachsinnigen Schlussfolgerung kam ich heute, nachdem ich mir den
PANORAMA-Beitrag „Spenden für den Terror - Deutsche unterstützen Attentäter
im Irak“ im Internet und die Stellungnahme des Bundessprechers der DFG-VK, Jürgen
Grässlin, angetan habe. Die Originalsendung konnte ich nicht sehen, weil ich zu
jener Zeit an der Friedensversammlung Ruhr teilnahm. Gestern durfte ich noch
dabei sein – ob ich es beim nächsten Mal noch darf? Immerhin bin ich keine
Pazifistin – und Herr Grässlin hat mir bescheinigt, ich sei auch keine
Humanistin und habe mich außerhalb der Friedensbewegung positioniert. Inzwischen
gibt es mehrere kritische Stellungnahmen zu diesem Beitrag (siehe Gesamtübersicht)
und Distanzierungen
der - in jeder Bedeutung dieses Wortes - Gefilmten. Und inzwischen wurde ich
auch zaghaft aufgefordert, die Homepage zu „säubern“ von Beiträgen, die
das Die-andere-Wange-Hinhalten nicht als einzige Form des Widerstands gegen
Besatzer anpreisen. Und dies, obwohl die Spendenaktion für das irakische Volk
im Widerstand nur eine marginale Erwähnung auf der Homepage gefunden hat. Als besonders
anstößig wurde dabei die Ankündigung der Diskussionsveranstaltung des
Initiativ e.V. " Was ist der irakische Widerstand -
Terrorismus oder legitimer Unabhängigkeitskampf?" empfunden. Jürgen Grässlin
schreibt u.a. Folgendes: "Wer
Geld für Waffen sammelt und das Abschießen von Soldaten gutheißt, ist weder
Pazifist noch Humanist und stellt sich damit selbst außerhalb der
Friedensbewegung". ... „Es gehe vielmehr darum, die US-Besatzer mit
politischen und diplomatischen Mitteln zu einem Rückzug aus dem Irak zu bewegen
und das Land beim Aufbau demokratischer Strukturen in Staat und Gesellschaft zu
unterstützen.“ Ist
Herrn Grässlin bewusst, was er da von sich gibt? Was ist zum Beispiel mit dem
Kampf gegen das Vordringen des Faschismus – in Deutschland und anderswo –,
mit dem Widerstandskampf gegen die hitlerfaschistische Besatzung? Hier
werden sich viele auf mich stürzen, ich wisse nicht, wovon ich rede, und man dürfe
bestimmte Sachverhalte nicht miteinander vergleichen. Dies erfuhr ich schon in
anderen politischen Zusammenhängen und nehme es gelassen hin, denn: der
Vergleich ist eine Methode der Erkenntnisgewinnung. Dies brachte mir vor einigen
Jahrzehnten mein Vater bei, der in den vergangenen 24 Stunden rückwirkend zu
einem Terroristen mutierte. Die
Einsicht in die Bedeutung des Vergleichs wurde zu einem Wendepunkt in meiner
geistigen Entwicklung. So will ich jetzt auch
vergleichen. Der Ausgangspunkt meiner vergleichenden Betrachtung ist die
Besatzung eines Landes und die Existenz von Besatzern und Besetzten. Ich will im
folgenden die US-Army nicht mit Hitler-Faschisten gleichsetzen, denn dies
finde ich auf den ersten Blick nicht vergleichbar. Eine eingehende Analyse
würde hier den Rahmen sprengen. Bitte beachten: ich sage nicht, der Vergleich sei
unzulässig, sondern das Ergebnis des Vergleichs ist die Unvergleichbarkeit.
Denn – das gab mir mein Vater, der Terrorist, auch mit auf den Lebensweg, das
Ergebnis eines Vergleichs kann die Erkenntnis sein, dass manches nicht ohne
weiteres vergleichbar ist. Meine Heimat ist Polen. Als Hitler-Deutschland über Polen herfiel, war mein Vater fünfzehn Jahre alt. In den Wald zu den Partisanen durfte er nicht – zu jung. So fand er eine andere Möglichkeit, sich als Widerstandskämpfer – ’tschuldigung: sich terroristisch zu betätigen: Er nahm einen Job bei der deutschen Post in seiner besetzten Heimatstadt an und transportierte jahrelang Tag für Tag Waffen und Granaten in seiner Briefträgertasche – Waffen, mit denen an anderen Orten (deutsche) Soldaten abgeschossen wurden – mit den Worten von Herrn Grässlin gesprochen. Und er unterhielt ein Waffenlager unter den Fußbodendielen. Und er bestellte per Nachnahme bei einem Verlag im Reich Fachliteratur für militärische Ausbildung und übersetzte sie ins Polnische. Nach seinen Übersetzungen wurden polnische Partisanen – sorry: Terroristen – ausgebildet. Zuletzt entwaffnete er - wahrscheinlich nicht ganz gewaltfrei - sich zurückziehende zerstreute deutsche Soldaten - die Waffen wurden gegen die Besatzer eingesetzt.[1] Jetzt ist
das Bild vollständig – und hier meine Fragen: Waren deutsche Widerstandskämpfer
Terroristen? War mein Vater und mit ihm Tausende polnische Soldaten im
Untergrund Terroristen oder Widerstandskämpfer? Gehörten die Leute vor ein
Gericht? Vor ein Nazi-Gericht? Mit dem Urteil – Henker oder KZ? Wurden sie
erwischt, gab es oft ein Todesurteil durch sofortige Erschießung an Ort und
Stelle. Welche politischen und diplomatischen Mittel hätten sie aber einsetzen
sollen, um die Wehrmacht zum Rückzug aus Polen zu bewegen? Ich
respektiere die pazifistische Einstellung, die Gewalt jeglicher Art ablehnt, für
mich persönlich ist sie aber inakzeptabel. Menschen, die den Besetzten im Irak
ein lammfrommes „Die-andere-Wange-Hinhalten Mit Politischen Und Diplomatischen
Mitteln“ empfehlen, gehen der Propaganda der Besatzer und ihrer Verbündeten
auf den Leim. Mehr noch: Sie erdreisten sich, satt und warm auf einem weichen
Sofa sitzend, anderen, die Not leiden und ihrer Freiheit beraubt wurden, mit
erhobenem Zeigefinger gute Ratschläge zu geben. Ich kann es einfach nicht fassen. Warum
haben wir denn gegen den Irak-Krieg protestiert? Die US-Army sollte doch nur die
unterdrückte Bevölkerung vom bösen Diktator befreien – und uns alle von der
von ihm ausgehenden Bedrohung des Weltfriedens?! Ist jetzt die US-Besatzerarmee
zum Friedensstifter geworden? Warum
protestieren wir gegen die Apartheid-Mauer im Nahen Osten? Stellen wir etwa das
Recht auf Sicherheit der israelischen Bevölkerung in Frage? Dies ist doch der
Vorwand, um die Mauer zu bauen. Warum unterstützen wir Spendensammlungen für
die palästinensische Bevölkerung, für palästinensische Kinder, die
unschuldigsten Opfer des Konflikts? Aus jedem aufgepäppelten palästinensischen
Kind könnte ein Selbstmordattentäter, also ein Terrorist werden – vielleicht
besser jetzt schon vorsorglich verrecken lassen?! Potentielle Terroristen –
denn das sind Attentäter jeglicher Coleur, wenn sie zivile Ziele angreifen und
Zivilisten in den Tod reißen – im Namen des Friedens verhungern lassen? Wäre
das nicht ein konsequent gewaltfrei-friedliches Handeln?! Drastische
Worte, drastische Vergleiche, drastische Überspitzungen – ich weiß, viele
werden empört aufspringen. Auf solche Ideen würde kein Mensch kommen, der aus
Überzeugung jegliche Gewalt ablehnt. Aber vielleicht bedürfen manche erst so
drastischer Vergleiche, um auf den Teppich zurück zu finden. „Wer
... das Abschießen von Soldaten gutheißt, ist weder Pazifist noch Humanist und
stellt sich damit selbst außerhalb der Friedensbewegung". Der Schutz
menschlichen Lebens hat auch für mich, die Tochter eines Widerstandskämpfers,
der sich nach der heutigen Terminologie der Generäle und Konzerne
terroristischer statt diplomatischer Mittel bediente, eine vorrangige Bedeutung.
Die bedauernswerten US-amerikanischen Besatzungssoldaten, die sich täglich
bedroht fühlen und auch tatsächlich bedroht und getötet werden, machen aber
im Irak keinen Urlaub und sind nicht in der Mission humanitärer Helfer dort –
sie sind dort, um einen mörderischen Auftrag auszuführen. Wer in ein fremdes
Land eindringt, die Bevölkerung ihrer Freiheit beraubt und Gewalt ausübt, muss
damit rechnen, Opfer der Gegengewalt zu werden. Das ist sein Job und dafür lässt
er sich bezahlen. Damit will ich keineswegs sagen, dass ich „das Abschießen
von Soldaten“ „gutheiße“ oder besonders befürworte. Ich respektiere
einfach das Recht des Besetzten auf Abwehr der Besatzung – so wie das Recht
des Opfers auf Notwehr nicht in Frage gestellt wird. Positioniere
ich mich mit dieser Aussage außerhalb der Friedensbewegung? Wir, die
Friedensbewegung, halten immer noch (zu Recht) daran fest, dass es sich um einen
völkerrechtswidrigen Krieg handelte – und somit ist die Besatzung auch völkerrechtswidrig.
Mehr brauche ich dazu nicht auszuführen, weil es nur eine Wiederholung dessen wäre,
das andere schon gesagt haben (siehe
Gesamtübersicht) Auch
wenn Herr Grässlin mich und ähnlich Denkende von der Friedensbewegung
ausschließen möchte: Ich werde mich weiterhin für den Frieden einsetzen mit
den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Ich setze mich für eine friedliche
Konfliktlösung ein – auch wenn er dies nicht zu glauben vermag. Ich
verurteile Angriffskriege, ich verurteile Anschläge, bei denen Zivilisten Opfer
sind. Terroristen gehören vor ein ordentliches Gericht. Aber Besatzungssoldaten, die Werkzeuge staatlich genehmigten Terrors einer
Besatzungsmacht – nein: sie gehören nicht zu denen, für die ich mich
einsetzen werde. Das ist ihr Berufsrisiko. Es ist schade, wenn manche unbedacht und/oder überstürzt versuchen, dicke Trennlinien durch die Friedensbewegung zu ziehen. Das schwächt die Bewegung. Denn so einfach ist es nicht, wie Herr Grässlin zu glauben scheint, es gibt mehr als Schwarz und Weiß. Und ein Herr Grässlin sollte sich nicht zum Richter aufspielen, der über solche wie mich urteilt, ob meine Ideale von einer friedlichen Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung die Bezeichnung „humanistisch“ verdienen. Sie
sind es. Genauso wie die humanistischen Ideale meines Vaters, der unter
ständiger Lebensgefahr bewaffneten
Widerstand gegen eine Besatzungsmacht leistete und auf diese Weise dazu beitrug,
dass ich in einem freien Land aufwachsen konnte. ____________ [1] Dokumentiert ist dies im Buch: Stanislaw Osinski „Sek“, W burzy. Armia Krajowa Rejon Lask („Im Sturm: Landesarmee Bezirk Lask“)
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