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Informationen und Stellungnahmen zum Panorama-Beitrag 
"Spenden für den Terror - Deutsche unterstützen Attentäter im Irak" 
vom 11. Dezember 2003

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Hanna Ackermann – Webmasterin www.friedenszeitung-duisburg.de

Persönliche Erklärung
12. Dezember 2003

Einige persönliche Gedanken: 
Mein Vater, der Terrorist

Antwort auf die Presseerklärung von Jürgen Grässlin

Zu dieser schwachsinnigen Schlussfolgerung kam ich heute, nachdem ich mir den PANORAMA-Beitrag „Spenden für den Terror - Deutsche unterstützen Attentäter im Irak“ im Internet und die Stellungnahme des Bundessprechers der DFG-VK, Jürgen Grässlin, angetan habe. Die Originalsendung konnte ich nicht sehen, weil ich zu jener Zeit an der Friedensversammlung Ruhr teilnahm. Gestern durfte ich noch dabei sein – ob ich es beim nächsten Mal noch darf? Immerhin bin ich keine Pazifistin – und Herr Grässlin hat mir bescheinigt, ich sei auch keine Humanistin und habe mich außerhalb der Friedensbewegung positioniert.

Inzwischen gibt es mehrere kritische Stellungnahmen zu diesem Beitrag (siehe Gesamtübersicht) und Distanzierungen der - in jeder Bedeutung dieses Wortes - Gefilmten. Und inzwischen wurde ich auch zaghaft aufgefordert, die Homepage zu „säubern“ von Beiträgen, die das Die-andere-Wange-Hinhalten nicht als einzige Form des Widerstands gegen Besatzer anpreisen. Und dies, obwohl die Spendenaktion für das irakische Volk im Widerstand nur eine marginale Erwähnung auf der Homepage gefunden hat. Als besonders anstößig wurde dabei die Ankündigung der Diskussionsveranstaltung des Initiativ e.V. " Was ist der irakische Widerstand - Terrorismus oder legitimer Unabhängigkeitskampf?" empfunden.

Jürgen Grässlin schreibt u.a. Folgendes:

"Wer Geld für Waffen sammelt und das Abschießen von Soldaten gutheißt, ist weder Pazifist noch Humanist und stellt sich damit selbst außerhalb der Friedensbewegung". ... „Es gehe vielmehr darum, die US-Besatzer mit politischen und diplomatischen Mitteln zu einem Rückzug aus dem Irak zu bewegen und das Land beim Aufbau demokratischer Strukturen in Staat und Gesellschaft zu unterstützen.“

Ist Herrn Grässlin bewusst, was er da von sich gibt? Was ist zum Beispiel mit dem Kampf gegen das Vordringen des Faschismus – in Deutschland und anderswo –, mit dem Widerstandskampf gegen die hitlerfaschistische Besatzung?

Hier werden sich viele auf mich stürzen, ich wisse nicht, wovon ich rede, und man dürfe bestimmte Sachverhalte nicht miteinander vergleichen. Dies erfuhr ich schon in anderen politischen Zusammenhängen und nehme es gelassen hin, denn: der Vergleich ist eine Methode der Erkenntnisgewinnung. Dies brachte mir vor einigen Jahrzehnten mein Vater bei, der in den vergangenen 24 Stunden rückwirkend zu einem Terroristen mutierte.

Die Einsicht in die Bedeutung des Vergleichs wurde zu einem Wendepunkt in meiner geistigen Entwicklung. So will ich jetzt auch vergleichen. Der Ausgangspunkt meiner vergleichenden Betrachtung ist die Besatzung eines Landes und die Existenz von Besatzern und Besetzten. Ich will im folgenden die US-Army nicht mit Hitler-Faschisten gleichsetzen, denn dies finde ich auf den ersten Blick nicht vergleichbar. Eine eingehende Analyse würde hier den Rahmen sprengen. Bitte beachten: ich sage nicht, der Vergleich sei unzulässig, sondern das Ergebnis des Vergleichs ist die Unvergleichbarkeit. Denn – das gab mir mein Vater, der Terrorist, auch mit auf den Lebensweg, das Ergebnis eines Vergleichs kann die Erkenntnis sein, dass manches nicht ohne weiteres vergleichbar ist.

Meine Heimat ist Polen. Als Hitler-Deutschland über Polen herfiel, war mein Vater fünfzehn Jahre alt. In den Wald zu den Partisanen durfte er nicht – zu jung. So fand er eine andere Möglichkeit, sich als Widerstandskämpfer – ’tschuldigung: sich terroristisch zu betätigen: Er nahm einen Job bei der deutschen Post in seiner besetzten Heimatstadt an und transportierte jahrelang Tag für Tag Waffen und Granaten in seiner Briefträgertasche – Waffen, mit denen an anderen Orten (deutsche) Soldaten abgeschossen wurden – mit den Worten von Herrn Grässlin gesprochen. Und er unterhielt ein Waffenlager unter den Fußbodendielen. Und er bestellte per Nachnahme bei einem Verlag im Reich Fachliteratur für militärische Ausbildung und übersetzte sie ins Polnische. Nach seinen Übersetzungen wurden polnische Partisanen – sorry: Terroristen – ausgebildet. Zuletzt entwaffnete er - wahrscheinlich nicht ganz gewaltfrei - sich zurückziehende zerstreute deutsche Soldaten - die Waffen wurden gegen die Besatzer eingesetzt.[1]

Jetzt ist das Bild vollständig – und hier meine Fragen: Waren deutsche Widerstandskämpfer Terroristen? War mein Vater und mit ihm Tausende polnische Soldaten im Untergrund Terroristen oder Widerstandskämpfer? Gehörten die Leute vor ein Gericht? Vor ein Nazi-Gericht? Mit dem Urteil – Henker oder KZ? Wurden sie erwischt, gab es oft ein Todesurteil durch sofortige Erschießung an Ort und Stelle. Welche politischen und diplomatischen Mittel hätten sie aber einsetzen sollen, um die Wehrmacht zum Rückzug aus Polen zu bewegen?

Ich respektiere die pazifistische Einstellung, die Gewalt jeglicher Art ablehnt, für mich persönlich ist sie aber inakzeptabel. Menschen, die den Besetzten im Irak ein lammfrommes „Die-andere-Wange-Hinhalten Mit Politischen Und Diplomatischen Mitteln“ empfehlen, gehen der Propaganda der Besatzer und ihrer Verbündeten auf den Leim. Mehr noch: Sie erdreisten sich, satt und warm auf einem weichen Sofa sitzend, anderen, die Not leiden und ihrer Freiheit beraubt wurden, mit erhobenem Zeigefinger gute Ratschläge zu geben. Ich kann es einfach nicht fassen.

Warum haben wir denn gegen den Irak-Krieg protestiert? Die US-Army sollte doch nur die unterdrückte Bevölkerung vom bösen Diktator befreien – und uns alle von der von ihm ausgehenden Bedrohung des Weltfriedens?! Ist jetzt die US-Besatzerarmee zum Friedensstifter geworden?

Warum protestieren wir gegen die Apartheid-Mauer im Nahen Osten? Stellen wir etwa das Recht auf Sicherheit der israelischen Bevölkerung in Frage? Dies ist doch der Vorwand, um die Mauer zu bauen. Warum unterstützen wir Spendensammlungen für die palästinensische Bevölkerung, für palästinensische Kinder, die unschuldigsten Opfer des Konflikts? Aus jedem aufgepäppelten palästinensischen Kind könnte ein Selbstmordattentäter, also ein Terrorist werden – vielleicht besser jetzt schon vorsorglich verrecken lassen?! Potentielle Terroristen – denn das sind Attentäter jeglicher Coleur, wenn sie zivile Ziele angreifen und Zivilisten in den Tod reißen – im Namen des Friedens verhungern lassen? Wäre das nicht ein konsequent gewaltfrei-friedliches Handeln?!

Drastische Worte, drastische Vergleiche, drastische Überspitzungen – ich weiß, viele werden empört aufspringen. Auf solche Ideen würde kein Mensch kommen, der aus Überzeugung jegliche Gewalt ablehnt. Aber vielleicht bedürfen manche erst so drastischer Vergleiche, um auf den Teppich zurück zu finden.

Wer ... das Abschießen von Soldaten gutheißt, ist weder Pazifist noch Humanist und stellt sich damit selbst außerhalb der Friedensbewegung". Der Schutz menschlichen Lebens hat auch für mich, die Tochter eines Widerstandskämpfers, der sich nach der heutigen Terminologie der Generäle und Konzerne terroristischer statt diplomatischer Mittel bediente, eine vorrangige Bedeutung. Die bedauernswerten US-amerikanischen Besatzungssoldaten, die sich täglich bedroht fühlen und auch tatsächlich bedroht und getötet werden, machen aber im Irak keinen Urlaub und sind nicht in der Mission humanitärer Helfer dort – sie sind dort, um einen mörderischen Auftrag auszuführen. Wer in ein fremdes Land eindringt, die Bevölkerung ihrer Freiheit beraubt und Gewalt ausübt, muss damit rechnen, Opfer der Gegengewalt zu werden. Das ist sein Job und dafür lässt er sich bezahlen. Damit will ich keineswegs sagen, dass ich „das Abschießen von Soldaten“ „gutheiße“ oder besonders befürworte. Ich respektiere einfach das Recht des Besetzten auf Abwehr der Besatzung – so wie das Recht des Opfers auf Notwehr nicht in Frage gestellt wird.

Positioniere ich mich mit dieser Aussage außerhalb der Friedensbewegung? Wir, die Friedensbewegung, halten immer noch (zu Recht) daran fest, dass es sich um einen völkerrechtswidrigen Krieg handelte – und somit ist die Besatzung auch völkerrechtswidrig. Mehr brauche ich dazu nicht auszuführen, weil es nur eine Wiederholung dessen wäre, das andere schon gesagt haben (siehe Gesamtübersicht)

Auch wenn Herr Grässlin mich und ähnlich Denkende von der Friedensbewegung ausschließen möchte: Ich werde mich weiterhin für den Frieden einsetzen mit den Mitteln, die mir zur Verfügung stehen. Ich setze mich für eine friedliche Konfliktlösung ein – auch wenn er dies nicht zu glauben vermag. Ich verurteile Angriffskriege, ich verurteile Anschläge, bei denen Zivilisten Opfer sind. Terroristen gehören vor ein ordentliches Gericht. Aber Besatzungssoldaten, die Werkzeuge staatlich genehmigten Terrors einer Besatzungsmacht – nein: sie gehören nicht zu denen, für die ich mich einsetzen werde. Das ist ihr Berufsrisiko.

Es ist schade, wenn manche unbedacht und/oder überstürzt versuchen, dicke Trennlinien durch die Friedensbewegung zu ziehen. Das schwächt die Bewegung. Denn so einfach ist es nicht, wie Herr Grässlin zu glauben scheint, es gibt mehr als Schwarz und Weiß. Und ein Herr Grässlin sollte sich nicht zum Richter aufspielen, der über solche wie mich urteilt, ob meine Ideale von einer friedlichen Welt ohne Unterdrückung und Ausbeutung die Bezeichnung „humanistisch“ verdienen. 

Sie sind es. Genauso wie die humanistischen Ideale meines Vaters, der unter ständiger Lebensgefahr bewaffneten Widerstand gegen eine Besatzungsmacht leistete und auf diese Weise dazu beitrug, dass ich in einem freien Land aufwachsen konnte.  

____________

[1] Dokumentiert ist dies im Buch: Stanislaw Osinski „Sek“, W burzy. Armia Krajowa Rejon Lask („Im Sturm: Landesarmee Bezirk Lask“)

 

 

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