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Rheinischer Merkur 1.1.2004 UNTER PALÄSTINENSERN Der frühere Arbeitsminister Norbert Blüm bereiste auf eigene Faust und Kosten ein von Israel besiedeltes und besetztes Territorium. Mit ihm unterwegs Rupert Neudeck, der Gründer von Cap Anamur, und Winfried Seibert, Rechtsanwalt in Köln. Das sehr persönliche und emotional geprägte Fazit des Autors fordert Widerspruch und Streit geradezu heraus. Autor: NORBERT BLÜM, Bethlehem siehe auch: -> Die MAUER MUSS WEG. Zur Pressekonferenz von Dr. Norbert Blüm, Rechtsanwalt Winfried Seibert und Rupert Neudeck (16. Dez. 2003) Der Alltag der Palästinenser ist ein Leben
mit Schikanen, Demütigungen und in raffinierter Unterdrückung. Wenn Maria und
Josef an Weihnachten 2003 von Nazareth nach Bethlehem gezogen wären – sie hätten
Bethlehem nicht erreicht, sondern wären an einem Checkpoint hängen geblieben.
Diese Realität unterscheidet sich von der vor 2000 Jahren. Ich habe Städte gesehen, die Gefängnisse
sind, allerdings mit zeitweisem Freigang, den die israelischen Soldaten
bestimmen. Ich habe eine alte Frau gesehen, die über steile Geröllhalden ihre
schwere Lebensmitteltasche ins Dorf hoch schleppte, weil die Zugangsstraße vom
israelischen Militär gesperrt war; einen Vater mit seinem weinenden dreijährigen
Sohn, der zurück nach Kalkilia wollte und ebenso wenig hineinkam, wie einige
hundert Meter weiter vor der Sperre Hunderte Einwohner von Kalkilia nicht auf
ihre Äcker und Arbeitsplätze hinauskamen. Den Ambulanzwagen, der hinter uns stand und
nicht in die Stadt fahren durfte wie wir auch; die Plakate der kleinen
schwarzhaarigen Christina auf den Häuserwänden von Bethlehem. Christina wurde
von den Israelis in die Luft gesprengt. Ihr Pech: Sie fuhr mit ihrem Vater in
einem weißen Peugeot, in dem die Israelis einen Terroristen vermuteten.
Verwechslung, sorry! Und ich habe gesehen, wie in Hebron die
Bewohner der schwer bewachten israelischen Häuser ihren Müll aus den Fenstern
auf die palästinensischen Passanten in den engen Gassen schütteten. Die Palästinenser
schützen sich inzwischen durch Drahtnetze davor, dass ihnen der israelische
Dreck auf den Kopf gekippt wird. Ich habe erlebt, wie ein Palästinenser, der
ins Gespräch vertieft friedlich neben mir ging, von einem jungen israelischen
Soldaten mit dem Winken des Zeigefingers herbeigeordert wurde, um ihm den Pass
abzunehmen. Eineinhalb Stunden warteten wir ohne Angabe von Gründen auf die Rückgabe,
derweil der Israeli fortgesetzt mit seiner Waffe vor dem Gesicht des Palästinensers
herumfuchtelte. Was mag im Kopf meines Freundes vorgegangen sein, während er
sich stumm die Pöbeleien des Soldaten anhören musste! Willkür
am Checkpoint Ich habe miterlebt, mit welch schikanöser
Arroganz die Kontrollen am Checkpoint zelebriert werden. Mit dem Finger der
rechten Hand wird das Auto herbeigewinkt und mit der linken Hand wieder zurückkommandiert,
bis das Tempo von Herbei und Zurück dem kontrollierenden israelischen Soldaten
endlich passt. Allerdings auch die Resignation eines
israelischen Soldaten, der uns die Ablehnung unserer Weiterfahrt mitteilte und
wortlos mit Kopfnicken zustimmte, als wir ihn fragten, ob er glaube, dass diese
Willkür keine Sympathiewerbung für Israel sei. Israels Ministerpräsident
Ariel Scharon betreibt eine Siedlungspolitik, die den Palästinensern die Luft
zum Atmen nimmt. Palästina wird durch Zäune und Mauern zerhackt. Die Krankenschwester, die früher von ihrem
Wohnort Hebron zu ihrem Arbeitsplatz in Bethlehem in 25 Minuten fuhr, braucht
heute in der Regel ein bis zwei Stunden. Drei Checkpoints versperren ihr den
Weg. Wann ein Durchkommen ist, weiß sie am Beginn der Fahrt so wenig zu
berechnen wie die Launen eines Glücksspiels. Die israelische Besatzungsarmee
ist eine launische Fee, doch sie bringt nicht Glück, sondern verteilt als großes
Los Schikanen. Die CDU-Chefin Angela Merkel hat vor kurzem
die Hoffnung geäußert, „dass der Bau des Trennzaunes nicht zu große
psychische Verwerfungen mit sich trägt“. Wenn es nicht Ahnungslosigkeit ist,
dann ist es Zynismus, der dem Redenschreiber die Feder führte, vergleichbar dem
Wunsch, das brennende Haus möge nicht zu viel Hitze für die Bewohner mit sich
tragen. Was Mauern bedeuten, wissen wir in
Deutschland. Sie trennen, was zusammengehört. Ein zerstückeltes Palästina,
das von Straßen durchzogen wird, die nur von Israelis befahren werden dürfen,
kann kein Staat werden. Es ist die programmierte Anarchie. Wie soll mit Zäunen Sicherheit geschaffen
werden? Der Zaun in Jerusalem verläuft nach den Planungen durch palästinensische
Viertel und schlägt unbebaute Gebiete kurzerhand Großjerusalem zu. Dort sollen
jetzt israelische Wohnviertel entstehen. Westjerusalem soll mit der Siedlung
Maale Adumin vereint werden. Das ist ein Landstück von der Größe Tel Avivs.
Der Zaun und die Ringstraße trennen die Verbindung des südlichen zum nördlichen
Westjordanland. Der
Weg ins Paradies? Insgesamt werden durch die Zaunmauer eine
halbe Million Araber vom Westjordanland kurzerhand zu Israel geschlagen. Israel
wehrt sich gegen die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge einerseits
und gemeindet andererseits Hunderttausende von Arabern gegen deren Willen ein.
Wenn das kein Widerspruch ist! Scharon stolpert in blindem Hass über seine
eigenen Beine. Mit Demütigung ist noch nie Frieden
geschaffen worden. Scharon schafft keinen Frieden. Will er ihn überhaupt? Die
Siedlungspolitik, die er betreibt, steht im Widerspruch zu internationalen
Verein-barungen und UN-Resolutionen. Es kümmert ihn nicht. Was er von
Menschenrechten hält, hat er im Libanon als militärischer Befehlshaber
bewiesen, als Menschen in einem palästinensischen Flüchtlingslager
abgeschlachtet wurden und seine Soldaten keinen Finger rührten, um das Massaker
zu verhindern. Scharon hat Erfahrung im Tötenlassen. Daher nenne ich die Politik Scharons
verbrecherisch. Verbrecherisch sind auch die Selbstmordattentate. Ich kann mir
keinen Gott vorstellen, der sein Wohlgefallen daran findet, wenn Attentäter
sich und Unschuldige in die Luft sprengen. Ich warte auf eine islamische Stimme mit
Autorität, die erklärt, dass Selbstmord- attentate nicht der Weg ins Paradies
sind. Großscheich Said Mohammed Tantawi von der Kairoer Al-Ashar-Universität
hat die terroristischen Untaten gegen Unschuldige vor einem Jahr verurteilt,
allerdings die Verurteilung mit dem Schlupfloch versehen, es gebe ein Recht auf
Selbstverteidigung. Wer sich gegen fremde Aggressoren, Soldaten oder Besatzer
mit einem Selbstmordattentat zur Wehr setze, sei ein Märtyrer, so Scheich
Tantawi. Was sollen diese Halbheiten, die der Interpretation Tür und Tor öffnen? In der Verurteilung Salman Rushdies war der
Islam eindeutiger. Die Fatwa war schnell ausgesprochen und der Ausschluss aus
der Umma, der islamischen Gemeinschaft, prompt vollzogen. Todesurteile lehne ich ab. Auch gegen Salman
Rushdie. Was jedoch der Vorgang beweist, ist, dass es geht: eindeutige
Verurteilungen auszusprechen. Wann wird Osama bin Laden aus der Umma
ausgeschlossen? Muss noch ein 11. September folgen? Wann werden Selbstmordattentäter
nicht mehr „heilig gesprochen“, sondern verdammt? Muss noch eine Diskothek
in die Luft gejagt werden? Scharon und die Selbstmordattentäter sind
aufeinander angewiesen, damit der Teufelskreis von Gewalt geschlossen bleibt. Für
mich ist Israel kein Staat wie hundert andere. Israel ist nicht nur ein Staat,
sondern eine Idee: Ein über die Welt versprengtes Volk – verfolgt, gequält,
ermordet – sucht und findet seine Heimat wieder, baut sich eine Demokratie
mitten in autoritärer Region. Das klingt wie ein biblisches Märchen, ist
jedoch eines der großen Projekte unserer Zeit. Stärker als alle Waffen, die Israel hat und
die gegen Israel gerichtet sind, ist die Idee, welche darauf vertraut, dass ein
Buch, die Bibel, eine Sprache das stärkste Fundament ist, auf dem Menschen aus
unterschiedlichen Kulturkreisen sich zu einem neuen Staat verbinden können. Dieses Israel – es ist fast eine Utopie.
Auf dieser Welt können selbst Utopien nicht waffenlos sein. Doch wenn die
Waffen der Unterdrückung anderer Völker dienen, verlieren sie ihre moralische
Rechtfertigung. Und Moral ist der Gründungsimpuls Israels. Politik
frisst Moral Es ist fast der Beweis für die Hinterlist
des Diabolos, der alle und alles durch- einander wirbelt, dass Israel in Gefahr
gerät, Unterdrückung, unter der die Juden Jahrhunderte litten, jetzt gegen
andere auszuprobieren. Das wäre ein teuflischer Triumph für ein Volk, das sich
auf den Bund mit Jahwe beruft. Die Politik Scharons zerfrisst die Moral des
Staates Israel. Als ich vor zwei Jahren im israelischen Parlament die Frage
stellte, welchen Sinn im September 2000 der demonstrative Marsch Scharons auf
den Tempelberg gehabt habe, bekam ich zur Antwort: „Das kennen wir doch:
Betreten verboten!“ Sollen mithilfe der Verbrechen der Nazis nachträglich
Denk- und Frageverbote befestigt werden? So gelingt Vergangenheitsbewältigung
nie. Sie degeneriert auf diesem Weg zur Verdrängung. Pinochet und Botha, Tausende von Kilometern
und zwei Jahre voneinander getrennt, reagierten auf meine Vorhaltung in Sachen
Menschenrechte mit den gleichen Worten, so, als hätten sie diese aus einem
gemeinsamen Drehbuch abgelesen: „Auschwitz! Ausgerechnet die Deutschen!“
Darauf antwortete ich damals und heute: „Gerade deshalb.“ Auschwitz bleibt ein Wundmal in den
Geschichtsbüchern. Wir können es nicht ausradieren. Doch die passive
Betrachtung der deutschen Vergangenheit schafft außer Betroffenheit und
Bedauern keine produktive Kraft, die Rücksicht auf alte Verbrechen mit der
Vorsicht für eine neue Zukunft verbindet, in der nie mehr Menschen gequält,
gefoltert und ermordet werden. Daran mitzuarbeiten und die Stimme zu erheben für die, die schweigen und nicht gehört werden, ist meine Form der Vergangenheitsbewältigung und mein kleiner Beitrag zur Wiedergutmachung für das, was Deutsche den Juden angetan haben. Deshalb verteidige ich Israel mit voller Überzeugung. Scharon bekämpfe ich nicht mit allen Mitteln, aber mit ganzer Kraft. |
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