Frankfurter
Rundschau 24.01.2004
Klassentreffen
in Tel Aviv
Nicht
mal ein Wohnwagen ist bisher geräumt worden: Allen Friedensinitiativen zum
Trotz regiert im Nahen Osten derzeit die große Stagnation
VON
NATAN SZNAIDER
Ein
Bus, ein Anhänger - der Außenposten einer Siedlung. Ariel Scharon hat erklärt,
Havat Maon auf der Westbank soll geräumt werden.
(ap)
Ende
Januar soll in Stockholm eine Konferenz über die "Verhinderung von Völkermord"
stattfinden. Der Beginn ist nicht willkürlich gewählt: Der 28. Januar, der an
die Befreiung von Auschwitz erinnert, soll zum gesamteuropäischen Gedenken
gegen Völkermord aufrufen. Im Rahmen des Begleitprogramms der Konferenz stellt
ein in Schweden lebender israelischer Künstler, Dror Feiler, eine Installation
aus: Ein Bassin mit blutrot gefärbtem Wasser, darin ein Boot mit Namen
"Schneewittchen", auf dem Boot steht das Foto einer palästinensischen
Selbstmordattentäterin, die Anfang Oktober letzten Jahres 21 Menschen in einem
Restaurant in Haifa in den Tod riss.
Der Künstler wollte mit seiner Installation den Kreislauf der Gewalt
darstellen, er wollte zeigen, dass verzweifelte Menschen, wenn sie keinen Grund
mehr zum Leben sehen, zu solchen Taten fähig sind. Damit wurde der europäische
Blick auf Israel dargestellt- in künstlerischer Form: Terror als Folge der
Besatzung - und nicht umgekehrt, wie es der israelischen Perspektive entsprechen
würde.
Der zur Vernissage geladene israelische Botschafter, Zwi Mazel, reagierte, wie
es der Situationskunst angemessen ist. Er tobte, versuchte den Strom
abzuschalten und warf Scheinwerfer ins Bassin. Er stritt mit dem Künstler, und
unter tosendem Beifall wurde er schließlich aus dem Museum geworfen. In Israel
wurde Mazel als neuer Held gefeiert, als jemand, der sich der europäischen
Tendenz entgegenstellt, die Holocausterinnerung auf den Nahen Osten zu
projizieren mit neuen Rollen: die Israelis als Täter, die Palästinenser als
Opfer. Die israelische Reaktion zeigt, in welchem Maße sich mittlerweile viele
Menschen in Israel von vielen Europäern verraten und verkauft fühlen.
Die
Macht der Siedler
Doch gleichzeitig wird die Kritik an der eigenen Regierungspolitik im Lande
selbst immer lauter. Ab und zu spielt Scharon mit den Gefühlen der Bevölkerung,
indem er verspricht, dass die Zeit der Entscheidungen gekommen sei und doch noch
Siedlungen geräumt werden sollten. Trotzdem weiß jeder, dass nichts geschehen
wird. Nicht mal ein Wohnwagen ist geräumt worden. Die Siedler wissen, dass sie
nicht nur das besetzte Land kontrollieren, und es ist ihnen egal, ob sie es in
den Abgrund reißen. Kürzlich riefen sie zu einem großen Klassentreffen in Tel
Aviv auf. 120 000 kamen in die kosmopolitische Metropole am Mittelmeer, um den
Tel Avivern zu zeigen, wer Herr im Hause ist. Straßen wurden abgesperrt, öffentliche
Verkehrsmittel umgeleitet, und für einen kurzen Moment verwandelte sich Tel
Aviv in eine von Siedlern besetzte Stadt.
Politisch geht nichts mehr. Das einzige, was geht, sind Initiativen. Oslo, Genf,
die saudi-arabische Initiative des Jahres 2002, die Initiative Assads im letzten
Monat - der andeutete, dass Syrien mit Israel in Verhandlungen treten wolle -,
die Initiative von Gaddafi gleich danach, der Libyen zum Partner Israels machen
will. Doch all diesen Initiativen wird nur die kalte Schulter gezeigt, niemand
glaubt niemandem mehr. Das politische System ist gelähmt, das soziale Leben von
Streiks und der Pleite der öffentlichen Hand lahm gelegt.
Als ob das noch nicht reichen würde, wird am 23. Februar in Den Haag ein
Prozess gegen Israel beginnen. Die UN-Vollversammlung hat beschlossen, den Bau
des Schutzzaunes auf palästinensischem Boden vor den Internationalen
Gerichtshof in Den Haag zu bringen. Nicht nur in Israel befürchtet man eine
weitere Politisierung der internationalen Rechtssprechung. Aller
Wahrscheinlichkeit nach wird Israel verurteilt, der "antiterroristische
Schutzwall" wird als Kriegsverbrechen eingestuft werden.
Der
Weg zur Südafrikanisierung
Anschließend wird die UN-Vollversammlung über Konsequenzen entscheiden.
Der Weg zur Südafrikanisierung Israels ist dann nicht mehr weit.
Wirtschaftliche Sanktionen, die weitere politische Isolierung, die Verschärfung
der Wirtschaftskrise, der palästinensische Terror, alles wird so weitergehen;
das Land wird weiter in die Stagnation fallen. Sogar Justizminister Lapid hat
das begriffen und davor gewarnt, dass Israel zum Aussätzigen in der
internationalen Gemeinschaft werden könnte.
Die Idee des Zauns war zunächst, eine Grenze zu ziehen, aber sehr schnell wurde
er zu einem Mittel, die palästinensische Bevölkerung einzuschließen und die
besetzten Gebiete endgültig zu annektieren. In den Augen der meisten Israelis
aber ist der Zaun ein anti-terroristischer Schutzwall, der sie vor Anschlägen
schützen soll. Der palästinensische Premierminister Abu Ala erklärte, dass
die Palästinenser die Idee eines eigenen Staates aufgeben und geduldig auf
einen binationalen Staat warten würden - in dem sie früher oder später die
Mehrheit bilden.
So wartet man, und man ist sich nicht mehr sicher, auf was. Der Friedensfahrplan
ist schon lange lahm gelegt, und sogar die Drohung aus Den Haag wird nur
achselzuckend hingenommen. Was soll man von einem internationalen Gerichtshof
anderes erwarten als eine Verurteilung Israels. Die Besatzung geht weiter, der
Terror geht weiter, der Krieg geht weiter. Die Helden dieser höllischen Politik
sind die Frauen und Männer, die morgens aufstehen, zur Arbeit gehen und abends
wieder nach Hause kommen, die oft stundenlang im Stau stehen, weil es wieder
eine Terrorwarnung gab. Die noch größeren Helden sind die Palästinenser, die
sich tagtäglich um den Zaun und um die Militärblockaden bewegen müssen - und
eigentlich keine größeren Feinde haben als die Terroristen in ihrer Mitte, die
durch jeden Anschlag das Leben der Palästinenser noch schlimmer machen, als es
schon ist. Nichts charakterisiert die letzten Jahre mehr als Bewegungslosigkeit.
Die Region ist festgefroren.
Der
Traum von Normalität
Dennoch ist jedem klar, dass etwas geschehen muss. Die meisten Israelis
wollen nicht in die Rolle Südafrikas gedrängt werden. Die meisten jüdischen
Israelis wollen den zionistischen Traum nicht aufgeben, wollen nicht als
Minderheit in einem binationalen Staat leben. Die meisten Israelis wissen, dass
die Siedler und die Siedlungen den zionistischen Traum zerstören. Diese
Siedler, die allen einreden wollen, sie seien die Nachfolger der zionistischen
Pioniere, sie zerstören den zionistischen Traum von einer normalen jüdischen,
souveränen Existenz im eigenen Land. Die wahren Zionisten sind die Menschen,
die morgens aus dem Haus gehen und abends zurückkehren, für die die
Zahnschmerzen der Kinder ein größeres Problem sind als die Sorge um jüdische
Präsenz im Herzen arabischer Städte. Sie sind es, die den Traum einer jüdischen
Normalität verwirklichen wollen.
So sind es letzten Endes die Siedler und ihre Interessenvertreter in der
israelischen Regierung, die sich als Anti-Zionisten entpuppen und gemeinsame
Sache mit denen machen, die Israel und Palästina in einen binationalen Staat
verwandeln wollen. Es gibt einige in der Regierung, die das verstanden haben.
Montags scheint auch Scharon es begriffen zu haben, dienstags aber hat er es
schon wieder vergessen. Ein Großteil der politischen Klasse und der Bevölkerung
hat begriffen, wie das zionistische Projekt noch zu retten ist: Abzug aus den
besetzten Gebieten, Einführung palästinensischer Souveränität. Aber
angesichts der alltäglichen Müdigkeit und der Angst vor Terror und der eigenen
Courage könnte es noch Generationen dauern, bis es dazu kommt.
Der Autor ist Professor für Soziologie am Academic College in Tel Aviv.