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Von der anderen Front: Israel/Palästina

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Frankfurter Rundschau - 24.01.2004

Tiefer Schnitt

Die von Israel auf 150 Kilometer Länge angelegte Mauer trennt die Bewohner Ost-Jerusalems von ihrem Hinterland

VON INGE GÜNTHER (JERUSALEM)

Selten hat sich der Werkstattbesitzer Wael Basseh so ohnmächtig gefühlt wie an diesem Morgen. "Du wachst auf und siehst, wie sie eine Gefängnismauer vor dir aufbauen." Der schwere Kran vis-à-vis macht mit lautem Rasseln unmittelbar deutlich, dass das kein Albtraum ist. Dutzendfach liegen neun Meter hohe Betonsegmente auf dem staubigen Erdreich, um emporgehievt und mit ihren Sockeln im Boden versenkt zu werden. Stück für Stück wächst die Mauer, die fast an die Straße vor dem Grundstück der palästinensischen Familie heranreicht. Eine Stundensache, bis auch dieser Abschnitt des Jerusalemer "Umhüllungsplans", jenes monströsen Sicherheitskonzepts der Regierung Ariel Scharon, komplettiert ist. Statt auf den Osthang des Ölbergs werden die Bassehs fortan auf einen Betonvorhang schauen.

 

Den Gedanken, einfach aufzugeben, weist Wael Basseh dennoch von sich. "Meine Eltern", sagt er, "sind 1948 aus Ein Kerem", einem arabischen Dorf im Westen Jerusalems, "hierher geflüchtet. Noch einmal weichen wir nicht." Sein Onkel Nasser Dahdoul, der ebenfalls im ölverschmierten Overall steckt, klopft ihm bekräftigend auf die Schulter. Mit starrer, beinahe ungläubiger Miene beobachten die beiden Männer, wie der Kran ein Betonteil an den Haken nimmt. Die eigentliche Drecksarbeit beim Mauerbau erledigen palästinensische Malocher, die sich in Ermangelung jeglicher Einkommensalternative bei israelischen Konstruktionsfirmen verdingt haben. Angesichts der Absurdität der Situation versucht es Nasser Dahdoul mit Galgenhumor. "Soll das hier etwa werden wie auf dem Golan, wo die Drusen mit Megafonen über die Grenze hinweg ihren Verwandten in Syrien etwas zurufen müssen?" Ein Leben ohne Aussicht in vieler Hinsicht. "Die Israelis", sagt Wael Basseh, "rauben uns fast alles: den Ausblick, die Sonne, unsere Existenz." Von den zwölf Automechanikern, die er einst in seiner Werkstatt beschäftigte, kann er sich nur noch einen leisten. Die Auftragslage ist mau, seitdem die Kunden aus Jerusalem viel Zeit und Umwege in Kauf nehmen müssen, um überhaupt noch nach Al Asariya zu gelangen: das Dorf hin zur judäischen Wüste, im Neuen Testament als Bethanien erwähnt. Dort soll Jesus den toten Lazarus erweckt haben und später von Bethanien aus auf einem Esel zum Tempelberg geritten sein. Heute würden ihn bei dem Trip Barrieren und Checkpoints aufhalten. Die Hochsicherheitsanlage wird Al Asariya künftig an drei Seiten umringen.

 

Auch andere Enklaven entstehen durch den Mauerbau. Denn sein Verlauf hält sich nur bedingt an die Stadtgrenze rund um den Ostteil. Die demarkierte Linie beult sich immer wieder aus, um Westbank-Land reinzuholen oder, wie etwa im Fall des Flüchtlingslagers Schuafat, die Bewohner auszusperren. Dazu weist das Konzept im Norden wie auch im Süden der Stadt umzirkelte Gebiete aus, deren einziger Zugang durch bewachte Tore möglich ist. Vor allem aber schneidet die auf 150 Kilometer Gesamtlänge geplante Mauer Ost-Jerusalem von seinem Hinterland ab. Weshalb David Kimhi vom Jerusalem Institut für Israelische Studien von "der dramatischsten Entwicklung" seit der Vereinigung von West- und Ostteil 1967 spricht. Schon jetzt zeichnen sich laut einem Bericht des UN-Büros zur Koordination Humanitärer Angelegenheit Notlagen in der Schul- und Gesundheitsversorgung ab.

 

Jerusalemer Schutzwall 

Es ist paradox: Der Jerusalemer Schutzwall trennt nicht Israelis von Palästinensern, sondern arabische Viertel von der Westbank. Ein Konzept, das sich mit Israels Anspruch auf ganz Jerusalem deckt. Für den Mauerbau wurden laut UN-Zahlen 270 Hektar am Ostrand vorläufig beschlagnahmt. In Folge finden sich jetzt bis zu 60 000 Palästinenser innerhalb des Stadtgebiets wieder, ohne aber wie die bisherigen 220 000 palästinensischen Bewohner eine Residenzerlaubnis für Jerusalem zu besitzen. Gleichzeitig ziehen Ost-Jerusalemer, die aus Kostengründen in der billigeren Westbank lebten, wieder zurück. Experten rechnen daher mit einer Verschiebung des demografischen Verhältnisses zu Ungunsten der jüdischen Mehrheit. Ihr Anteil beträgt derzeit 68 Prozent, der arabische 32 Prozent.

 Am härtesten trifft es die Schwächsten. Etwa den zehnjährigen Abdallah Ayyad aus Al Asariya. Er leidet an einer seltenen Knochenschwäche. Bereits bei der Geburt, als die Ärzte ihn per Kaiserschnitt aus dem Leib seiner Mutter Naira holten, brachen seine Beine. Komplizierte Operationen in Pennsylvania, USA, brachten eine Verbesserung. Aber vorerst bleibt Abdallah auf den Rollstuhl angewiesen - und auf intensive Physiotherapie. Deshalb besucht der Junge die Schule für Körperbehinderte auf dem Ölberg, benannt nach der jordanischen Prinzessin Basma. Nur - wenn die Mauer komplett ist, wird das kaum möglich sein. Schon heute ist die Anfahrt viel teurer geworden, berichtet Vater Adnan Hassan Ayyad, der in Al Asariya einen Laden für Fernsehreparaturen führt.

 

Die Kosten fürs Taxi, das die Schule nur noch über die Westbank-Siedlung Maale Adumim erreichen kann, verschlingen inzwischen solche Unsummen, dass die Familie sich die Extraausgaben für die Behandlung nicht mehr leisten kann. Angesichts der Einnahmeausfälle im Laden weiß sie nicht mal mehr, wie sie den Strom bezahlen soll. Dabei ist sich der Vater schmerzlich bewusst, dass sich der Zustand seines Sohnes so nur verschlechtern kann. "Im Grunde sabotieren wir, was zuvor in Amerika für Abdullah getan wurde." Geld ist nicht das einzige Problem. In Al Asariya gibt es keinen Spezialisten, der den Jungen untersuchen kann. Als kürzlich sein rechtes Bein kalt und blau wurde, wussten die Eltern sich nicht anders zu helfen, als es in heißes Wasser zu legen.

 

Israels Außenminister Silwan Schalom sagt, die palästinensische Seite habe sich selbst zuzuschreiben, wenn sie jetzt leide. "Der Zaun" - das Wort Mauer verpönt man in Regierungskreisen - "ist reversibel. Menschenleben jedoch nicht." Tatsächlich geschahen die meisten palästinensischen Selbstmordattentate in Jerusalem. Bleibt die Frage, ob der Schutzwall wirklich nur der Terrorabwehr dient. Der Jerusalem-Experte Menachim Klein, der in Israel zu den schärfsten Kritikern der Mauer zählt, beantwortet sie mit einem Nein. Nach seiner Überzeugung "dient der Sicherheitsaspekt eher als Rechtfertigung für weitere Annexion von Land". Eine Zwei-Staaten-Lösung mit Jerusalem als Kapitale, zu deren Vordenkern der Politologe zählt, werde dadurch torpediert: "Nicht mehr Sicherheit wird das Ergebnis sein, sondern ein Anstieg von Armut und Kriminalität." Scharons Logik laufe darauf hinaus, "Ost-Jerusalem als hauptstädtischen Einzugsbereich für das Westjordanland zu zerstören, um Israels Kontrolle über das Gebiet zu sichern."

Schwerlich nachvollzuziehen jedenfalls ist, warum der palästinensische Gemischtwarenhändler Hassan Ikermawi ein geringeres Risiko darstellen soll als sein Landsmann und Kollege Adnan Ischiman. Beider Geschäfte liegen in Abu Dis und nur einen Katzensprung auseinander. Das eine aber diesseits der Mauer, auf Jerusalemer Boden, das andere jenseits, auf Westbank-Gebiet. Nur der bevorstehende Bankrott ist ihr gemeinsames Schicksal. Nicht mal die Studenten der Al-Kuds-Universität, die bis vor kurzem noch, als die Mauer provisorisch und halb so hoch war, Durchlassspalten fanden, holen sich ihre Snacks bei ihnen.

Auch auf dem Campus selbst, einen guten Kilometer tiefer auf der Westbank-Seite von Abu Dis gelegen, herrscht No-Future-Stimmung. Den Hügel im Süden, Richtung Beit Sahour, krönt bereits ein Mauerungetüm. Die Planierspur zeigt, wie nahe es rankommen wird: zwölf Meter an eines der Universitätsgebäude. Ein schwacher Trost, dass das israelische Verteidigungsministerium auf einen Sitzstreik der Studenten hin bei der Routenbestimmung zumindest das Fußballfeld verschonte. Denn 90 Prozent der 7000 Studenten werden per Mauerbau noch mehr Probleme als bislang haben, in ihre Seminare zu gelangen. Am ärgsten trifft es die 1995 gegründete medizinische Fakultät, die einzige in Palästina. Die eigentlich nur eine Viertelstunde mit dem Auto entfernte Uni-Klinik, das Makassed-Hospital, befindet sich für viele unerreichbar in Ost-Jerusalem. Der Versuch, trotzdem zu der praktischen Ausbildungsstätte zu gelangen, endete für die 23-jährige Medizinstudentin Hind Saleyman Scharatha fatal. Sie starb am 2. Dezember. An den Folgen eines Sturzes von der "Terror-Präventions-Mauer" in Abu Dis.

 

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