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Ein Schlag gegen die MauerGideon Levy, Haaretz, 7.2. 04(Entlang
der Route des mächtigen „Jerusalemer Umschlages“, kurz vor ihrer
Vollendung) Bald
wird das Tor verschlossen sein. Auch dieses. Eine riesige Platte wird mit der
anderen verbunden, wie Legoblöcke. Und der Beton wird alles absperren. Hier
gibt es keine Debatte: das ist eine Mauer – kein Trennungszaun. Eine Mauer.
Ein mächtiges Bauwerk – zweimal so hoch wie seine historische Schwester, die
Berliner Mauer. Warum
diese Höhe? Über 8 Meter. Hat das etwas mit dem Größenwahnsinn seiner
Erbauer zu tun? Ein unersättlicher Wunsch zu demütigen? Um ihnen ihren Platz
anzuweisen: wie kleine Insekten vor einer kolossalen Mauer. Um sie vor unseren
Blicken verschwinden zu lassen und so den letzten israelischen Traum der
„Trennung“ zu verwirklichen? Glauben zu machen, dass wenn wir sie hinter der
Mauer verstecken – wir sie nicht mehr sehen, dass sie aufhören zu existieren? Eine
Mauer mitten in der Stadt, die Abu Dis in zwei Teile teilt. Keiner fragt warum
– warum gerade hier, mitten in der Stadt? Und warum diese unmenschliche Höhe?
Keiner ist interessiert, keiner macht sich die Mühe, dies zu erklären. Der
„Jerusalem-Umschlag“. Noch ein euphemistischer, abmildernder Ausdruck für
einen anderen Schrecken der Besatzung. Bald
wird das Tor verschlossen sein, wenn der letzte palästinensische Arbeiter den
letzten Riegel ihres Käfigs installiert hat. Wir hier – sie dort, und wir natürlich
auch dort: herumstöbern, ausreißen, demolieren, pflastern, graben, Zement gießen,
aufbauen, gerade machen, Schrauben anziehen, mit einander verbinden, schützen
– bis wir eine Mauer haben, eine Apartheidmauer. Vielleicht
wird der Tag kommen, an dem diese Mauer in kleinen Stücken in Souvenirläden in
Jerusalems Altstadt, im Jeniner Flüchtlingslager und in der Casbah von Nablus
verkauft werden wird. In dieser Woche erscheint dieser Tag in weiter Ferne. Vorläufig
leuchtet der Felsendom mit goldener Kuppel in der Sonne und überschaut die
Aktivitäten hier. Bald wird auch er vor den Augen der Bewohner von Abu Dis
verschwunden sein, die sich so daran gewöhnt haben, ihn zu sehen. Jerusalems
Schönheit wird immer obskurer. Ein
palästinensischer Fahrer bewegt einen Kran mit riesigem panzerartigen Fahrwerk
im Rückwärtsgang, hebt langsam die Betonplatten und sperrt nach und nach sein
eigenes Volk ein. Platte um Platte wird gehoben und auf den für die Mauer
aufgerissenen Grund gesetzt. Noch eine Platte für den Käfig und noch eine, 24
Stunden lang an einem Tag. Es wird so schnell als möglich gearbeitet, rund um
die Uhr. Er muss vor der Anhörung in Den Haag fertig sein. Dicht, grau, glatter
Beton – der große Sieg über den Terror. Trennung zwischen Palästinensern
und Palästinensern, zwischen den „Guten“ und den „Bösen“. Obwohl
keiner sagen kann, warum gerade diese gut sind und die andern nicht, nach
welchen Kriterien wird beurteilt? Was haben die einen getan, um Freiheit zu
erhalten und welche Sünde haben die eingesperrten begangen, dass sie dieses
Schicksal verdienen? Trennung
eines Bauers von seinem Land, eines Lehrers von seinen Studenten, der Patienten
von ihrem Arzt, Trennung der Geschwister. Wohngebiete werden auseinander
gerissen, Familien geteilt, obwohl sie alle zum selben Dorf gehören: Abu Dis.
Meter um Meter windet sich die Mauer den Berg hoch und ins Tal hinab. Was ( vor
hundert Jahren R.) mit der „Eroberung der Arbeit“ und den „Palisaden und Türmen“
begann, wird nun zur Eroberung eines Volkes und zu einer Palisade ohne einen
Turm. Aber keine Sorge: Die Türme werden nach dem ersten Terroranschlag auch
hier wachsen . Dann kommen die Schmuggeltunnels wie in Rafah und in Sarajewo -
wie an jedem Ort, der durch eine Mauer getrennt wird. Dann wird das Zerstören
von Häusern folgen, und die Bäume werden
verschwinden – natürlich alles begleitet von Blutvergießen. Blut wird dort
vergossen, wo Betonmauern provozieren und einsperren. Die
Häuser neben der Mauer, die also an die Mauer anstoßen, haben am längsten da
gestanden. Wenn die Besitzer erst einmal die Nase voll haben von der
Grenzpolizei in ihrem Hof und den Soldaten an der Haustür, werden die Häuser
bald „verlassen sein“ und dann plötzlich als „verlassenes Eigentum“
betrachtet werden. Dann können wir damit machen, was wir wollen. „An diesem
Morgen zerstörten die IDF noch eine Reihe verlassener Häuser in Abu Dis“,
wird der lakonische Nachrichtenreporter verkünden, genau so wie die fast täglichen
Berichte von den vergessenen Killing-Fields in Rafah. Land
der Mauern
Also
sollten wir zum Abschied noch einen letzten Blick auf die Häuser werfen,
solange sie noch stehen. Mit der im Winde flatternden Wäsche und den Menschen
darin. Es sind ihre letzten Tage zu Hause. Uns war immer gesagt worden, dass
eine Stadt mit einer Mauer eine schlechte Sache sei, dass Jerusalem auf ewig
vereint sein wird. Ein
Land, das immer mehr Mauern errichtet, kann kein Vorbild sein. Denn die Mauer
ist nicht nur hier, entlang der Trans-Israel-Autobahn gibt es sie auch und
zwischen Caesarea und Jisr al Zarqa steht noch eine. Dies hier wird ein Land der
Mauern. Das „verheißene Land“ wird in Beton gehüllt, zusammengedrängt
hinter dicken Betonmauern wie „die Eiserne Mauer“
Zeev Jabotinskys. Dahinter wird ein Volk eingekerkert, das Land und seine
Bewohner verletzt; ein übler Zaun wird gebaut, der so noch gefährlichere
Nachbarn schafft. Und alles wird auf Land gebaut, das uns nicht gehört. Eine
Reihe Olivenbäume entlang der Straße wartet auf den Tag, bis sie aus diesem
Land ausgerissen wird. Ihre Zeit ist vorbei. Noch ein paar Tage und sie werden
abgesägt worden sein. Ein kalter Wind pfeift durch sie und lässt die Blätter
noch einmal rascheln. Seit Jahrzehnten stehen sie da. Vielleicht werden sie am jüdischen
Fest des Baumes ausgerissen. Vielleicht werden Schulkinder, in Weiß und Blau
gekleidet, hergebracht, um ihnen zu zeigen, wie Olivenbäume abgeschlagen
werden, so wie wir einmal hinausgingen und an diesem Feiertag aufgeregt Bäume
pflanzten. Die
Bewohner von Abu Dis überqueren schnell den Graben, in den die Betonplatten
bald eingesetzt werden, um in diesen letzten Tagen noch einmal die Freiheit zu
genießen, die Stadt durchqueren zu können. Die letzten Augenblicke der
Freiheit, bevor das Tor verschlossen ist. Keine Gebete gelangen über diese
Mauer, die Mauer von Angst und Hass. Es wird der Tag kommen, an dem die Bewohner
ihren Kindern von der Zeit erzählen werden, in der dieses Monstrum noch nicht
hier war und in der sie immer, wann sie wollten, in die Stadt gehen konnten. Die
Kinder werden es ihnen kaum glauben. Was – Abu Dis ohne Mauer? So dass man
direkt von zu Hause aus zur Schule gehen konnte.
Es gab niemals so etwas wie die Maginot Linie in Abu Dis, diese Berliner
Mauer des vereinten Jerusalem. Zuerst nehmen wir Abu Dis und dann Al-Ram, der nächste
Halt des „Sicherheits-Umschlages“ von Jerusalem. Wie
viele Israelis haben sie gesehen? Und wie viele wollen sie sehen? Wie viele
werden verstehen, was wir hier einem Volk antun, dem wir seit 37 Jahren immer
mehr die Luft zum Atmen nehmen (anders kann ich es nicht ausdrücken) – und
nun noch diese Mauer zu allem übrigen. Hierher sollten Schulklassen auf ihrem
Schulausflug gebracht werden – damit sie sehen. Je näher man zur Mauer kommt,
um so kleiner fühlt man sich. Stell dich daneben – und du fühlst dich nur
noch wie ein winziges menschliches Etwas. Die
Mauer windet sich durch die Landschaft und wir folgen ihr. Ein LKW von
„Ackerman-Industrie, Logistics und Installationen“ parkt an der Seite. Sonst
baut sie Straßen in den Vorstädten. Nun diese Mauer. Anstelle der früheren
hebräischen Arbeitsbrigaden, haben wir die Arbeitsbrigaden von Yata und Gaza.
Ein erstes Graffiti im Beton: „Arafat wird Sharon ficken!“ Ein
Minarett trotzt Ein
Brunnen, der über 300 Jahre alt sein soll. Die Bulldozer haben seine Öffnung
in ein weit klaffendes Loch verwandelt. Die abstürzenden Steine hinterlassen
Spuren. Es ist der Brunnen der Erekat-Familie, deren Haus direkt neben der Mauer
steht. Das Haus steht auf der einen Seite der Mauer, die 14 Dunum (3,5acres)
Land liegen auf der anderen Seite. Der Brunnen liegt zwischen Haus und Mauer.
Eine ältere Frau sprengt die Stufen vor dem Eingang, um den Staub von der
Steinbrucharbeit im Hof wegzuwischen. Das
halbe Haus liegt in den besetzen Gebieten, die andere Hälfte liegt im
vereinigten Jerusalem. Die Bewohner der Räume auf der Jerusalemseite zahlen
Gemeindesteuern – obwohl es sehr unklar ist, für welche Dienste eigentlich.
Vielleicht für das Recht, die Stadt betreten zu dürfen. Die anderen sind von
der Steuer befreit. Aber es ist ihnen verboten, die Stadt zu betreten. Sie gehören
aber alle zu einer Familie. Der winzige Garten ist gut gepflegt. Er gehört zum
ganzen Haus und erstreckt sich von den besetzten Gebieten bis zur Hauptstadt.
Das weiße Haus gegenüber sollte abgerissen werden, bis das Gericht
intervenierte und dies zunächst mal verhinderte. „Was
können wir tun?“ fragt die alte Frau –Fatma Erekat, 74. Der
Menschenrechtler Bassam Eid, der uns begleitet, sagt mit einem Lächeln, dass
alle Frauen ihrer Generation entweder Fatma oder Maryam heißen. Fatma lächelt.
Ihre Schwester heißt Maryam. Sie hat acht Töchter und vier Söhne und viel
mehr Enkel und Urenkel. Sie kann sich nicht erinnern, wie viele. „Ich kann
weder lesen noch schreiben“, sagt sie. „Aber die ganze Welt weiß, was 1948
geschehen ist. Auch 1967. Einige flohen – wir blieben.“ Die
Betonplatten lehnen an einander. Eine TV-Garnitur steht auf dem Steinbalkon der
Erekats. Vielleicht als Ersatz für den prächtigen Blick, der nun abhanden
gekommen ist. Statt den Blick auf die Al-Aqsa-Moschee zu haben, sieht man jetzt
al Jazeera. Von beiden Seiten der Mauer hört man die Rufe der Muezzins. Der
Fahrer der orangenen Maschine, die die Betonplatten holt, stoppt den Motor,
breitet eine gelbe Matte auf dem schmutzigen Boden aus und verrichtet sein
Mittagsgebet in Richtung der Mauer, die auch die Richtung nach Mekka ist. Das
Minarett der örtlichen Moschee ist noch höher als die Mauer und scheint ihr zu
trotzen. Die
Arbeiter aus Gaza verließen ihre Wohnungen um 11 Uhr in der Nacht, um hier um 7
Uhr am Morgen zu sein. Um 4 Uhr nachmittags endet ihr Arbeitstag, um 7 Uhr
abends sind sie wieder zu Hause, um 4 Stunden später wieder aufzubrechen. Tag
um Tag, Nacht um Nacht - um Israels Sicherheit willen. Einer von ihnen trägt
eine US-Flotten-Kappe. Er fragt, ob wir nicht ein Foto von ihnen machen könnten.
Sie sind nicht glücklich mit dieser Arbeit. „Palästinensische
Entschlossenheit wird 1000 Zäune zerstören“, steht auf einem Blatt Papier,
das an der Abu Dis-Seite der Mauer angeheftet war. 1000 Zäune – und jetzt ist
in der Mitte der Stadt nur ein kleiner offener Spalt in der Mauer. Und die
Bewohner klettern noch über die Betonblöcke, um von zu Hause zum
Lebensmittelladen zu gelangen. Alles ist relativ. Bald werden sie Heimweh nach
diesen Tagen haben. Die Al-Razali Schreinerei hatte ihren Eingang direkt an der
Mauer. Sie hat schon zugemacht. Denn wer würde hierher kommen, um ein Möbelstück
fürs Wohnzimmer zu bestellen? „Wer sperrt Menschen in dieser Weise ein?“
fragt ein Passant. „Sperre einen
Hund in der Weise ein, dann wird er zu einem Raubtier.“ Kameras aus aller Welt dokumentieren dies. „Abu Dis-Ghetto“ steht schon in roter Schrift auf dem Beton. (aus dem Englischen: Ellen Rohlfs)
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