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Ostermarsch Rhein und Ruhr 2005
Für ein friedliches und solidarisches Zusammenleben in Europa!
Keine Militärverfassung und keine Militärpläne!
www.ostermarsch-ruhr.de 

 

-> Alle Redebeiträge aus Duisburg, Auftaktveranstaltung, 26. März 2005

 

Es gibt zwei Möglichkeiten: Frau Beer könnte ebenfalls zu denen gehören, die diesen mehrere Hundert Seiten starken Wälzer nicht gelesen oder nicht genau gelesen haben. Denkbar ist es. Damit wäre ihre Aussage einfach ignorant. Frau Beer gilt allerdings als Verteidigungs-, 'tschuldigung - als Wehrexpertin. Somit müssen wir davon ausgehen, dass Frau Beer ganz genau weiß, was sie sagt und tüchtig an dem offiziellen Tarnnetz mit knüpft. 

 

 

Gegen diese EU-Verfassung!

 

Gedächtnisprotokoll der Begrüßungsansprache und bei der Auftaktveranstaltung Ostermarsch Rhein und Ruhr 2005 in Duisburg, 26. März 2005, zum Schluss abgerundet

 

(Hanna Ackermann)

 

60 Jahre nach der Befreiung vom Faschismus und 60 Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs soll Europa eine Verfassung bekommen. Der Entwurf, vom EU-Parlament mehrheitlich beschlossen, soll bis 2006 von allen 25 Mitgliedsstaaten ratifiziert werden. In einigen Ländern wird die Bevölkerung zur Abstimmung aufgerufen, in Deutschland soll der Vertrag nur vom Parlament ratifiziert werden.

 

Die Abstimmung soll am 9. Mai 2005 stattfinden, an einem historischen Jahrestag – und diese Tatsache wird sicher medien- und publikumswirksam als eine besondere politische Errungenschaft der letzten 60 Jahre verkauft werden. Ich frage mich allerdings, ob die Menschen, die den 2. Weltkrieg mit all seinen Schrecken erlebt haben, dieses Ereignis nicht eher als Hohn empfinden werden.

 

Genau genommen macht es keinen großen Unterschied, ob das ganze Volk abstimmt oder nur seine Vertreter: Die meisten haben keine Ahnung, was in diesem Vertrag steht; es sind einige Hundert Seiten. Die Parlamentarier haben dieses Werk sicherlich auch nicht in seiner Gänze gelesen. Schon in der Vergangenheit, als Otto Schilly seine „Antiterrorgesetze“ durch den Bundestag jagte, haben sie gezeigt, dass sie über Inhalte abstimmen, die ihnen unbekannt sind.

 

Über die Inhalte der EU-Verfassung wissen die meisten nur das, was die Spitzenpolitiker von sich geben, und sie betonen das Zusammenrücken der Völker in Europa und verschweigen, unter welchen Vorzeichen dieses Zusammenrücken vonstatten gehen soll: Unter den Vorzeichen des Kriegs.

 

60 Jahre nach dem 2. Weltkrieg wollen manche europäische Regierungen, an der Spitze Deutschland und Frankreich, uns wieder auf den Krieg einstimmen. Nach den grausamen Vorboten der letzten Jahre – Nato-Krieg gegen Jugoslawien, „Verteidigung der deutschen Freiheit am Hindukusch“ oder indirekter Unterstützung des völkerrechtswidrigen Kriegs gegen den Irak von deutscher Seite, soll Europa – und damit auch Deutschland – per Verfassung zum Aufrüsten und Kriegführen verpflichtet werden.

 

Denn: Was immer verschwiegen oder klein gehalten wird: Es handelt sich um eine militärische Verfassung.

 

Schon beim Ostermarsch 2004 unter dem Motto „Abrüstung statt Sozialkahlschlag. Ja zu einem sozialen Europa …“ protestierten wir dagegen, dieses Jahr knüpfen wir hier an mit dem Motto „Für ein friedliches und solidarisches Zusammenleben in Europa. Keine Militärverfassung und keine Großmachtpläne!“

 

Und jetzt zitiere ich Frau Angelika Beer, die Grüne Abgeordnete im Europa-Parlament, die uns in der heutigen Ausgabe der Frankfurter Rundschau wild beschimpft:

 

„Die Aufrufe der Friedensbewegung, an diesem Osterwochenende gegen die EU-Verfassung zu marschieren, sind Ausdruck absoluter Orientierungslosigkeit und des Verharrens im Denken des Kalten Krieges. Die These von der Militarisierung der EU ist haltlos. Und sie ist gefährlich. Durch Unkenntnis und bewusste Fehlinformationen über den Verfassungstext wird das Scheitern des Friedensprojektes Europa provoziert.“

 

Es gibt zwei Möglichkeiten: Frau Beer könnte ebenfalls zu denen gehören, die diesen mehrere Hundert Seiten starken Wälzer nicht gelesen oder nicht genau gelesen haben. Denkbar ist es. Damit wäre ihre Aussage einfach ignorant.

 

Frau Beer gilt allerdings als Verteidigungs-, 'tschuldigung - als Wehrexpertin (FR). Somit müssen wir davon ausgehen, dass Frau Beer ganz genau weiß, was sie sagt und tüchtig an dem offiziellen Tarnnetz mit knüpft.

(…)

 

Die Europäische Union will gleichgewichtige Weltmacht neben den USA werden. Die deutsche Regierung will dabei die Vorreiterrolle einnehmen. Wir kennen das Spielchen aus der Wirtschaft: wer wachsen will, muss investieren. So geschieht es auch mit dem „Unternehmen Deutschland“. Für Investitionen braucht man Geld. Und dieses Geld sollen die Schwächsten aufbringen – und das tun sie schon jetzt.

 

Agenda 2010, Hartz IV, ALG II, Gemeinnützige Arbeitsgelegenheiten, 1-Euro-Jobs, in denen immer öfter hochqualifizierte Leute hochqualifizierte Arbeit für weniger als Hungerlohn liefern, lassen Arbeitsplätze vernichten und sparen öffentliche Gelder in öffentlichen Einrichtungen wie Schulen, Kindergärten oder Krankenhäusern. Denn hier fehlt das Geld. Öffentliche Gelder – Steuergelder – werden gebraucht für Investitionen des „Unternehmens Deutschland“ – und diese Investition ist die Rüstung.

 

Immer wieder sehen wir den Verteidigungsminister Struck im Fernsehen, er redet auch vom Sparen bei der Bundeswehr: Reduzierung der Soldatenzahl und Schließung der Standorte. Bei dem lauten Gejammere vom Geldmangel und der Notwendigkeit zu sparen könnte der Zuschauer zu dem Schluss kommen, dass endlich auch bei den militärischen Ausgaben gespart wird. Ich unterstelle, diese trügerische Schlussfolgerung ist gewollt! Die Tatsachen sind jedoch anders. Gespart wird bei der Bundeswehr beim Personal, bei der Materialerhaltung, aber nicht bei der Beschaffung neuer Waffen.

 

Nur zwei Größen nenne ich hier: Der Verteidigungshaushalt (so heißt er tatsächlich) verschlingt 25 Milliarden Euro jährlich und soll steigen. Der Anteil für militärische Beschaffungen soll von 4 Mrd. (2004) auf über 6 Mrd. in 2009 steigen. Um mehr als die Hälfte! Und wir dürfen uns nicht täuschen lassen: Sind die Waffen da, werden sie irgendwann auch eingesetzt.

 

Wohin soll das führen? – Ich zitiere Minister Struck, auch für Frau Beer, die vom „Friedensprojekt Europa“ faselt: „Mögliches Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt“, und zwar zur „Konfliktverhütung und Krisenbewältigung einschließlich des Kampfs gegen den internationalen Terrorismus.“ Wie das praktisch aussieht, wie ganze Staaten niedergewalzt werden, sehen wir schon heute.

(…)

 

Das deutsche Grundgesetz stellt die Vorbereitung eines Angriffskriegs unter Strafe. Ebenfalls nach dem Grundgesetz ist die Bundeswehr nur zur Landesverteidigung einsetzbar.

 

Um die Pläne von der Großmacht Deutschland zu realisieren und die Bundeswehr weltweit einzusetzen, muss man diese Teile des Grundgesetzes außer Kraft setzen.  Das geht ganz einfach – und man bedarf dazu nicht einmal der Zustimmung des Parlaments! Denn das würde sicherlich einen landesweiten Aufschrei und berechtigten Protest verursachen.

 

Man kann die Sache ohne viel Aufhebens durchziehen durch die Ratifizierung der EU-Verfassung. Dann wird das Grundgesetz klammheimlich zum Altpapier. Denn die europäische Verfassung steht über den Landesverfassungen. Dann werden die Vorbereitung und Führung von Angriffskriegen straffrei; mehr noch: sie werden zur Pflicht.

 

Im Verfassungsentwurf heißt es: „Die EU-Mitgliedsstaaten verpflichten sich, ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.“  Ein eigenes Rüstungsamt soll diese Aufrüstungspflicht kontrollieren und die Waffenindustrie fördern. Dieses Rüstungsamt hat sogar Regierungsbefugnis, denn es kann Rüstungsvorhaben „auch selbst umsetzen“.

 

Das europäische Parlament hat lediglich das Recht, zu Fragen der Sicherheits- und Verteidigungspolitik GEHÖRT zu werden, aber es hat nichts zu entscheiden. Das Mandat für weltweite Militäreinsätze bekommt per EU-Verfassung der EU-Ministerrat.

 

Diese Herrschaften entscheiden dann allein, ob vom europäischen Boden ein Krieg ausgeht im Namen der Abrüstung, der Krisenbewältigung oder der Unterstützung von „Drittländern bei der Bekämpfung des Terrorismus in ihrem Hoheitsgebiet.“ Dies ist ein Freibrief zum Angriff auf Drittländer unter dem Deckmantel freundschaftlicher Hilfe.

 

Durch die Verpflichtung zur Leistung militärischen Beistands untereinander werden die Mitgliedsstaaten de facto zur Führung von Kriegen verpflichtet.

 

Ich habe gerade oben „Abrüstungskriege“ erwähnt – von einem Opfer eines solchen Abrüstungskriegs, bei dem es aber nichts abzurüsten gab, hören wir täglich in den Nachrichten: Das Volk des „abgerüsteten“ Iraks kämpft seit zwei Jahren um seine Unabhängigkeit.

(…)

 

Der Beitrag der Wehrexpertin Beer steht unter dem Titel „Die These von der Militarisierung der EU ist haltlos. Einspruch gegen die Ostermarsch-Aufrufe der Friedensbewegung: Wer Europa links liegen lässt, wird bei den Nationalisten landen“. Dabei verspricht sie, „den gesellschaftlichen Streit für diese Verfassung intensiv und kontrovers“ zu führen. Die letzten beiden Wörter treffen auf jeden Fall zu. Die Überschrift stimmt nicht mehr: Der militärische Charakter der Verfassung ist keine These, sondern Tatsache.

 

Das dies so ist, verrät sie uns selbst: „Weltweit werden erstmals in einer Verfassung die zivilen und militärischen Missionen im Rahmen der Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) gleichberechtigt nebeneinander definiert. Damit werden neue Maßstäbe gesetzt.“ – Eben. Wer zivile und militärische „Missionen“ gleichberechtigt nebeneinander stehen lassen will und dies noch als neue Maßstäbe definiert, zeigt, wessen Geistes Kind er ist.

 

Zu guter (oder eher schlechter) Letzt betrachten wir den Satz: „Wer Europa links liegen lässt, wird bei den Nationalisten landen.“ Hier bin ich geneigt, Frau Beer Recht zu geben. Nur: Wir, die Friedensbewegung, lassen unser Europa nicht „links liegen“. Unsere Forderungen, welches Europa wir uns wünschen, sind hinlänglich bekannt. Nur der Expertin Beer offensichtlich nicht.

 

 

 

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