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Ostermarsch
Rhein und Ruhr 2005
-> Alle Redebeiträge aus Duisburg, Auftaktveranstaltung, 26. März 2005
Wir Deutsche sind nach 60 Jahren wieder so weit, dass Krieg als normales Mittel der Politik gilt. Wer von uns merkt denn, wo unsere Regierung Prioritäten setzt? Ein Blick auf die Geldverteilung genügt: ein paar Millionen Euro für Zivilen Friedensdienst, dagegen die 25 Milliarden Euro jedes Jahr für Rüstung und Militär!
Der
Schrecken des Krieges vergeht nie Eberhard
Przyrembel: Rede während der Auftaktveranstaltung Ostermarsch Rhein und Ruhr
2005 in Duisburg am 26. März 05. Es gilt das gesprochene Wort Europa
in guter Verfassung. 60 Jahre nach Kriegsende? Die meisten Deutschen kennen
Krieg bloß noch vom Hörensagen. So eine lange Friedenszeit hat es in
Deutschland noch nie gegeben. Aber was für ein Friede ist das? 1945
träumten Weltbürger von einer grenzenlosen Welt: Nie wieder Faschismus! Nie
wieder Krieg! Entspricht unser Europa heute dieser Vision von damals? Am
29. Oktober 2004 haben die europäischen Staats- und Regierungschefs in Rom höchst
feierlich einen Verfassungsvertrag unterschrieben, der sich durch Länge,
Fachkauderwelsch und Unverständlichkeit auszeichnet. Zwei Drittel der Spanier
haben für diese Verfassung gestimmt, obwohl 90 % den Inhalt nicht kennen. Für
die Reden an den kommenden 3 Tagen des Ostermarsches Rhein und Ruhr haben wir
uns die Themen des Aufrufs aufgeteilt. Heute: Kein kriegslüsternes Europa! Kein
Zwang zur Militarisierung! Die
früheren Kriegsminister heißen heute Verteidigungsminister, aber sie betreiben
dasselbe Geschäft. In der neuen Verfassung steht nicht „wir wollen aufrüsten
wie die USA“, sondern es heißt da: „Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich
ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern“. Verantwortlich für
diese zweifelhafte „Verbesserung“ soll werden (kein Kriegsministerium!) eine
„Agentur für die Bereiche Entwicklung der Verteidigungsfähigkeiten,
Forschung, Beschaffung und Rüstung“. Völlig vergessen hat unser
Regierungschef, dass im Grundgesetz die Vorbereitung von Angriffskriegen klar
unter Strafe gestellt wird. (Carlo Schmidt hatte damals im Parlamentarischen Rat
sogar ein Verbot der Produktion von Kriegswaffen gefordert). Für mich zeigen
solche Formeln „Pflicht zur Verbesserung der militärischen Fähigkeiten“,
überprüft von einer ominösen „Agentur“ – wer denkt da nicht gleich an
die Agentur für Arbeit? -, dass Militarismus und Kriegsbereitschaft
verfassungsmäßig zu den politischen Instrumenten des neuen Europa gehören
sollen. Dabei sind die Wunden des letzten Krieges allenfalls vernarbt. Die Schäden
dieses Krieges sind keineswegs repariert, beseitigt oder wieder gut gemacht. Mein
Thema heute: Die Greuel und Schäden dieses Krieges bestimmen bis heute unser
Denken und Leben. Seit
Jahresbeginn werden wir mit Retrospektiven und mit Erinnerungen der Zeitzeugen
überschwemmt. Zum Beispiel Lokalgeschichte hier: Am 24. März 1945 landeten
Amerikaner in Walsum. Am 26. März sprengten Deutsche alle Emscherbrücken. Der
Malermeister Heinz Tenter, Hamborner Ortsgruppenleiter und Volkssturmführer,
konnte den deutschen Kampfkommandanten zum Abzug nach Duisburg bewegen. Also war
Hamborn heute vor 60 Jahren befreit … Solche Einzelheiten werden bis ins
letzte genau erzählt. Aber was das Kriegsgeschehen in uns Menschen angerichtet
hat, welche bleibenden Schäden entstanden sind, kommt selten oder nie zur
Sprache. Ich
möchte mein persönliches Beispiel erzählen: Mein Vater ist im August 1944
„gefallen“. Da war ich 9 Jahre alt. In den Kriegsjahren vorher war er
praktisch nie da. Mir hat der Krieg den Vater weggenommen. Was das bedeutet, ist
mir erst klar und fühlbar geworden, als ich selber Vater wurde. Dass Krieg
Kindern die Väter raubt, ist ein nicht wieder gut zu machender Schaden, ein
schreiendes Unrecht. Wer das erlebt hat, müsste gegen jede Rechtfertigung des
Krieges als Mittel der Politik kämpfen. So wie mir geht es weltweit Millionen
von Vätern: Warum kämpfen nicht alle für die Abschaffung des Krieges? Genauso
wären die Leiden der unzähligen zivilen Opfer mit allen Einzelheiten aufzuführen
… In der Art müsste erinnert werden, denn keine Familie wurde im Zweiten
Weltkrieg verschont. Aber
es geht wie in dem bekannten Gedicht von Kunert: Raus aus dem Dreck und den Trümmern,
froh dass wir noch am Leben sind! Kurz die verbliebenen Möglichkeiten einschätzen
und dann schnell wieder aufbauen; noch besser, noch schöner … Das
Unangenehme, nämlich die Erschütterung über die Verluste, die umwälzende
Enttäuschung (es war ja das Ende einer Täuschung!), das alles vergessen, verdrängen!
Eugen Drewermann (FR 5.2.02, nicht ganz wörtlich zitiert) macht folgendes Gedankenexperiment: „Was wäre passiert, wenn man 1918, am Ede des Ersten Weltkrieges, gesagt hätte: Nach dem Zersprengen, Zerfetzen, Zerstechen, Zerschießen und Vergasen von mehr als 10 Millionen Menschen kann es diesseits und jenseits der Front keine Sieger mehr geben. Wir alle haben unsere Menschlichkeit in den Schützengräben und unter dem Stahlhelm verloren. Wir glaubten, in den Fabriken des Todes, in den Materialschlachten unsere Menschlichkeit, Freiheit und Kultur verteidigen und durchsetzen zu können. Wir alle sind in diesem Krieg zu Verbrechern geworden. – Hätte man so gemeinsam gesprochen und ein neues Europa aufgebaut, der Mann aus Braunau wäre nie etwas anderes geworden als Postkartenmaler in Wien. Der wahre Pazifismus hätte Hitler verhindert; einzig der Pazifismus.“ Bloße Phantasie? Wuschdenken? In
dem Buch „Der kleine Friede im Großen Krieg“ habe ich gelesen, wie im
Ersten Weltkrieg an Weihnachten 1914 – zu Beginn hatte es ja geheißen: an
Weihnachten seid ihr siegreich wieder zu Haus – wie also nach Monaten in Dreck
und Schlamm, schlecht ernährt und von Läusen geplagt, dazu die täglich
wachsende Zahl der Toten im zermürbenden Stellungskrieg, wie also an
Weihnachten 1914 die Soldaten auf beiden Seiten vorsichtig aus ihren Schützengräben
hervorkrochen. Ganz erstaunt erkannten sie in den Feinden von gestern Menschen,
die genauso litten und ebenfalls nicht mehr einsehen konnten, warum sie sich
gegenseitig tot schießen sollten. Als von der Gegenseite kein Schuss kam,
gingen sie vorsichtig aufeinander zu und fingen an, die Geschenke von zu Hause
auszutauschen. Sie machten
Gruppenfotos. Es gab sogar Fußballspiele im Niemandsland: eine unglaubliche
Atempause in dem mörderischen Kampf, an manchen Frontabschnitten bis nach
Silvester! Aber
auf Befehl von oben wurde weitergeschossen, erst zur Warnung in die Luft, dann
wieder ernsthaft mörderisch, vier lange Jahre! Tatsächlich verhinderten 1918
Dolchstoßlegende, Revanchedenken, Freicorps und Aktivitäten von Leuten wie
Ludendorff die Erkenntnis und Einsicht in die unmenschliche Wirklichkeit des
Krieges. Vergessen und Verdrängen der scheußlichen Kriegswirklichkeit. Wer
kennt heute noch z.B. Ernst Friedrich und sein Antikriegsmuseum in Berlin oder
sein Buch „Krieg dem Kriege“?
Die
Zerstörungen und Scheußlichkeiten des Zweiten Weltkriegs erreichten ein noch
gewaltigeres Ausmaß. Wir bekommen das nach 60 Jahren wieder vor Augen geführt.
Doch sobald die staatstragenden Eliten wieder Fuß gefasst hatten – im Kalten
Krieg vertraten nur ein paar Außenseiter eine menschliche Alternative – wurde
Pazifismus öffentlich verspottet.
Von
Eugen Drewermann (in „Krieg ist Krankheit, keine Lösung“, Herder Spektrum)
wird Krieg so beschrieben: „Krieg ist eine Wunde in der Seele des Menschen,
deren Schmerz nach immer grausameren Taten ruft. Doch kein weiterer Krieg schließt
diese Wunde … Der Krieg bringt alles um: die Liebe, die Musik, die Menschen
und die Menschlichkeit. Wohl erklärt man den Krieg, um all das zu schützen,
doch man vernichtet es … Clausewitz (der preußische General und Militärhistoriker)
hat gesagt: Der Krieg trägt seinem Wesen nach die Tendenz in sich, zum Äußersten
zu gehen.“ – Wenn erst Krieg ist, gibt der eine dem anderen das Maß vor.
Jeder reagiert nur noch auf die Aggression des Todfeindes … Die Spirale der
Blutmühle dreht sich ungehemmt immer weiter, bis der eine durch die Vernichtung
des anderen sein Ziel erreicht … Aber genau das, wegen eines Zieles überzeugt
sein, über Berge von Leichen gehen zu dürfen, das widerspricht jeder
menschlich glaubwürdigen Rechtfertigung des Krieges … Krieg enthemmt die
Menschen, die ihn führen. Krieg ist in seinem ganzen Wesen die Zerstörung und
die Aufhebung aller menschlichen Gesetze … Wir kann man Humanität mit den
Mittel verteidigen, die all das zerstören, was zur Humanität gehört? Das
klingt sehr theoretisch. Aber die Fratze des Krieges war zu allen Zeiten abstoßend
für die Betroffenen. Einen Menschen auf Befehl zu töten, setzt voraus, dass
einem mitfühlende Menschlichkeit wegtrainiert wird.
Was
ist also in den 60 Jahren, seit bei uns der Krieg zuende ging, geschehen?
Weltweit wurden mehr als 100 Kriege geführt und viele dauern bis heute, aber
uns geht es dabei ganz gut. Wir können ja abschalten, wenn wir die Bilder satt
haben. Die deutsche Politik hat nach 1989 mit der als Salamitaktik bekannten
Methode die Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee zu Interventionsstreitkräften
umgebaut. Am NATO-Krieg gegen Jugoslawien hat die rotgrüne Bundesregierung
aktiv und grundgesetzwidrig teilgenommen. Seit 2002 wird „unsere Freiheit am
Hindukusch verteidigt“. Am völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak hat sich
Deutschland nicht direkt beteiligt, wohl aber geduldet, dass der Nachschub von
hier und die Koordination über das EUCOM in Stuttgart funktionieren konnte.
Wir Deutsche sind nach 60 Jahren wieder so weit, dass Krieg als normales Mittel der Politik gilt. Wer von uns merkt denn, wo unsere Regierung Prioritäten setzt? Ein Blick auf die Geldverteilung genügt: ein paar Millionen Euro für Zivilen Friedensdienst, dagegen die 25 Milliarden Euro jedes Jahr für Rüstung und Militär! Die Kriegserfolge im Kosovo wie in Afghanistan bringen keine politische Lösung. Im Kosovo errichten die USA eine zusätzliche Militärbasis. Der neue Staat Afghanistan hat als Staatsoberhaupt einen Bürgermeister von Kabul und finanziert sich durch eine regelrechte Drogenindustrie. Der Irak ist so gründlich zerstört, dass die Wasser- und Stromversorgung auch nach 2 Jahren noch nicht wieder funktioniert und dass Erdöl importiert werden muss. Die Befreier von 1945 haben ihren Staat zu einem Imperium entwickelt, das weltweit mehr als 1000 Militärstützpunkte eingerichtet hat. Die USA geben jeden Tag mehr als eine Milliarde Dollar für Krieg aus – das sind täglich 50 Jackpotgewinne à 20 Millionen! Wenn die USA Kriegsgefangene erst einmal foltern und demütigen dürfen, wenn dieser Rechtsstaat auf Guantanamo Verdächtige zu Tausenden gegen alle Gesetze einsperren kann, welche Freiheit wollen sie den Menschen bringen? Die USA, ein militärischer Moloch, der sich die Welt unterwerfen will? Eugen Drewermann begann seinen Artikel in der F.R. so: „Es war am 13. September, morgens auf CNN, als der Dalai Lama einen verwirrt drein schauenden amerikanischen Journalisten zu erklären versuchte, was die Ereignisse zwei Tage zuvor in Washington und in New York in seinen Augen bedeuteten: „Dies“, so sagte er, „ist eine große Chance für die Gewaltlosigkeit – a big chance for Non-Violence“. ER dachte als Buddhist nicht anders, als es jeder Christ aus der Bergpredigt kennt: „Reagiert auf das Böse nicht (mit denselben Mitteln). „Überwindet das Böse durch das Gute“ – so Paulus im Römerbrief. Was würde passieren, wenn „die einzige verbliebene Großmacht der Welt“ eine Antwort auf die Terroranschläge finden würde, die aus der endlosen Blutmenge von Gewalt und Gegengewalt einmal herausführen könnte? Wir wissen heute, dass ein neuer Krieg erfunden wurde, der Krieg gegen den Terrorismus. Alle Einsichtigen wissen, dass Terrorismus mit Krieg nicht zu überwinden ist. Seit dem 13.09.01 ist keineswegs alles anders als vorher. Im Gegenteil, die Kriegsmaschine läuft auf höheren Touren. Statt alle Ressourcen für friedliche Konfliktlösungen einzusetzen – ich denke an die weltweite Kooperation, die nach der Tsunami-Katastrophe zustande kam, dreht sich die „Blutmühle von Gewalt und Gegengewalt“ weiter! Wir
hoffen, dass ein vereintes Europa aus der bitteren Erfahrung zweier Weltkriege
heraus eine demokratische und menschliche Alternative zustande bringen kann. Dafür
demonstrieren wir beim Ostermarsch Rhein und Ruhr von heute an.
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