
Christian
Uliczka
Redebeitrag zum Auftakt des Ostermarschs Rhein/Ruhr in Duisburg, 23.04.2011
- Es gilt das gesprochene Wort –
Liebe
Mitmenschen,
wie
geht es euch und Ihnen heute, wie geht es uns hier in Duisburg an diesem
sommerlichen Frühlingstag? Wir stehen hier für den Frieden, hören alle vom
Frieden und reden davon. Die Sonne scheint, und wir meinen wohl, wir hätten
nichts Schlimmes zu fürchten. Gefühlt
geht es uns gut.
Nur fallen in
Misrata, 2200 km Luftlinie von uns weg, und anderswo in Libyen die Bomben,
französische und britische zumal. Sie fallen jetzt schon fünf Wochen lang, auch
augenblicklich, während ich rede, und die NATO, diese Untote aus dem Kalten
Krieg, koordiniert das Zerstörungswerk. Und schon betteln die Rebellen, weil
sie trotzdem nicht vorankommen, bei den Intervenienten um Bodentruppen. Und
Obama schickt jetzt Drohnen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.
Jeder
Krieg ist vom Übel. Doch dieser ist besonders widerwärtig.
Schon
wegen der Kriegstreiber Sarkozy und Cameron. Sie haben ihn, vergangener
imperialer Größe nachträumend, vom Zaun gebrochen, eine Art Neuauflage des
kolonialistischen Sueskriegs von 1956 – im Windschatten des weltweiten
Erschreckens über die Menschheitskatastrophe von Fukushima.
Und
wegen der Resolution1973 vom 17. März des US-Sicherheitsrats. Auf mich wirken
die sechseinhalb engbedruckten Seiten dieses Texts als ein Dokument anmaßender
Unredlichkeit. Die Kernthesen über – so die Übersetzung – die in der Libysch-Arabischen Dschamahirija derzeit stattfindenden
ausgedehnten und systematischen Angriffe gegen die Zivilbevölkerung und,
dass die Situation in Libyen auch
weiterhin eine Bedrohung des Weltfriedens und der internationalen Sicherheit darstelle,
sind ebenso unbelegt wie widersinnig. In Wirklichkeit herrscht, ein
innerlibysches Geschehen, Bürgerkrieg. Gaddafi lässt, im eigenen Land,
bewaffnete Aufständische bekämpfen. Was hätte er davon, Zivilpersonen
beschießen zu lassen, noch dazu ausgedehnt und systematisch? Erlogen ist der Kriegsgrund. Also
verletzt das Flugverbot völkerrechtswidrig die libysche Souveränität.
Jetzt
also die neue „humanitäre Intervention“. Erstmals im März 1999 wurde ja mit
dieser Floskel der unter Beteiligung Deutschlands von der sich selber
mandatierenden NATO geführte Bombenkrieg gegen Jugoslawien bemäntelt. Schlimm
nur, dass jetzt auch der Weltsicherheitsrat diesen Schleichweg begeht und gar
nicht merkt, wie sehr er damit die gewaltbegrenzende eigene Charta aushöhlt und
sein Ansehen aufs Spiel setzt. Und befremdlich, dass keines der östlichen
ständigen Mitglieder des Sicherheitsrats dies gesehen und so es versäumt hat,
die Vetobremse zu ziehen.
Dass
Deutschland sich im Sicherheitsrat neben den Vetomächten China und Russland und
den nicht minder bedeutenden Staaten Brasilien und Indien der Stimme enthalten
hat, würde man gern als Akt der Emanzipation von dem Truggebilde „der Westen“
begrüßen. Nur hat leider die Bundesregierung die weltweit positive Wirkung
dieses Signals dadurch verdorben, dass sie sich nachträglich die Resolution 1973
zu eigen macht und sich vom Bundestag ihr Angebot hat absegnen lassen, das
Kriegführen gegen Libyen durch Verstärkung des militärischen Engagements in
Afghanistan indirekt zu unterstützen.
Die
Stimmenthaltung war weder „feige“ noch, entgegen dem früheren Generalinspekteur
der Bundeswehr Klaus Naumann, zum Schämen, noch hat sie Deutschland im Bündnis
isoliert. Davon abgesehen, hat für unser dem Grundgesetz und damit dem
Friedensgebot verpflichtetes Land die Treue zum Recht gegenüber der
Bündnistreue den ungleich höheren Rang. Und ständiges Mitglied im
Sicherheitsrat soll Deutschland nicht werden, um mit den Wölfen mitzuheulen,
sondern um seiner Mitverantwortung für den Weltfrieden wirkungsvoller gerecht
werden zu können.
Nichts
von alledem findet sich in unseren mainstream-Medien von der WAZ bis zur
Süddeutschen Zeitung wieder; besonders schlimm ist die TAGESSCHAU mit ihren
fast allabendlichen Greuelmeldungen. Ohne zu wissen, wer eigentlich gegen
Gaddafi revoltiert und weshalb und mit welchem Ziel er das tut, neigen sie den
Rebellen zu und zeigen sich bedingungslos darin einig, dass Gaddafi weg müsse;
mindestens müssten die Sanktionen gegen ihn verschärft werden. Ich zum Beispiel
finde das gar nicht und sehe mich damit im Gegensatz zu ausnahmslos sämtlichen
Bundestagsfraktionen.
Noch
schlimmer und geradezu niederdrückend ist, dass es uns, der Friedensbewegung,
die Sprache zu Libyen verschlagen zu haben scheint. Entweder meldet sich von
uns niemand, der Zugang zu Medien hat, mit friedensgeneigten Thesen zu Wort,
oder es kommt damit keiner durch bei den Medien.
Mit
dieser Mutmaßung muss ich, so leid es mir tut, schließen. Und so fällt es mir
auch nicht leicht, euch und Ihnen „frohe Ostern“ zu wünschen.
Dennoch:
frohe Ostern!