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22.03.2011, Mülheim an der Ruhr

Offener Brief

 

An den
Bundesminister des Auswärtigen und Stellvertreter der Bundeskanzlerin
Dr. Iur. Guido Westerwelle

Möglichst persönlich und möglichst sofort

 

Werderscher Markt 1
10117 Berlin
Fax 030 1817-3402

 

Dringende Bitte,
die – situationsgerechte – Enthaltung Deutschlands nicht zu desavouieren

 

Anlage: drei Blatt mit unter dem unmittelbaren Eindruck des ersten Bombardements durch Frankreich niedergelegten „viermal fünf Thesen“

 

 Sehr geehrter Herr Bundesaußenminister,

 

daß Gaddafi seine Macht einsetzt, die gegen sein Regiment gerichtete Revolte zu unterdrücken, ist normal, sein gutes Recht und vor allem eine innerlibysche Angelegenheit, ein Bürgerkrieg, in den von Rechts wegen keine auswärtige Macht militärisch eingreifen darf. Weil der Weltsicherheitsrat seinerseits an das Recht, zumal seine Charta der Vereinten Nationen, gebunden ist, kann er rechtswirksam nur beschließen, was rechtens ist. Daß Gaddafi nicht nur die Aufständischen bekämpfe, sondern „die eigene“ Zivilbevölkerung „abschlachten“ oder „massakrieren“ lassen werde, wie man leider von allzu vielen unserer Medien zu hören oder zu lesen kriegt, ist, weil ohne jeden Beleg, reine Propaganda. Damit entfällt die einzige rechtliche nicht zu beanstandende Begründung für die Verhängung eines Flugverbots. Die Resolution 1973 des Sicherheitsrats hätte also nicht verabschiedet werden dürfen. Sie entfaltet auch keine Rechtsverbindlichkeit. Wer sie exekutiert, bewegt sich in rechtsfreiem Raum und riskiert, völkerstrafrechtlich belangt zu werden.

 

Um der Deutlichkeit willen war ein Nein zum Resolutionsentwurf geboten. Ein isoliertes deutsches Nein würde mangels Vetorechts die Resolution nicht haben verhindern können.  Darum war es situationsangemessen, daß die Bundesregierung, doch wohl auf Ihren Anstoß hin, sich der Stimme enthalten hat. Dafür gebühren Ihnen statt des Vorwurfs, Deutschland ins Abseits geführt zu haben, Anerkennung und Dank. Ich nutze die Gelegenheit, Ihnen auch dafür zu danken, daß Sie sich von Ihrer mehrmals vorgebrachten Vorderung nach Abzug der US-Atombomben aus unserem Land, bisher jedenfalls, nicht haben abbringen lassen.

 

Wie aber geht die Bundeskanzlerin mit der Stimmenthaltung und der vielfältigen und, soweit sie von den Grünen und der SPD kommt, gänzlich unbegreiflichen Kritik daran um? Sie verspricht mittelbare Entlastung der Intervenienten durch Verstärkung des militärischen Engagements der Bundesrepublik in Afghanistan, und Sie, Herr Westerwelle, und die Sie stützende Bundestagsfraktion scheinen das mittragen zu wollen. Neuerdings versteigt sich die Kanzlerin gar auf das Hochseil, einerseits die Stimmenthaltung zu verteidigen und andererseis die Resolution 1973 als „jetzt auch unsere Resolution“ zu umarmen. Das macht die überaus vorteilhafte Wirkung der deutschen Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat und der Stimmenthaltung als eines Ausweises deutscher Eigenständigkeit praktisch zunichte.

 

Und ist absolut unnötig und unangebracht.

 

Unnötig ist es, weil das von der Resolution allein – formal – gedeckte Flugverbot, wie die Intervenienten wiederholt haben verlauten lassen, längst durchgesetzt ist, d.h. nichts auf Gaddafis Kommando Hörendes mehr über Libyen fliegen kann. Für das Stoppen von Gaddafis Truppen und gar für Versuche, Gaddafi mit Bomben oder Marschflugkörpern „auszuschalten“, d.h. zu ermorden, gibt es weder ein Mandat noch eine Entschuldigung.

 

Unangebracht ist es, weil bisher gegen Libyen nicht etwa die NATO, der gegenüber für Deutschland Bündnispflicht besteht, sondern einzig eine „Koalition der Willigen“, angetrieben vom französischen Präsidenten und vom britischen Premier, unter eher zögerlicher Beteiligung der USA Krieg gegen Libyen führt und Deutschland weder Grund noch Rechtfertigung hat, den Rambos Sarkozy und Cameron und den übrigen Intervenienten die Last ihrer mindestens jetzt völkerrechtlich nicht mehr erlaubten Aggression zu lindern, einer Aggression, die vertrackt an den „spätkolonialistischen“ Sueskrieg Frankreichs, Großbritanniens und Israels von 1956 gegen Ägypten erinnert, mit dem bedeutsamen Unterschied freilich, daß damals das bloße Machtwort der US-Regierung genügt hat, die Aggressoren „auszubremsen“, während heute die USA unter einem Friedensnobelpreisträger als Präsidenten sich in das Sarkozy/Cameronsche Gestümpere haben hineinziehen lassen und mitmachen.

 

Und, Herr Minister, was eigentlich soll ein menschenliebender und vernunftbegabter Betrachter davon halten, daß politische Führungsfiguren sich als zivilisiert verstehender Völker unter dem schweren Schatten der wachsenden und tendentiell die Menschenheit als Ganzes bedrohenden atomaren Wolke und der Kriege in Afghanistan und im Irak so mir nichts dir nichts ein weiteres Pulverfaß aufmachen zu Lasten zahlloser Opfer, die keine Chance haben, dem zu entgehen?

Bitte lassen Sie es nicht zu dem angekündigten Kabinettsbeschluß kommen! Signalisieren Sie bitte ein weiteres Mal, daß in der Bundesrepublik Deutschland letztlich Vernunft regiert!

 

Freundlich und friedlich grüßend

Christian Uliczka

 

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