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Bald brechen wir auf zu dem Bergpfad - zwei Palästinenser und zwei Israelis hinter einem schneeweißen Esel, der, wenn es auch nicht der Messias ist, wenigstens einen Sack mit fünfzig Kilogramm Oliven trägt.
Über Oliven ernten
(Adam
Keller) 17.
Oktober, morgens. Nicht weniger als fünfundzwanzig Menschen, die einen Tag
Urlaub von ihrer normalen Arbeit genommen hatten, tauchten am Treffpunkt auf um
an der Olivenernte in palästinensischen Dörfern, die unter Siedlerschikanen
leiden, teilzunehmen und der von Rabbis for Human Rights gecharterte Minibus war
überfüllt. "Dies ist die Art von Sorgen, von der wir hoffe, dass wir sie
oft haben" sagte Yoav, der RHR Koordinator, mit einem Lächeln. Wir
passierten ohne Schwierigkeiten den Checkpoint am Eingang zur West Bank, wo am
vorigen Tag Olivenerntehelferbusse zurückgewiesen worden waren und drei
Organisatoren für mehrere Stunden in Polizeigewahrsam genommen wurden. Vorbei
an den gelangweilten Soldaten am Checkpoint waren wir unterwegs auf der "Trans-Samaria
Route", welche die West Bank von West nach Ost in zwei Teile teilt. Ein
ultramoderner vierspuriger Highway mit Autos, die alle israelische
Nummernschilder haben und eine beträchtliche Zahl von ihnen, die auch extrem
rechte Stoßstangenaufkleber zeigen. In den vergangenen vier Jahren sind palästinensische
Autos von dieser Straße verbannt worden, die für israelischen Verkehr
reserviert ist (was meistens Siedlerverkehr bedeutet). Später würden wir die
alternative Route sehen, auf die der palästinensische Ost-Westverkehr
abgeleitet wurde - ein enger, sich windender, meisten nicht asphaltierter
Bergpfad... "Wir
wurden heute gebeten, drei Dörfern zu helfen," sagt Yoav. "Die größte
Zahl an helfenden Händen wird in Beit Furik gebraucht. In Jama'een und Yassouf
gibt es internationale Freiwillige, die bereits in den Olivenhainen arbeiten,
aber es müssen einige Israelis bei ihnen sein. Es ist sehr wichtig, dass, falls
Soldaten oder Siedler kommen, sie auf Hebräisch Sprechende stoßen." Yassouf,
die Heimat von gut zweitausend Einwohnern, wird auf alle möglichen Arten von
der Siedlung Tapuach - mit europäisch imitierten Häusern mit roten
Dachziegeln, am Bergkamm oben thronend und von jedem Punkt des Dorfes sichtbar -
überschattet. Tapuach ist ein Stützpunkt der Anhänger des verstorbenen Rabbi
Meir Kahane, der die Vertreibung aller Araber predigte. "Wir leiden sehr
stark unter ihnen. Letzte Woche verprügelten sie einen unserer Leute, stahlen
die gefüllten Olivensäcke und außerdem sein Pferd. Wir sagten es der Armee
und der Polizei, aber das Pferd ist noch nicht zurückgegeben worden. Sein
Besitzer hört es jede Nacht von dort wiehern." Ein
junger Mann namens Hisham stellt sich freiwillig zur Verfügung um uns zu dem
Platz zu führen, an dem palästinensische Familien bereits mit Freiwilligen des
IWPS (International Women's Peace Service) arbeiteten. "Das Land meiner
eigenen Familie ist glücklicherweise auf der anderen Seite, aber wir versuchen
alle den Menschen zu helfen, die am meisten leiden," sagte er als wir den
engen Pfad hinuntergingen, während die Siedlungshäuser oben drüber immer näher
kamen. Plötzlich standen wir einem Siedler gegenüber in einem Abstand von gut
fünfzig Metern Entfernung - einem Schäfer, auf einem Esel reitend und von drei
bedrohlich aussehenden Hunden begleitet. Wir waren zu weit entfernt um zu
verstehen, was er sagte, aber seine Gesten machten deutlich, dass es kein
Kompliment war. Dann wandte er sich um und verschwand. Dazwischen war eine
geparkter Armee Jeep und ein Polizeistreifenwagen, ein fragiler Puffer. Wir gingen unter den Olivenbäumen entlang, viele von ihnen hatten geschwärzte Stämme. "Vor ein paar Tagen kamen sie und versuchten dieses Land in Brand zu setzen. Glücklicherweise erschienen sowohl die palästinensische als auch die israelische Feuerwehr recht schnell und gemeinsam löschten sie das Feuer und retteten die meisten der Bäume," sagte Hisham. Zu unserer Überraschung gab eine aus unserer Gruppe zu verstehen, dass sie selbst eine Art Siedlerin sei. "Ich lebe in Ma'aleh Adumim, östlich von Jerusalem. Als ich vor acht Jahren auf der Basis von Aliya (Recht der Rückkehr? d. Ü.) von Australien kam wohnte mein Vater bereits dort, und es schien wie ein weiterer Vorort von Jerusalem. Vielleicht ein Bisschen mehr Likud-orientiert als der Durchschnitt, aber nichts dergleichen wie dieses schreckliche Tapuach Kaff. Ich engagiere mich in einer interkonfessionellen Gruppe in Jerusalem, die Juden, Muslims und Christen zusammenbringt, und ich versuche unser Gemeindezentrum in Ma'aleh Adumin dazuzubringen Palästinenser aufzunehmen. Das ist eine schwierig zu vermittelnde Idee wo ich wohne". Ein paar mehr Baumreihen und wir erreichen die Oliven der Abdel Fatah Familie - drei Brüder mit ihren betreffenden Frauen und Kindern. Ein Familienunternehmen mit starken jungen Männern, die das geschickte Klettern auf die Baumspitzen erledigten, und heiteren jungen Kindern, welche die heruntergefallenen Oliven spielerisch vom Boden aufsammelten. Eine kurze Einweisung und wir machten uns an die Arbeit. Olivenpflücken ist eine umgängliche Arbeit und wir fanden bald heraus, dass - abgesehen von den Palästinensern - eine Puertoricanerin von Massachusetts, eine Irin, die mit einem Palästinenser verheiratet ist und in Spanien lebt, und ein paar Österreicherinnen da waren. "Ich bin in Kuwait geboren," sagt Rajaa, eine junge Mutter, die Englisch mit einer Spur von amerikanischem Akzent spricht. "Wir hatten ein gutes Leben dort, bevor Saddam einfiel. Nachdem ich die High School abgeschlossen hatte machte ich einen Besuch in Yassouf, wo mein Vater geboren ist, und ich heiratete und blieb dort." Wir
machen eine Pause und unsere Gastgeber bestehen darauf uns zu bewirten, obwohl
sie selbst fasteten. "Ramadan ist für uns, nicht für euch. Es ist schade,
dass ihr nicht bis zum Abend bleiben könnt und mit uns das richtige Essen
teilen könnt, das Fasten brechen. Wenigstens müsst ihr jetzt einen Bissen
essen, ihr seid unsere Gäste." Bis zum Nachmittag sind die Abdel Fatah Bäume
nahezu völlig abgeerntet und die Familie bereitet sich vor, in das Dorfzentrum
zu gehen als wir einen Notruf auf dem Handy erhalten. "Wenn ihr frei seid
kommt bitte hier herüber. Wir haben hier ein Bisschen Notstand und brauchen
mehr Hände. Wir sind fünf Reihen vor euch, in der Nähe wo die Armee- und
Polizeiautos stehen. Geht einfach weiter nach vorne und passt auf, dass ihr
nicht aus dem Olivenhain in das offene Feld gelangt." Als wir bei der
anderen Gruppe ankommen finden wir sie in hektischer Eile arbeitend. "Die
Soldaten kamen und sagten uns, dass dies Bäume nicht in dem bewachten Bereich
sind, und dass wir in einer Viertelstunde dort raus sein müssen," sagt Dan
Tamir, ehemaliger Geheimdienstoffizier, der mehrere Haftstrafen abgeleistet hat,
weil er sich geweigert hatte, Kriegsdienst in den Okkupierten Territorien zu
leisten. "Wir müssen die Zeit, die wir haben, nutzen. Pflückt nicht die
vereinzelten Oliven, versucht die größeren Klumpen zu finden, wo ihr mit einem
Mal viele bekommt. Schnell jetzt!" Jedoch die fünfzehn Minuten gehen
vorbei und weitere fünfzehn Minuten, ohne dass die Soldaten kommen um ihre Räumungsanordnung
zu bekräftigen. Auf dem Pass sehen wir ein weißes Auto geparkt neben dem
Armee- und Polizeifahrzeug. "Das ist die Siedlersicherheitspatrouille, der
ganze Ärger begann nachdem sie aufgetaucht waren. Das weiße Auto macht sich in
Richtung Siedlung auf, kommt zurück, fährt wieder. Letztendlich haben wir mehr
Zeit gewonnen, die Palästinenser, Israelis und Internationale gehen zurück zum
gründlicheren Absuchen der Bäume." Kurz
nach 14:00 Uhr kommt das weiße Auto wieder und jemand steigt aus und geht zum
Armee Jeep. Wir können sie nicht hören, aber kurz danach kommen die Soldaten
wieder. "Jetzt ist Schluss, Sie müssen jetzt sofort abziehen, keine
weiteren Verzögerungen!" - "Die Ernte in diesem Teil ist beendet, wir
warten nur auf den weißen Esel, dass er zurückkommt um den letzten vollen Sack
zu tragen." - "Aber es gibt keinen Grund dafür, dass so viele auf den
Esel warten, nicht wahr?" Es wird vereinbart, dass die Internationalen
bereits jetzt zurückgehen würden während die Israelis und Palästinenser bei
den zunehmend ungeduldig werdenden und irritierten Soldaten bleiben. Aber das
Warten ist schließlich vorüber und bald brechen wir auf zu dem Bergpfad - zwei
Palästinenser und zwei Israelis hinter einem schneeweißen Esel, der, wenn es
auch nicht der Messias ist, wenigstens einen Sack mit fünfzig Kilogramm Oliven
trägt. *
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