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Dem Besetzer die Besatzung erklären
Von Amira Hass, Ha'aretz,
8. Oktober 2003 http://www.haaretz.com/hasen/spages/347524.html Wie
kann eine winzige palästinensische Organisation wie der Islamische Dschihad so
viele herumlaufende Bomben produzieren, Selbstmordattentäter, die Babies in
Kinderwagen und ihre Großeltern als Ziel aussuchen? Und wie kommt es, dass eine
Organisation, die einmal erklärt hat, dass sie nur auf Soldaten zielt, ihre kürzlichen
Selbstmordattentäter in eine jüdisch-arabische Stadt schickt, um Tod und
Leiden zu säen in einem Restaurant, dessen Besitzer, Arbeiter und Kunden Juden
und Araber, alte und junge, sind? Geheimdienstexperten
und Arabisten auf unserer Seite sagen, es wäre wegen dem Islam, der Kriege
gutheißt, dass es eine unaufhörliche Anstachelung in den Moscheen gäbe, dass
Iran und Syrien dahinter stecken würden, dass die Selbstmordbomber und
diejenigen, die sie ausschicken, darauf aus seien, den Staat von Israel zu zerstören,
dass die Menschen, die sich in die Luft sprengen Tiere seien und dass Arafat den
Terror ermutige. Es gibt ein Konzept hinter all diesen Erklärungen, in dem diese ekelhafte Form des palästinensischen Kampfes nichts mit der Okkupation zu tun hat, dass Israelis nicht Palästinensern glauben sollten, die sagen, dass es eine Verbindung mit der israelischen Besatzung gibt. Das Konzept sagt, es gibt keinen Zusammenhang zwischen der starken Zunahme an Selbstmordanschlägen und der vorherrschenden Sichtweise in der palästinensischen Gesellschaft, die darin besteht, dass Israel, als eine Militär- und Nuklearmacht, eine Kapitulation aus den Palästinensern herausquetschen möchte, welche die israelische Übernahme von Land in der West Bank und im Gaza legitimieren wird. Mit
anderen Worten, das Vorstellung ist es, dass die historischen, politischen und
geopolitischen Verbindungen, die soziologischen und psychologischen Auswirkungen
- dass keine von ihnen relevant ist. Die Vorstellung ist es, dass es etwas Inhärentes
gibt zwischen den Erbanlagen der Selbstmordattentäter und denjenigen, die sie
schicken, das es gilt, verantwortlich zu machen, weil die Palästinenser ihren
Traum von der Zerstörung Israels nicht aufgeben werden, und dass Muslims nur an
die radikalste Auslegung ihrer Religion glauben. Die
israelische Gesellschaft kann diese verrückte Situation akzeptieren - wobei sie
Milliarden in etwas investiert, das "Verteidigung" genannt wird, und
dann Angast hat vor primitive wandelnden Bomben, die aus ein paar Kilogramm
Sprengstoff und Nägeln gemacht wurden - wegen eines Glaubens im israelischen
Geheimdienstapparates und der "Objektivität" seiner Erkenntnisse.
Schließlich, die Geheimdienstoffiziere sprechen fließend Arabisch, sie
analysieren die Reden von jedem Imam, sie verfolgen all die arabischen
Fernsehsender, die Anstachelung ausstrahlen, sie bekommen Texte in ihre Hände,
die kaum den palästinensischen Schreibern und ihrer Zuhörerschaft bekannt
sind, and sie haben persönliche menschliche Geheiminformation [das englische
Wort dafür ist ironischerweise "intelligence" (der Übersetzer)] von
allen Sorten von Kollaborateuren und Informanten. Tatsächlich, aus der Perspektive des Islamischen Dschihad ist es jetzt eine gute Zeit um den Sinn des Chaos im Land und in der Region zu intensivieren. Als eine winzige Gruppe ist sie in der Lage, die Missbilligungen und Warnungen von Seiten der Palästinensischen Behörde zu verachten und zu missachten; sie sucht nicht nach einer Wählerschaft. Aber diese Perspektive erklärt nicht, warum der Islamische Dschihad, trotz der Schläge, die er von der Armee erhält, in der Lage ist, Kandidaten zu finden, eine Strategie durchzuführen, die vom Ausland diktiert wird und die der palästinensischen Sehnsucht nach Normalität fremd ist. Ja, nur die israelische Okkupation kann dies erklären. Der ganze Rest von Erklärungen sind Anhänge, marginale Fußnoten. So, wie erklärt man einem Besetzer die Besatzung? Das Wissen über das Alltagsleben von 3,5 Millionen Menschen, deren Zukunft keine Chance der Normalität bietet, der täglichen Erfahrung, dass das Land ihrer Großeltern und Eltern dieser oder jener Armeeverfügung zum Opfer fällt, aus irgendeinem Grund der "öffentlichen" Enteignung oder eines freibeuterischen Außenpostens? Wie erklärt man dem Bulldozer, was das Leben bedeutet, wenn das Land ständig unter deinen Füssen schrumpft, wenn auf der anderen Wegseite inzwischen irgendeine reiche Siedlung von Juden wächst und eine brandneue Straße nur für sie gepflastert wird? Wie kann das Papier, auf dem die Armeebefehle geschrieben werden, wissen, wie es aussieht, wenn man seit 37 Jahren unter der willkürlichen Herrschaft der Vertreter einer ausländischen Besatzung lebt, viele von ihnen sind Bewohner der Siedlungen, die willkürliche Entscheidungen treffen darüber, wer reisen darf und wer nicht, wer medizinische Versorgung erhält und wer nicht, wie viele Zentimeter Durchmesser eine Wasserleitung haben darf, falls oder wenn ein Wassertankwagen das Dorf erreicht, welcher Baum ausgerissen wird und welcher nicht? Wie kann man den Panzern und Flugzeugen erklären, wie die Furcht eines kleinen Jungens aussieht - nicht die Furcht vor 10 oder 100 sondern Hundertausenden, nicht einmal im Monat oder in der Woche, sondern Tag für Tag, seit drei Jahren, und was geschieht mit einer Tochter und Großmutter, deren geliebte Familienangehörige, Zivilisten, vor ihren Augen getötet werden, nicht zu Dutzenden sondern zu Hunderten? Wie kann man den Israelis erklären, die nur die geringsten Bruchstücke von Berichte über die Schrecken der Militärokkupation erhalten, dass die Palästinenser ebenfalls täglich und furchterregenden Szenen leiden, tatsächlich, vom aller ersten Tag der wieder auftretenden Zusammenstöße, als sie noch lediglich Steine warfen und nicht sich in unseren Städten in die Luft sprengten? Ja, die Selbstmordbomber spüren, dass sie ihre Gesellschaft repräsentieren. Das ist ihre Stärke. Sie repräsentieren das Gespür ihrer Gesellschaft, dass es keinen Zweck hat unter der Okkupation zu leben, mit der schrecklichen Schwäche gegenüber der israelischen Militärmacht, der Hilflosigkeit wenn sie beobachten, wie ihr Land vandalisiert und degradiert wird, the Wut über die Einfältigkeit der Palästinensischen Führerschaft. Sie werden allzu gerne durch die Vergeltung repräsentiert. Israel
neigt dazu, diejenigen verantwortlich zu machen, die verlangen, das Phänomen
der Selbstmordattentäter im Zusammenhang mit der Okkupation zu erklären, als
ob sie die terroristischen Mittel verstehen und sogar rechtfertigen würden.
Dies könnte für eine verängstigte Gesellschaft verständlich sein, aber es
hilft nicht der israelischen Gesellschaft, wenn sie es mit der Bedrohung durch
Terror zu tun hat.
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