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Wenn Hunderte von „Terroristen“ für einen lebenden Gauner und drei tote Soldaten entlassen werden können, vielleicht war dann ihre Haft für die Sicherheit des Staates gar nicht wirklich nötig? Vielleicht ist die andauernde Verhaftung von 7000 weiteren sinnlos. Und wenn es so ist, warum wurden sie nicht um der Sache des Friedens willen entlassen, um die Position von Arafat 1993 oder die von Abu Mazen vor noch nicht langer Zeit zu stärken ?
“O
Tannenbaum, o Tannenbaum...” Uri
Avnery, 5.3.03 “O
Tannenbaum, o Tannenbaum Wie
treu sind deine Blätter, Du
grünst nicht nur zur Sommerszeit, nein,
auch im Winter, wenn es schneit o
Tannenbaum, o Tannenbaum…” (Ein
altes deutsches Weihnachtslied) Es
ist schon ein wohl installiertes israelisches Ritual: man nimmt eine triviale
Angelegenheit, und erklärt sie zum Mittelpunkt des nationalen Lebens, dekoriert
sie und tanzt um sie herum, um den wirklichen nationalen Problemen, die so ärgerlich
und erschreckend sind, auszuweichen. Dieses
Mal ist es wirklich eine Tanne; ein Herr mir Namen Elhanan Tannenbaum. Er war
ein Gefangener der Hisbollah im Libanon.. Um ihn und die Leichen von drei
gefallenen israelischen Soldaten nach Hause zu bringen, entließ Ariel Sharon
ein paar Hundert „Terroristen“ . Seitdem ist das ganze Land in Aufruhr,
einen Tag nach dem anderen und eine Woche nach der anderen. Warum
hat Sharon diesen Deal gemacht? In
dieser Woche lüftete sich das Geheimnis: Dieser Tannenbaum ist der frühere
Schwiegersohn von jemandem, der mit Sharon vor 30 Jahren Geschäfte gemacht
hatte, als ein amerikanisch jüdischer
Milliardär einem armen Offizier mit Namen Ariel Sharon half, die größte
private Farm des Landes zu erwerben. Hat
Sharon hunderte von „Terroristen“ entlassen, um einem ehemaligen
Schwiegersohn eines ehemaligen Geschäftsmannes beizustehen? Ist das ein
Riesenskandal? Ein schrecklicher Fall von Korruption? Sogar,
wenn es so wäre, kann ich nur mit zwei hebräischen Wörtern antworten, die man
buchstäblich folgendermaßen übersetzen kann „die Freude meiner Großmutter“
oder auf amerikanisch „big
deal“. Wie
gewöhnlich stellen die Medien nicht die richtigen Fragen; denn die richtigen
Fragen könnten einige bedeutsame Leute stören - zum Beispiel die
Sicherheitschefs. Dieser
Tannenbaum ist nämlich ein Oberst der Reserve. In dieser Stellung war er an
einem der geheimsten Militärprojekte Israels beteiligt . Nach durchgesickerten
Hinweisen sei dieses Projekt nicht weniger geheim als unsere nuklearen Aktivitäten
(s. Mordechai Vanunu unten!) Nun
verlautet, dass Tannenbaum in seinem zivilen Leben ein professioneller Gauner,
ein zwanghafter Glückspieler mit einem unregelmäßigen Familienleben sei, der
tief in Schulden stecke und eng mit libanesischen Drogenhändlern verbunden sei.
Wie war es nur möglich, dass so eine Person ein Teil eines streng geheimen
Projektes wurde? Nun,
keiner wusste, was er tat. Keiner fragte nach. Er erwähnte nichts gegenüber
dem Chef des inneren Geheimdienstes des Verteidigungsestablishments, einem
gewissen Yehiel Horew. Und
wenn es Horew
niemand sagt, woher sollte er es wissen? Als
Tannenbaum nach Dubai ging und sich dann im Hisbollahland Libanon befand, war
das Sicherheitsestablishment bis in seine Fundamente erschüttert. Eine Person,
die so überwältigende Geheimnisse mit sich trägt – nun in den Händen des
Feindes. Was hat er ihnen erzählt – und was wird er ihnen noch sagen? Deswegen
war das Sicherheitsestablishment bereit, jeden Preis zu zahlen, um ihn so
schnell wie möglich zurück zu haben: 50 „Terroristen“? 500
„Terroristen“? 5000 „Terroristen“? Ganz
egal, wie viele. Die Hauptsache ist, dass
er möglichst sofort zurückkommt. Das
ist verständlich. Wenn Tannenbaum erzählt hätte, was er weiß, hätte er
der nationalen Sicherheit „irreparablen Schaden“ zugefügt. ( wie
offizielle Stellen betonen). In solch einem Fall wäre es wesentlich,
herauszufinden, ob er aus der Schule geplaudert hat oder nicht. Deshalb wurde er
zu solch hohem Preis zurückgeholt und seitdem wird in seinem Fall vermittelt,
er wird untersucht und untersucht. Der
frühere Schwiegersohn des früheren Freundes kommt nicht vor. Die Verbindung
macht zwar neugierig, ist aber nicht wichtig. Eine
wichtigere Frage ist: wie konnte eine Person wie Tannenbaum Oberst werden? Wie
ineffizient muss ein Sicherheitsapparat sein, dass so ein Fiasko möglich wird?
Und wie kommt es, dass Horew, einer der am besten bezahlten Beamten in Israel,
nicht hinausgeschmissen wird? Außerdem:
wenn Hunderte von „Terroristen“ für einen lebenden Gauner und drei tote
Soldaten entlassen werden können,
vielleicht war dann ihre Haft für die Sicherheit
des Staates gar nicht wirklich nötig? Vielleicht ist die andauernde
Verhaftung von 7000 weiteren sinnlos.
Und wenn es so ist, warum wurden sie nicht um der Sache des Friedens willen
entlassen, um die Position von Arafat 1993 oder die von Abu Mazen
vor noch nicht langer Zeit zu stärken ? Horew
und Co. ärgern sich über Tannenbaum, weil er ihre Inkompetenz enthüllt hat.
Sie ärgern sich auch über -> Mordechai Vanunu
– aus demselben Grund. Vanunu
war ein kleiner Techniker im Dimona Nuklearreaktor, einem Ort, der für lange
Zeit so geheim war, dass es verboten war, auch nur seine Existenz zu erwähnen.
Als es unmöglich wurde, seine Existenz noch länger zu leugnen, gab die
Regierung vor, dass es sich um eine „Textilfabrik“ handle. An
diesem Ort, dem am besten geschütztesten Ort Israels, machte Vanunu Photos.
Dann ging er ins Ausland, wurde Buddhist, konvertierte zum Christentum ( oder
umgekehrt) und überreichte seine Informationen und Photos einer britischen
Zeitung. Auf Grund dieser Information stellten Wissenschaftler fest, dass Israel
200 Atombomben hat. Die
Enthüllung war glaubwürdig, aber inoffiziell. Das stärkte Israels
Abschreckung – ohne dass die Regierung gezwungen worden wäre, dies zu bestätigen.
Das passte der Regierung anfangs so gut, dass viele Leute glaubten, dass Vanunu
wirklich ein Mossadagent sei. Aber
er war es nicht. Im Gegenteil. Er stellte für den damaligen wie auch heutigen
Sicherheitsapparat (vom oben erwähnten Horew geleitet) einen
katastrophalen Fehlschlag dar. Die
Reaktion war drastisch: Vanunu wurde in Rom gekidnappt und in einer Kiste nach
Israel gebracht – genau wie Tannenbaum in Dubai gekidnappt wurde und
(anscheinend) auch in einer Kiste nach Beirut gebracht wurde. Vanunu
gelang es, dies den Medien zu übermitteln, indem er dies auf seine Handfläche
schrieb und auf dem Weg zum Gerichtshof seine Hand am Fenster des Gefängniswagens
zeigte. Dies
machte Horew und Co. noch wütender. Jahre lang wurde Vanunu im Gefängnis in
totaler Einzelhaft gehalten. Jetzt, wo er seine komplette Haft abgebüßt hat,
will man ihn nicht entlassen. Und wenn der Gerichtshof nicht zustimmt, ihn im
Gefängnis zu halten, so wollen sie ihn doch daran hindern, ins Ausland zu gehen
und vor Journalisten zu sprechen. Warum?
Das Argument ist, dass er sogar heute – nach 20 Jahren - noch immer
im Besitz von Informationen wäre, die den Staat gefährden könnten. Übrigens gibt es ein ähnliches Argument, das von den amerikanischen Sicherheitsdiensten angewendet wird und weshalb sie sich weigern, Jonathan Pollard zu entlassen, der für Israel spioniert und eine lebenslange Gefängnisstrafe erhalten hat. Sie glauben, dass Pollard die Identität eines israelischen „Maulwurfes“ in den höchsten Rängen der amerikanischen Regierung kennt, der Pollard gesagt habe, welche Dokumente er stehlen und nach Israel bringen solle. Tannenbaum,
Vanunu, Pollard – all diese sind
intrigierende Geschichten, die für die Medien nützlich sind, um sie in
Bewegung zu halten. Und was noch wichtiger ist, sie ziehen die Aufmerksamkeit
von den wirklichen Gefahren, die uns bedrohen, ab: vom Bau des monströsen
Mauerbaus in den besetzten Gebieten, Sharons Plan, mehr als die Hälfte der
Westbank zu annektieren, die weitergehende Bemühung, die palästinensische Behörde
zu zerstören, die tägliche blutige Gewaltspirale mit den gezielten Tötungen,
Ermordungen, Racheakten und die Zerstörung aller Chancen für den Frieden. Wer
denkt noch darüber nach? Wer beschäftigt sich noch damit? Es ist viel
erfreulicher, um den Baum zu tanzen: „O, Tannenbaum, o, Tannenbaum...“ (Aus
dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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