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Ich hoffe, dass dies auch bei uns geschieht. Es stimmt, da stehen noch ein paar Leute Schlange: Tony Blair und George W. Bush. Was José Maria Aznar in Spanien geschehen ist, müsste auch mit ihnen passieren – so hoffe ich wenigstens. Dann sollte mit einer Menge Mut und Glück auch der vierte in diesem Bunde an der Reihe sein – und Ariel Sharon, noch ein Mann des Blutvergießens und der Lügen, wird hinausgeworfen. Bravo, Amigos! Gedanken zur spanischen Wahl Uri Avnery, 20.3.04 Ein Ministerpräsident führt einen Krieg. Die Mehrheit der Bevölkerung ist gegen diesen Krieg. Die Mehrheit stimmt für den Ministerpräsidenten. Absurd? Nun, das war die Situation in Spanien. So ist sie – mehr oder weniger – auch in Israel. Aber hier hören die Ähnlichkeiten auch schon auf. Das spanische Volk hat seinen Ministerpräsidenten hinausgeworfen. Das israelische Volk unterstützt seinen Ministerpräsidenten. Die Spanier glauben in ihrer Einfalt, dass wenn ein Ministerpräsident das Gegenteil von dem tut, was die Mehrheit des Volkes wünscht, er aus seinem Amt entfernt werden müsse. Sie sind davon überzeugt, dass genau dies Demokratie bedeutet. In Israel ist so etwas undenkbar. Und das ist nicht der einzige Unterschied. Natürlich kam das spanische Volk zu dieser Schlussfolgerung erst auf Grund des großen Terroraktes in Madrid. Die spanische Reaktion glich gar nicht der in Israel üblichen. Nach dem terroristischen Anschlag fragten sich die Spanier: Warum taten sie das? Was ist die Ursache dieses mörderischen Anschlags? Die logische Antwort war: Die Politik des Ministerpräsidenten brachte dies über uns. Der Schluss: Also wählen wir einen anderen. In Israel wird solch eine Frage nicht gestellt. Was verursacht solche Angriffe gegen uns? Was ist das für eine Frage? Der Grund des Terrorismus ist natürlich der angeborene mörderische Charakter der Araber. Er hat überhaupt nichts mit der Politik unseres Ministerpräsidenten zu tun. Wenn hier bei uns ein Terrorakt passiert, geht die Logik flöten. Statt dass man nachdenkt und Fragen stellt, schreien die Leute: „Tod den Arabern!“ und verlangen blutige Rache, und man schart sich um den Ministerpräsidenten. Es gibt noch einen Unterschied: die Spanier wurden ärgerlich; denn der Ministerpräsident hat sie angelogen. Er nützte den Angriff für seine Wahlkampagne aus. Als er bereits wusste, dass alle Zeichen dahin deuten, dass der Anschlag von islamischen Fanatikern begangen worden war, gab er öffentlich vor, dass er von der baskischen ETA-Organisation begangen worden sei. Er hoffte, die Stimmen derjenigen Spanier zu gewinnen, die gegen einen unabhängigen baskischen Staat sind. Aber die Wähler begriffen, dass dies eine Lüge war, und das mochten sie gar nicht. Der Ministerpräsident lügt uns an? Zum Teufel mit ihm! Wenn der Ministerpräsident in Israel lügt, bleibt das Volk gleichgültig. Ach, der Ministerpräsident lügt schon wieder? Na und? Lügt er nicht immer? Warum sollte man sich darüber aufregen? Man kann die Spanier beneiden. Nach einem schrecklichen Bürgerkrieg, nach Jahrzehnten einer unterdrückerischen Diktatur, trotz interner Brüche und vielen Terroranschlägen – was für eine vernünftige Reaktion! Was für ein demokratischer Instinkt! ( Übrigens: vor gut 500 Jahren wurde eine halbe Million Juden aus Spanien vertrieben. In den letzten Jahrzehnten kamen fast alle „Sephardim“ – Sepharad ist der hebräische Name für Spanien - nach Israel. Die große Mehrheit von ihnen unterstützt Ariel Sharon. Warum reagieren die „spanischen“ Juden anders als das spanische Volk?) Es gibt noch einen Unterschied zwischen Spanien und Israel – und das mag der entscheidende Unterschied sein. Im letzten Jahr besuchte ich Spanien. Einige Tage zuvor hatte die Partei des Ministerpräsidenten einen eindrucksvollen Sieg bei den örtlichen Wahlen errungen. Die oppositionelle sozialistische Partei lag am Boden. Jeder sprach von ihr mit Verachtung, einige mit Schmerzen. Eine Partei lag - vielleicht hoffnungslos – in Trümmern. Und dann geschah folgendes: die Partei entfernte ihre alten Führer und wählte einen tatkräftigen neuen, José Luis Rodrigué Zapatero. Mit einer Menge Glück kommt dieser Mann nun an die Macht. Als die Spanier genug von ihrem Ministerpräsidenten hatten, wussten sie, dass es eine vernünftige Alternative gibt. Sie konnten die Regierungspartei absetzen, weil es eine andere gibt, die ihre Rolle übernehmen kann. In Israel existieren diese Bedingungen nicht. Unsere führende Opposition, die Laborpartei, liegt auch in Trümmern. Aber dort gibt es kein Zeichen von Erneuerung. Im Gegenteil. Sie wird von einer bemitleidenswerten Person angeführt, die bereit ist, einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, um einen Platz in Sharons Regierung zu bekommen. Ihre anderen Führer – alles erwiesene Nieten – streiten sich schon um die Plätze, die ihnen Sharon vielleicht zugesteht, sollte er so freundlich sein, sie in sein Kabinett einzuladen. Die israelische Situation ist surrealistisch: nach den Meinungsumfragen hat der größte Teil der Bevölkerung genug vom Krieg, genug von der blutigen Gewaltspirale der Selbstmordanschläge, der gezielten Tötungen, genug von den Siedlungen und den Siedlern. Die Menschen wollen eine Lösung und sind bereit, den notwendigen Preis zu zahlen: das Ende der Besatzung, einen palästinensischer Staat, die Auflösung der Siedlungen, einen vernünftigen Kompromiss zu Jerusalem, einen Rückzug in die Nähe der Grünen Linie. Sie wollen, dass die nationalen Ressourcen nicht mehr für Besatzung und Krieg ausgegeben werden, sondern für wirtschaftliches Wachstum, für Erziehung, Bildung und Soziales. Wie wird das nun in politische Realität umgesetzt? Es geschieht nicht. Es gibt keine politische Macht, die in der Lage ist, eine alternative Führung vorzuschlagen. In Spanien war es eine vorübergehende Situation, die sich auf natürliche Weise selbst korrigierte. In Israel sieht es aus, als wäre diese Situation permanent. Deshalb kann man die Spanier nicht nur beneiden, sondern auch von ihnen lernen. Der politische Ball ist rund. Er kann sich plötzlich drehen. Was unmöglich zu sein scheint, kann möglich werden – wenn es gute Leute gäbe, die diesen Wunsch in politische Realität umwandeln könnten. Ich hoffe, dass dies auch bei uns geschieht. Es stimmt, da stehen noch ein paar Leute Schlange: Tony Blair und George W. Bush. Was José Maria Aznar in Spanien geschehen ist, müsste auch mit ihnen passieren – so hoffe ich wenigstens. Dann sollte mit einer Menge Mut und Glück auch der vierte in diesem Bunde an der Reihe sein – und Ariel Sharon, noch ein Mann des Blutvergießens und der Lügen, wird hinausgeworfen. In der Zwischenzeit sagen wir unseren Freunden an andern Ende des Mittelmeers – Bravo,
Amigos! Bravo, Freunde! (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom
Verfasser autorisiert) |
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