Vielleicht hatte Abraham
Lincoln recht, als er sagte, man könne nicht alle Leute die ganze Zeit zum
Narren halten, aber viele Leute können sicher sehr lange Zeit betrogen werden.
Man schaue nur auf Ariel Sharon . Von Anfang an war der „Abzugsplan“ ein Täuschungsmanöver.
Aber die Welt lässt sich leicht täuschen.
Aus dem Meer von Gaza
trinken
Uri Avnery
06.06.04
Vielleicht hatte Abraham Lincoln recht, als er sagte, man könne nicht alle
Leute die ganze Zeit zum Narren halten, aber viele Leute können sicher sehr
lange Zeit betrogen werden. Man schaue nur auf Ariel Sharon .
Von Anfang an war der „Abzugsplan“ ein Täuschungsmanöver. Aber die Welt lässt
sich leicht täuschen. Die Staatsmänner der Welt nehmen ihn ernst, in Israel
verursacht er Stürme, die Medien haben ihren Spaß daran. All dies wegen eines
Planes, der weder Hand noch Fuß hat.
Was ist also der Zweck dieses Lärms? Zyniker mögen sagen: der Lärm als
solcher! Er setzt Sharon in den Mittelpunkt, wo er wie der Herr aller Ereignisse
aussieht. Nun hat die Aufregung einen Höhepunkt erreicht.
Der Hauptzweck des Manövers ist, George Bush zu befriedigen. Der Präsident
forderte einen Plan, der zeigt, dass er etwas für den Frieden tut. Je mehr er
in den irakischen Sumpf gerät, um so mehr muss er beweisen, dass er etwas in
unserem Land tut, besonders nachdem sein letztes Baby – die „Road Map“ –
noch in der Wiege gestorben ist.
Bush verlangte, dass Sharon mit einem Plan aufwarte. Kein Problem. Hokuspokus,
hier ist ein Plan mit einem vielversprechenden Namen: „Abzugsplan“ . Reden,
Konferenzen, ein Besuch im Weißen Haus, Austausch von Dokumenten,
Staatsbesuche, Botschafter, Mubarak, König Abdallah, Streitgespräche,
Kompromisse und endlich sogar eine ausgewachsene Kabinettskrise. All das für
einen Ballon mit heißer Luft.
Der Plan behauptet, drei Ziele zu haben: Die Siedler aus Gaza herauszuholen, den
Streifen einer palästinensischen Behörde zu übergeben und die
„Terrorinfrastruktur“ dort zu zerstören.
In dieser Woche bestimmte Sharon selbst das erste Ziel in eindeutiger Weise: „
Ende 2005 soll kein einziger Jude mehr im Gazastreifen sein.!“
Ein resolutes und kühnes Statement, wie es sich für einen großen Führer gehört.
(Tatsächlich hat dieses Statement einen leise antisemitischen Klang. Wenn die
palästinensische Regierung friedliche Juden einlädt, dort zu leben, warum
sollten sie es nicht? Wäre es deshalb nicht passender zu sagen: „Kein Siedler
wird im Gazastreifen bleiben!“ Aber lassen wir das!)
Die wichtigsten Worte dieses Statements waren „Ende 2005“. Sie erinnern an
den klassischen jüdischen Witz über den polnischen Edelmann, der seinen Juden
mit dem Tode bedroht, wenn er seinem geliebten Pferd nicht das Lesen und
Schreiben beibringt. Der Jude bittet um drei Jahre Zeit, um diese schwere
Aufgabe zu erfüllen. Als seine Frau davon hört, jammert sie : „Aber du weißt
doch, dass man einem Pferd nicht Lesen und Schreiben beibringen kann.“ Der
Jude beruhigt sie: „Drei Jahre sind eine lange Zeit. Bis dahin ist entweder
das Pferd oder der Edelmann gestorben.“
In unserm Land sind achtzehn Monate eine halbe Ewigkeit. Nach einer Woche hat
sich die Lage verändert. Vor Ende 2005 mögen sich noch viele Dinge ereignen.
Bush kann seine Wahl verlieren, eine Katastrophe kann über den Irak kommen, in
unserm Land mögen die blutigen Ereignissen solche Ausmaße annehmen, dass die
Erinnerung an den „Plan“ längst gelöscht ist.
Die Ereignisse dieser Woche machen klar, dass die Zeit die zentrale Rolle bei
diesem „Plan“ spielt. Tzipi Livni, die Ministerin für Immigration und
Absorption arbeitete hart daran, um einen Kompromiss zwischen Sharon und seinen
Opponenten herzustellen. Sie erfand das Ei des Columbus neu: die Regierung wird
offiziell den Plan annehmen, aber nicht die Erfüllung des Planes. Neun Monate
lang werden nur „Vorbereitungen“ gemacht. Nicht eine einzige Siedlung wird
aufgegeben. Danach wird die Regierung entscheiden, ob überhaupt eine Siedlung
aufgegeben werden soll und wenn ja, welche. Die Gegner verlangten dann, dass die
Regierung weiter Geld auch in die Siedlungen pumpt, die wahrscheinlich evakuiert
werden sollen.
Die Tatsache, dass jeder diesen Vorschlag ernst nimmt, spricht für sich selbst.
Ein Plan, dessen Erfüllung für nächstes Jahr gedacht ist, kann auch auf das nächste
Jahrhundert aufgeschoben werden.
Doch lasst uns den Plan auf seine Werte hin prüfen, als ob Sharon tatsächlich
beabsichtigte, ihn in die Tat umzusetzen. Er evakuiert Siedlungen und zerstört
sie, die Armee verlässt den Gazastreifen, eine Art palästinensische Verwaltung
übernimmt ihn.
Wird dies Frieden bringen? Wird dies die Attentate stoppen?
In der Praxis wird das nicht geschehen.
Das von allen palästinensischen Fraktionen festgehaltene Grundprinzip ist, dass
die Westbank und der Gazastreifen eine integrale territoriale Einheit bilden.
Das wurde ausdrücklich im Oslo-Abkommen und den folgenden Abkommen festgelegt.
Nach diesem Prinzip hat Yasser Arafat alle Vorschläge wie „Gaza zuerst“
abgewiesen, bis sie wenigstens einen bedeutenden Teil der Westbank (z.B.
Jericho) einschlossen.
Sharon weiß das, und deshalb fügte er seinem Plan noch einen Anhang bei: ein
winziges Gebiet am nördlichen Rand der Westbank will er auch evakuieren. Vier
kleine Siedlungen gibt es dort, und ihre Siedler wollen sie sehr gern verlassen
( natürlich mit großzügigen Kompensationen). Kein Palästinenser nimmt solch
eine Evakuierung ernst.
Da besteht nicht die geringste Chance, dass die Guerillakämpfer irgendeiner palästinensischen
Fraktion im „befreiten“ Gazastreifen ruhig zusehen werden, während Sharon
seine Pläne in der Westbank realisiert: die Annexion von 55% der Westbank an
Israel („Siedlungsblöcke“, „Wichtige Sicherheitszonen“, „Gebiete von
speziellem Interesse für Israel“, wie die Militärplaner es nennen) und die
Palästinenser in kleine Enklaven pfercht. Diese Arbeit geht schon mit dem Bau
der monströsen Trennungsmauer schnell voran.
Der „befreite“ Gazastreifen wird unweigerlich zu einer Basis des
Befreiungskampfes der Westbank werden. Die israelische Armee wird, wie gewöhnlich,
mit all seiner Macht reagieren: einfallen, töten, zerstören und ausreißen.
Wenn dies nichts hilft ( wie es bis jetzt nichts geholfen hat), wird Sharon den
Strom und das Wasser sperren und die Nahrungsmittelzufuhr verhindern. Da der
Streifen von der Welt abgeschnitten wird, ist dies möglich. Aber so weit wird
es nicht kommen, weil die Welt beobachten wird, und die Amerikaner können sich
das nicht leisten.
Die militärischen Planer wissen dies sehr genau. Sie haben neue Patentideen
entwickelt: die Ägypter mit einzubeziehen.
Ausgezeichnet – so scheint es wenigstens. Das ägyptische Regime lebt von großzügigen
amerikanischen Almosen – Belohnungen für das Unterzeichnen des Abkommens mit
Israel. Der Kongress, der eifrig darum bemüht ist, die Sharonregierung
zufrieden zu stellen, drohte kürzlich die Zahlung von 200 Millionen $ an Ägypten
zu verzögern. Es ist deshalb für Mubarak lebensnotwendig, den Amerikanern zu
zeigen, dass er ein Verbündeter Sharons ist.
Mubarak jedoch weiß, dass er auf einem Seil balanciert. Ägyptens Verbindungen
mit dem Gazastreifen datieren mehr als 4000 Jahre zurück, und da gab es viele Höhen
und Tiefen. Die Ägypter regierten nach 1948 wieder über den Gazastreifen und
werden nicht gerne daran erinnert. Mehr als einmal versuchten sie, das palästinensische
Problem in den Griff zu bekommen und jedes Mal endete es mit einer Demütigung.
Präsident Gamal Abd-el-Nasser schuf die PLO, um gegen Yasser Arafat zu
arbeiten, doch innerhalb weniger Jahre hat Arafat sie übernommen. Präsident
Anwar Al-Sadat versuchte, ein Schutzpatron der Palästinenser zu werden, um dann
nur von Menahem Begin beschämt zu werden.
Wenn die Ägypter nun den Gazastreifen zu übernehmen versuchen und den palästinensischen
Kampf für die Freiheit der Westbank hintertreiben, werden sie als
Kollaborateure betrachtet werden und Attentaten ausgeliefert sein, die sehr wohl
nach Ägypten selbst hinüberschwappen können. Hamas hat mächtige Verbündete
dort, die nicht vor Gewalt zurückschrecken.
Mubarak wird sehr vorsichtig sein, Verantwortung im Gazastreifen zu übernehmen
, besonders wenn Arafat nicht mit von der Partie ist. Er kennt sehr gut den
Fluchausspruch, der von Arafat gerne benützt wird: „Geh und trink aus dem
Meer von Gaza!“
Deshalb steht der ganze Plan Kopf – er hat in der Realität keine Basis. Alles
in allem ist er ein Rezept für die Fortsetzung des Krieges in anderer Form.
Aber das ist kein Grund, um sich Sorgen zu machen. Sharon meint es nicht ernst.
Er ist sich sicher, dass bevor die Zeit der Evakuierung einer einzigen Siedlung
kommt, entweder das Pferd stirbt oder der polnische Edelmann all dies vergessen
hat.
(Aus dem Englischen: Ellen
Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)