55% der Westbank werden
israelisch sein. Die palästinensischen Enklaven werden nur noch 45% - also 10%
des ehemaligen historischen Palästina ausmachen. Dies ist nicht mehr nur ein
Alptraum für die Zukunft – er geschieht jetzt.Natürlich wird es zu einem
Blutbad von unglaublichen Ausmaßen kommen. Kein Volk der Erde wird mit solchen
Lebensumständen einverstanden sein. Abertausende von Palästinenser werden dann
lieber in den Märtyrertod flüchten.
Der Albtraum wird wahr
Uri Avnery
12.06.04
Ich dachte, das wäre schrecklich. Ich irrte mich. Es ist viel, viel schlimmer!
Diese Worte fassen zusammen, was ich in diesem Augenblick fühlte.
Ich stand auf einem Hügel und überblickte den berüchtigten
Kalandia-Kontrollpunkt.
Unter mir war eine schmale Straße, die voll mit Palästinensern war, die bei
sengender Hitze - 30 Grad im Schatten – (aber es gab nirgendwo Schatten) sich
in Richtung Checkpoint schleppten. Sehr bald wird diese Straße anders aussehen.
Auf beiden Seiten werden sich 8m hohe Mauern erheben. Die Straße wird auf drei
Spuren erweitert und nur für Siedler sein. Die Siedler aus dem Jordantal können
dann Tel Aviv in etwa einer Stunde erreichen. Die Palästinenser, die auf beiden
Seiten leben, werden von einander abgeschnitten sein.
Dies ist ein kleiner Teil der neuen Realität, die sehr schnell auf der Westbank
geschaffen wird und die das Land, wie wir es kennen und lieben, unkenntlich
machen wird.
Ich stand am Rande von A-Ram, das einmal ein kleines Dorf am Stadtrand von
Jerusalem auf dem Weg nach Ramallah war. Seitdem die auf einander folgenden
Regierungen die Palästinenser von Ost-Jerusalem daran gehindert haben, sich
dort neue Wohnungen zu bauen, hat die schreckliche Überbevölkerung die
Menschen zu einem Massenexodus nach A-Ram gezwungen, das nun zu einer Stadt mit
60 000 Einwohnern geworden ist. Die meisten von ihnen sind offiziell noch
Jerusalemer Bewohner, die die blaue Identitätskarte der Bürger Israels haben.
Das erlaubt ihnen - nach einer Fahrt von 10 Minuten - in Jerusalem zu arbeiten,
ihren Geschäften nachzugehen, die Krankenhäuser oder die Universitäten zu
besuchen.
Damit wird bald Schluss sein. Entlang der uralten, (ja, antiken) Straße von
Jerusalem nach Ramallah – und die weiter nach Nablus und über Damaskus hinaus
führt – wird die 8m hohe Mauer, die gerade jetzt gebaut wird, nicht quer über
die Straße geführt, sondern in der Mitte der Straße, der ganzen Länge nach.
Die Bewohner A-Rams östlich der Mauer werden vollkommen von Jerusalem
abgeschnitten sein, aber auch von allen Stadtteilen und Dörfern im Westen –
von ihren Verwandten, den Schulen, in die Tausende ihrer Kinder gehen, ihrem
Friedhof und ihren Arbeitsplätzen dort. Ein kleiner Teil von A-Ram bleibt außerhalb
der Mauer und wird vom Hauptteil der Stadt (A-Ram) abgeschnitten.
Aber das ist nur ein Teil der Geschichte: weil die Mauer (an einigen Stellen
eine Barriere aus Zaun, Stacheldraht, Gräben und Patrouillenwegen ) A-Ram von
allen Seiten vollkommen umgeben wird. Der einzige Ausgang dieses ummauerten
Gebietes wird über eine schmale Brücke sein, die es mit dem benachbarten
Gebiet im Osten verbindet, in dem einige palästinensische Dörfer liegen, die
wiederum von einer Barriere umgeben sind. Diese Enklave wird einen kleinen
Ausgang zur Ramallah-Enklave haben. Durch diese wird es für eine Person möglich
sein, von A-Ram - so Gott will - mit einem Umweg von 30km Ramallah zu erreichen.
Vor der Besatzung war das ein Weg von kaum 10 Minuten.
Nur wenige Kilometer westlich von A-Ram liegt eine Gruppe Dörfer rund um Biddu
(wo inzwischen fünf Palästinenser getötet wurden, als sie gewaltfrei gegen
die Mauer demonstrierten). Dieses Gebiet wird schnell eine weitere Enklave, völlig
umgeben von einer separaten Barriere. Der einzige Weg nach draußen wird ein
Tunnel sein, der unter der Straße 443 gebaut wird. Es ist die Siedlerstraße,
deren Sektion ich vorhin schon erwähnte. Alle bestehenden Straßen nach Biddu
sind längst durch Gräben und Erdwälle unpassierbar gemacht worden. Man kann
nur noch an einer Stelle durch einen Checkpoint durch. Den wird es bald auch
nicht mehr geben.
Wenn ein Dorfbewohner von Biddu ein Geschäft in a-Ram tätigen will, muss er
durch den Tunnel nach Ramallah, dann durch die östliche Enklave, um A-Ram über
eine schmale Brücke zu erreichen. Das ist ein Umweg von 40km, anstelle einer
Fahrt von wenigen Minuten.
A-Ram wird besonders hart betroffen. Wegen seiner Lage war es während der
letzten paar Jahre eine Art Umschlageplatz für Waren geworden, die aus Israel
kommen und in die Westbank transportiert werden sollen und umgekehrt. Israelis
und Palästinenser machen hier ihre Geschäfte. All das wird mit der Mauer ein
Ende haben. Die Grundlage für den Lebensunterhalt wird für viele der 60 000
Bewohner verschwinden.
Dies ist nur ein Beispiel für das, was jetzt überall auf der Westbank
geschieht. Sie wird nun zu einem Flickenteppich eingemauerter Enklaven, die
untereinander mit Brücken, Tunnel oder speziellen Straßen „verbunden“
sind, die von einem Augenblick zum anderen je nach Laune der israelischen
Regierung oder eines örtlichen Armeeoffiziers abgeschnitten werden können.
Rund herum gibt es Straßen nur für Israelis, sich ausdehnende Siedlungen und
militärische Einrichtungen. Jede palästinensische Stadt – Jenin, Nablus,
Kalkilia, Bethlehem, Hebron und andere werden zu Hauptstädten winziger
Enklaven, von einander, vom Hinterland und den Dörfern abgeschnitten, wenn man
von den gewundenen, weiten Umwegen absieht.
55% der Westbank werden israelisch sein. Die palästinensischen Enklaven werden
nur noch 45% - also 10% des ehemaligen historischen Palästina ausmachen.
Dies ist nicht mehr nur ein Alptraum für die Zukunft – er geschieht jetzt.
Man kann ihn mit bloßem Auge sehen - während Sharon über einen
„Abzugsplan“ palavert, der irgendwann in der Zukunft in einem kleinen Teil
der besetzten Gebiete umgesetzt werden soll.
So gut wie kein Israeli hat von all dem eine Vorstellung. Auch wenn es nur 1km
von seiner Haustüre entfernt geschieht, wie z.B. in Jerusalem. Es scheint alles
viel weiter weg als die andere Seite des Mondes zu sein. Die Medien sind nicht
daran interessiert und die Welt auch nicht.
Dies ist der Frieden, von dem Sharon immer geträumt hat. Das ist der „Palästinensische
Staat“, den George Bush versprochen hat. Es ist der Grundstein des
„demokratischen neuen Nahen Ostens“.
Natürlich wird es zu einem Blutbad von unglaublichen Ausmaßen kommen. Kein
Volk der Erde wird mit solchen Lebensumständen einverstanden sein. Abertausende
von Palästinenser werden dann lieber in den Märtyrertod flüchten.
Und irgendwann in der Zukunft wird dieses abscheuliche Bauwerk abgerissen
werden, wie die Berliner Mauer in Deutschland, die weniger unmenschlich war. Wie
immer, wird nach viel Leid der menschliche Geist die Oberhand gewinnen.
(Aus dem Englischen: Ellen
Rohlfs)