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Ich warte auf eine Situation, in der ich wieder aufrecht und erhobenen Hauptes sagen kann: ich bin ein Israeli.Warum ich meine Meinung änderteUri Avnery, Haaretz, 24. September 2004 Vor noch nicht langer Zeit wurde ich in
einem Interview von einem Europäer gefragt: „In Ihrer Jugend waren Sie
Mitglied im rechtsradikalen Irgun. Jetzt gehören Sie zum linksradikalen
Friedenslager. Wann haben Sie die Wandlung vom einen Extrem ins andere
vollzogen? In welchem Augenblick geschah dies?“ Er was sehr enttäuscht, als ich ihm erzählte,
dass es keinen solchen dramatischen Augenblick gäbe. Es gab keinen Sprung, wie
Nachsons Sprung ins Rote Meer. Ich habe mich um meinen 15. Geburtstag
herum beim IRGUN eingeschrieben. Ich war ein unabhängiger Junge, der
schon arbeitete und seinen Lebensunterhalt verdiente, und hatte eine konkrete
Meinung: die britische Regierung müsse
aus dem Land Israel vertrieben werden . Es war in der Zeit der „Unruhen“ (
wie wir den arabischen Aufstand jener Zeit nannten) und der Politik der „Zurückhaltung“,
die von den damaligen Führern des Yishuv (vorstaatliche
jüdische Gemeinschaft in der ottomanischen und brit. Mandatszeit) praktiziert
wurde - sie passte nicht zu meinem Temperament. Dies brachte mich zur extremsten
Untergrundbewegung, die es damals gab. Als ich dem Aufnahmekomitee - durch
Scheinwerferlicht geblendet - gegenüber
saß, fragte man mich, ob ich Araber hasse. Ich sagte : „Nein!“ und fühlte,
wie sich Schweigen durch den sonst dunklen Raum ausbreitete. Dann fragte man
mich, ob ich die Engländer hasste. Wieder antwortete ich mit „Nein!“ Und
wieder war ein erstauntes Schweigen
zu spüren. Aber sie nahmen mich in den Irgun auf. Doch der Weg vom
Irgun bis zu Ha’olam Hazeh („Diese Welt“ – die radikale Zeitung,
die Avnery gründete und herausgab), die die Errichtung eines palästinensischen
Staates neben Israel predigte, erscheint mir
ganz natürlich. Derselbe Interviewer fragte nach, wie das
denn sein könne. Ich erklärte es
ihm. Ich bin ein nationaler Individualist. Ich glaube, dass es
im augenblicklichen Stadium der menschlichen Gesellschaft
das Bedürfnis des einzelnen ist, zu einer nationalen Gruppe zu gehören.
Es ist ein natürliches Kennzeichen. Jeder hat das Bedürfnis, irgendwo „dazu
zu gehören“. Er möchte Teil
einer Nation sein, auf die er stolz sein kann und die ihn verteidigt. Genau so fühlte
ich als junger Mensch – und das brachte mich zum Irgun. Eine national eingestellte Person ist aber
nicht chauvinistisch. Eine
chauvinistische Person sagt: „Wir und niemand anders. Mein Volk auf Kosten
eines anderen – wir „über allen“. Unter
einer national eingestellten Person verstehe ich , dass sie sich
nicht nur ihrer eigenen nationalen Identität bewusst ist, sondern dass
sie auch die nationale Identität der anderen respektiert. Ich verließ den Irgun, als mir klar wurde,
dass er gegenüber den nationalen Rechten des palästinensischen Volkes total
unsensibel war und nicht einmal seine Existenz anerkannte. Als junger Mensch der damaligen Zeit
bewunderte ich die analytische Fähigkeit von Zeev Jabotinsky, der in seinem
Artikel „Die eiserne Mauer“ die Existenz der arabisch-palästinensischen
nationalen Entität anerkannte und sogar die zionistischen Führer verspottete,
die sie ignorierten. Doch konnte ich seine Lösung,
den palästinensischen. Widerstand mit Gewalt zu brechen, nicht
akzeptieren. Ich wurde auch reifer. Was für mich im Alter von 15
richtig erschien, erschien mir im Alter von 20 Jahren als falsch. Nachdem ich den Irgun verlassen hatte,
stellte ich mich der Realität, wie ich sie sah: in diesem Land gibt es zwei
nationale Gruppen, und jede sah das ganze Land
als ihre Heimat an. Die zionistische Bewegung leugnete natürlich, dass es ein
arabisch-palästinensisches Volk gab. Des Dichters Yonathan Ratoshs
„Kanaaniter“ leugneten auch die Tatsache der Existenz des arabischen
Nationalismus im Allg. und des palästinensischen Nationalismus im Besonderen.
Die wenigen, die das Problem erkannten, schlugen einen „binationalen Staat“
vor, eine Lösung, an die ich damals nicht glaubte und an die ich auch heute
nicht glaube. Damals entwickelte ich eine andere Idee.
Wenn es zwei nationale Gruppen gibt, die dieses Land als ihre Heimat ansehen,
warum sollte man sie nicht in eine einzige nationale Bewegung einbinden, die auf
der Liebe zu diesem Land basiert? Warum nicht ein gemeinsames Erziehungssystem
errichten, in dem die Schüler lernen, sich mit der Geschichte dieses Landes in
allen seinen Perioden zu identifizieren – den Kanaanitern und den Israeliten,
den Griechen und Römern, den Arabern und Kreuzfahrern, den Mamelucken und
Ottomanen bis zur hebräischen und palästinensischen Nationalbewegung unserer
Zeit? Diese Idee war das Ergebnis meiner Überzeugung,
dass wir in diesem Land eine neue Nation, eine hebräische Nation, bilden. Aber
nicht wie die „Kanaaniter“ von Ratosh - dachte ich - sollten wir unsere
Verbindung zur jüdischen Diaspora leugnen. Im Gegenteil -
dachte ich - die neue hebräische Nation gehöre zum jüdischen Volk,
aber als ein unabhängiger und besonderer Teil.
Darüber hatte ich schreckliche Streitgespräche mit Ratosh, der danach
bis zu seinem Tode nicht mehr mit mir sprach Ich dachte, unsere Nationalgeschichte müsste
mit dem Land verbunden sein , statt durch die Welt von Pogrom zu Pogrom zu
wandern, und die palästinensische
Nationalgeschichte müsste auch mit dem Land verbunden sein, statt in die
arabische Halbinsel abzuwandern. So würden wir uns in einer gemeinsamen
nationalen Bewegung vereinigen und gemeinsam für die Befreiung des Landes von
den Briten kämpfen
und für unser gemeinsames Leben hier. Dies war eine gewagte Idee fast
ohne Präzedenz (die Schweiz vielleicht). Aber damals glaubten wir, wir könnten
alles, wenn wir es nur wollten. Diese Ideen waren die Basis für eine
ideologische Gruppe, die ich damals zusammen
mit Amos Elon, Michael Almaz u.a 1946 gründete. Sie wurde offiziell auf Hebräisch
„Junges Land Israel“ genannt
(auf arabisch „Falastin al Fattat“), war aber allgemein als Kvutzat
Bamaavak (Kampfgruppe) nach dem Titel unserer Veröffentlichung bekannt, die in
dem damaligen kleinen Yishuf ein
riesiges, meist negatives Aufsehen erregte. Der Schriftsteller Moshe Shamir, der
damals ein extremer Marxist war (später wurde er
Faschist), nannte sie mit einem hebräischen
Wortspiel „Bamat Avak“ (Dreckbühne). Der 1948er-Krieg veränderte alles. Mit
Bedauern gab ich die Idee einer gemeinsamen Nationalbewegung auf. Als Soldat bei
den Spezialoperationen der Samsonfüchse-Einheit stand ich der Realität des palästinensischen
Volkes gegenüber. Ich war Zeuge,
wie die Nakba ( der pal. Ausdruck für ihre Katastrophe von 1948)
geschaffen wurde. Als ich am Ende des Krieges verwundet wurde und im Krankenhaus
lag, hatte ich viel Zeit, über die neue Situation nachzudenken. Ich fasste ein
paar klare Beschlüsse, die mich seitdem geleitet haben: 1. die Existenz des palästinensischen
Volkes ist eine unumstößliche Tatsache. 2. die Teilung des Landes ist eine
irreversible Tatsache. 3. Wir werden niemals Frieden und Sicherheit
erlangen, wenn es neben unserm neuen
Staat Israel keinen palästinensischen Staat gibt. Ich glaube nicht, dass die Idee der zwei
Staaten - was heute internationaler Konsens ist - damals zwei Dutzend Anhänger
in Israel oder der ganzen Welt hatte . Ich schrieb und sprach hunderttausend Wörter
darüber, besonders in Ha’aolam Hazeh und in der Knesset. Am 5. Tag des
Sechs-Tage-Krieges schlug ich dem Ministerpräsidenten Levi Eshkol vor, er möge
sofort Schritte unternehmen, damit ein palästinensischer Staat in der Westbank
und im Gazastreifen errichtet werde. In den folgenden Jahren nahm ich an
Gründungen mehrerer Organisationen teil, die
diese Idee verbreiteten. Bei all den Plänen, bei denen ich von
damals bis jetzt
aktiver Teilnehmer war, schloss die Zwei-Staatenlösung das Prinzip ein,
dass die Grenze zwischen dem Staat Israel und dem Staat Palästina offen bleiben
solle. Sogar als Gush Shalom 1995
den Slogan „Jerusalem – Hauptstadt zweier Staaten“ in enger Zusammenarbeit
mit Feisal Husseini prägte, bestanden wir darauf, dass Jerusalem physisch
vereint bleibe und es keine Mauern und Stacheldrahtzäune in ihm geben solle. Deshalb bin ich ganz und gar gegen die
Trennungsmauer. Ich hätte ihn selbst dann abgelehnt,
wenn er genau auf der Grünen Linie
( Grenze von vor dem 1967er-Krieg) errichtet worden wäre. Ich denke, dass
allein die Idee einer Mauer dem
Geist des Friedens zuwider läuft, ohne den kein tatsächlicher Frieden
entsteht. Doch vor kurzem bin ich
davon überzeugt worden, dass ich hier eine taktische Konzession machen muss. Es
ist unmöglich, die reale Angst vor Selbstmordattentaten zu ignorieren, an der
die israelische Öffentlichkeit leidet. Deshalb bin ich jetzt bereit, die
Errichtung eines Mauerzaunes als ein absolut vorübergehendes Mittel auf der Grünen
Linie – unter der Bedingung, dass er nirgendwo ins Gebiet der Westbank
eindringt – zu unterstützen. Ich denke, dass es möglich ist, den größten
Teil der israelischen Öffentlichkeit davon zu überzeugen. Ich bin
optimistisch, wie ich mein ganzes Leben lang optimistisch war. Die Ideen, für
die ich gekämpft habe – dass es nötig sei, die Existenz des palästinensischen
Volkes anzuerkennen, dass ein palästinensischer
Staat neben Israel nötig sei und dass es auch nötig sei, mit der Palästinensischen
Befreiungsorganisation zu verhandeln – haben sich auf der ganzen Linie als
siegreich erwiesen. Nachdem alle Mauern und Zäune gefallen und all die falschen
Zaubertricks des Ministerpräsidenten Ariel Sharon und seinesgleichen
zusammengebrochen sind, wird eine grundlegende, wichtige und
entscheidende Tatsache bleiben: wir sind hier und wir werden bleiben. Die Palästinenser
sind hier und sie werden hier
bleiben. Sie werden uns nicht auslöschen, und wir werden sie nicht auslöschen.
Die Idee der ethnischen Säuberung ist ein wahnsinniger Alptraum. Doch werden wir nicht in der Lage sein, in
einem miteinander geteilten binationalen Staat zusammen zu leben – eine
Utopie, die in der Realität nach all dem, was während der letzten 120 Jahre
zwischen uns geschehen ist, keine Grundlage hat. Neuerdings hat mich
diese Position zum Ziel von Attacken jener Kreise in Israel und Europa
gemacht, die an der Zwei-Staatenlösung
verzweifelt sind und zur Idee des nationalen Staates zurückkehrten. Aber
die Israelis werden nicht damit einverstanden sein, dass ihr Staat aufgelöst
wird, und die Palästinenser werden nicht auf die Errichtung ihres Staates
verzichten wollen. Das ist Teilen der europäischen Linken nicht klar, die
meint, dass nach 50 Jahren Frieden die nationalistische Ära verschwunden sei.
Hier und da werde ich als israelischer Nationalist beschuldigt. In Berlin
erzählte ich einmal einem Auditorium: „Wenn ihr und die Franzosen eure
beiden Staaten auflöst und einen einzigen errichtet – dann werden wir
es auch tun.“ Es gibt nur eine praktische Lösung: Israel
und Palästina, zwei Staaten für zwei Völker, jeder mit seiner eigenen Flagge
und seiner eigenen Regierung. Im
Laufe der Jahre wird man sich auf natürliche Weise näher kommen. Wenn die ganze Welt über den engstirnigen
Chauvinismus einmal in eine neue internationale Ordnung
hinauswachsen wird, werden auch wir zweifellos in der vordersten Reihe
stehen. Es muss klar gestellt werden: Chauvinismus
ist der Feind einer Nation, wie ein wachsendes Krebsgeschwür. Er führt für
sich selbst nationale Flaggen und Symbole ein, um die Nation von innen zu zerstören.
Genau das tat der Faschismus in Europa. Dies geschah in vielen Ländern in Asien
und Afrika. Deshalb gibt es viele prächtige Menschen, die sich schämen, ihre
nationale Identität zu zeigen. Doch das ist eine falsch verstandene Auffassung. Ich wünsche mir eine Veränderung, was Israel betrifft. Es sollte ein humaner, säkularer, demokratischer, pluralistischer, egalitärer, liberaler, anti-rassistischer Staat sein mit hebräischer Mehrheit, aber einer, in dem alle seine Bürger wirkliche Partner sind, ein Staat der in Frieden lebt und der gegenüber der Welt offen ist - ein Staat, auf den ich stolz sein kann. Ich warte auf eine Situation, in der ich
wieder aufrecht und erhobenen Hauptes sagen kann: ich bin ein Israeli. (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom
Verfasser autorisiert) |
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