Da war jedoch ein
Junge, bei dem Tab bemerkte, dass er zu ängstlich war, sich zu bewegen.
Instinktiv entfernte er ihn schnell aus der Gegend, als er beobachtete, dass Schüsse
um den kleinen und zerbrechlichen Unschuldigen fielen. Nachdem er ihn
erfolgreich weggebracht hatte, war er im Begriff wegzugehen, als er zwei kleine
Mädchen unten vor dem Straßenblock bemerkte, direkt in der Feuerlinie.
Er war dabei ihnen zur Flucht zu helfen als der israelische Soldat im Turm
anlegte und eine großkalibrige Scharfschützenkugel direkt in Tabs Kopf
feuerte.
"Nicht schon
wieder":
Augenzeuge Joe Smith schreibt über die Tötung von Tom Hurndall
[Wir haben
beschlossen nicht zu warten euch die bewegenden Worte des ISM Aktivisten Joe
Smith zu schicken, der bei Tom Hurndall war als es gestern passierte, und der
vor ein paar Wochen bei Rachel Corrie war. Seinem Bericht folgt eine Email von
Huwaida Arraf mit konkreten Vorschlägen, was ihr tun könnt, wo immer ihr auch
seid. Wir sollten nicht zulassen, dass das Erschießen von eindeutig
gewaltfreien Menschlichen Schutzschild-Aktivisten ebenfalls Routine wird. Unser
Nichtaufhören, darüber zu sprechen, Nichtaufhören, Fragen zu stellen, Fordern
einer unabhängigen Untersuchung, und eine Klarstellung über die Regeln zum
Schusswaffengebrauch ist Teil des Kampfes gegen die Okkupation, für den außergewöhnliche
junge Menschen das letzte Risiko eingehen. Hier ist die Stelle, das einzufügen,
was wir eher zu erwähnen vergessen haben: Ärzte für Menschenrechte - Israel
und das Palästinensische Zentrum für Menschenrechte - Gaza rufen heute,
Sonntag, den 13. April um 11:30 Uhr, gemeinsam den Obersten Gerichtshof wegen
dem Einsatz von Flachette Waffen an.]
"Nicht schon wieder":
Augenzeuge Joe Smith schreibt über die Tötung von Tom Hurndall
The Electronic Intifada, 12. April 2003
Bitte nicht schon wieder. Wir hörten das Schießen - wir hören immer Schießen
- aber wiederholtes Scharfschützenfeuer wie dieses ist besonders beunruhigend.
Ich hörte den Schuss, ich hörte einen Schrei, und wandte mich um auf den
fluoreszierenden orangenen Haufen zu sehen, der auf dem Boden lag, Blut drang
aus seinem Kopf. Ich bewegte mich ein wenig hin und her, nicht ganz wissend, was
zu tun sei, und innerhalb weniger Sekunden schaltete sich meine medizinische
Ersthelferausbildung ein. Die Palästinenser hoben ihn hoch um ihn aus der
Gegend zu tragen. "Setzt ihn ab!" schrieen Alice, die andere Sanitäterin,
und ich.
Schließlich konnten wir ihn auf das Straßenpflaster legen, ich holte meine
Mulltupfer heraus und versuchte das Bluten zu stoppen. Man denkt nicht an
Gummihandschuhe in Zeiten wie diesen. Blut floss aus seinem Hinterkopf. Ich
konnte es nicht stoppen. Sekunden später wurde er wieder aufgehoben und in ein
Taxi gezogen. "Wartet auf den Krankenwagen!" Wir versuchten sie zu überzeugen,
aber sie waren hysterisch, und er wurde von uns gerissen und eiligst zum
Krankenhaus in einem braunen Mercedes gebracht. Der Krankenwagen kam Minuten später
an die Stelle, aber es war zu spät, er war schon weg.
Ich schaute herab und stellte fest, dass ich den blutigen Verbandmull noch immer
in meiner Hand hatte. Für einen kurzen Moment hatte ich den Reflex ihn
wegzuwerfen, wie man das mit jedem Abfall auf diesen Straßen tut, aber ich
konnte ihn nicht loslassen. Ich hielt ihn im Taxi den ganzen Weg zum Krankenhaus
fest, und umklammerte ihn immer noch als ich mich auf den Boden hockte gegen die
Steinmauern, die seinen Operationsraum umgaben.
Für mich war er bereits in dem Augenblick tot als er für unsere medizinische
Notversorgung auf den Boden heruntergelassen wurde. Alice versuchte
Mund-zu-Mund-Beatmung zu machen, und ich wusste, dass es nutzlos war. Für mich
war er bereits tot als er aus unseren Händen gezogen und in das Auto gezogen
wurde. Selbst als er aus dem Al-Najjar Hospital herausgefahren und zum Europa
Hospital in Khan Younis gebracht wurde, war er nach meiner Vorstellung nicht
mehr lebendig.
Nun ist er auf der Intensivstation im Saroka Hospital in B'ersheva, hirntot aber
noch atmend. Es ist unbedeutend wie beständig sein Herz schlägt, ich spreche
weiterhin von ihm in der Vergangenheit. Ich brauchte lange um zu akzeptieren,
dass Rachel tatsächlich von uns gegangen war, und ich denke, mein Bewusstsein
kompensiert jenen Verlust, indem es sich im Voraus auf einen weiteren
vorbereitet.
Sein Name war Thomas Hurndall und er war aus London. Als er ankam, hatten wir
bereits einen englischen Kumpel, der Tom hieß, so wählte er den Spitznamen
"Tab", und so kannte ich ihn. Tab war unglaublich mitfühlend beim
Schutz von Menschen wann und wo sie ihn am meisten brauchten. Wir waren in Yibna,
ein Rafah Flüchtlingslager direkt an der ägyptischen Grenze, weil er sich der
beständigen israelischen Beschießung bewusst war, deren Opfer diese Ortschaft
jeden Tag ist.
Er hatte von den zwei Brüdern gehört, die am vorangegangenen Morgen erschossen
worden waren, und war fest entschlossen eine Präsenz dort aufrecht zu erhalten.
Er sagte, dass er wirklich äußerst wütend und entschlossen wurde, als er in
seinem Bett in dem Haus des Arztes das Kanonenfeuer gehört hatte, das Haus, bei
dessen Beschützung Rache starb. Er wollte in den gefährlichsten Gegenden sein,
nicht aus irgend einem Märtyrerkomplex heraus um zu sterben, sondern einfach
weil er wusste, dass gerade dort die Internationalen am notwendigsten benötigt
werden.
Er war bereit in dem Haus zu bleiben, auf das am meisten gezielt wurde, und half
uns große Transparente daran anzuhängen. Er war im Begriffe, ein Zelt
aufzustellen in einer Gegend vor einer Moschee, die jede Nacht von einem
israelischen Panzer zur Terrorisierung der Nachbarschaft durch Kanonenfeuer
benutzt wurde. Wir waren auf dem Weg, das Zelt aufzurichten an dem Tag, als er
erschossen wurde, aber hatten das Projekt aufgegeben wegen der Beunruhigung der
Palästinenser über das Ausmaß des Kanonenfeuers.
Der Panzer war bereits an seinem Parkplatz als wir ankamen und schoss in der
Gegend herum. Ein nahegelegener Sicherheitsturm hatte ebenfalls sich beteiligt
und feuerte die furchterregenden Scharfschützensalven. Wir hatten uns hinter
einem großen Straßenblock positioniert um zu entscheiden, was wir tun sollten,
und Laura war mit ein paar Palästinensern nach vorne gegangen um nachzusehen.
Sie trug unsere Warenzeichen geschützte fluoreszierende orangene Jacke mit
reflektierenden Streifen und war klar erkennbar eine Internationale.
Obwohl, oder vielleicht deswegen schossen sie um sie herum. Sie sagte, dass Schüsse
auf beiden Seiten von ihr abgefeuert wurden, die es ihr ziemlich schwierig
machten sich zu bewegen. Sie war gerade wieder zu uns gekommen als das Scharfschützenfeuer
vom Turm sich auf den Straßenblock richtete, hinter dem wir standen. Dort waren
Kinder, die spielten auf dem Straßenblock, wie sie es oft tun, und viele
verstreut wegen dem Kanonenfeuer.
Da war jedoch ein Junge, bei dem Tab bemerkte, dass er zu ängstlich war, sich
zu bewegen. Instinktiv entfernte er ihn schnell aus der Gegend, als er
beobachtete, dass Schüsse um den kleinen und zerbrechlichen Unschuldigen
fielen. Nachdem er ihn erfolgreich weggebracht hatte, war er im Begriffe
wegzugehen, als er zwei kleine Mädchen unten vor dem Straßenblock bemerkte,
direkt in der Feuerlinie.
Er war dabei ihnen zur Flucht zu helfen als der israelische Soldat im Turm
anlegte und eine großkalibrige Scharfschützenkugel direkt in Tabs Kopf
feuerte. Er war im vollen Blickfeld des Turms und trug wie Laura die hoch
sichtbare Kleidung. Unsere Botschaften waren von unserer Anwesenheit in dem
Gebiet informiert, und sie hatten das israelische Militär informiert.
Sie wussten, wer er war, sie wussten, was er war, und sie wussten, was er dort
tat. Sie wussten, dass er keine Bedrohung für ihre körperliche Unversehrtheit
war, aber sie verstanden wahrscheinlich auch die internationale Aufmerksamkeit,
die seine Anwesenheit auf sich zog, und sie wussten, wie unsere Arbeit als
menschliche Schutzschilde sie zulänglich daran hinderte, die palästinensischen
Zivilisten zu terrorisieren und ihre Häuser zu zerstören.
So gesehen war er eine "Bedrohung" für sie, eine Bedrohung für das
Image von Israel, das es für die Welt porträtiert. Er war eine Bedrohung für
die Rechtfertigung der Okkupation, und eine Bedrohung für ihre unbezweifelte
Vorstellung über diese Menschen als nichts anderes als unmenschliche
Terroristen. Der Scharfschütze konnte diese Art der Herausforderung nicht
aushalten und traf tödliche Maßnahmen um sie zu beenden. Wir müssen nur
abwarten um zu sehen, wie solch eine Tat zurückschlagen wird.
Ich kannte Tab nicht ganz so gut. Er war nur eine Woche hier, aber plante den
vollen Monat seiner Visumsgenehmigung zu bleiben. Er hatte gerade eine Woche mit
Flüchtlingsarbeit in Jordanien verbracht, davor hatte er zwei Wochen Arbeit als
menschliches Schutzschild und Hilfsmaßnahmen im Irak geleistet. Er war ein
ausgezeichneter Fotograf und war leidenschaftlich besessen von der Dokumentation
der immensen Verletzungen des Menschenrechts, die am arabischen Volk ausgeübt
werden.
Es war seine erste Reise in den Nahen Osten, aber seine vorangegangenen drei
Wochen hatten ihn ziemlich versiert gemacht in dieser Art von Arbeit. Er war
reif und wohlüberlegt, aber unglaublich leidenschaftlich und entschlossen. Ich
war ganz überrascht zu hören, dass er erst 21 Jahre alt war, in dem selben
Jahr geboren wie ich.
Ich hatte an diesem Tag einige Stunden damit verbracht, ihn in die Gegend von
Rafah mitzunehmen um ein paar Fotos zu machen. Wir versuchten einige Fotobilder
von der Stadt zusammenzustellen und unserer Anwesenheit hier zur Dokumentation
und für Öffentlichkeitszwecke. Die Kinder hier lieben eine Kamera und würden
uns unentwegt umschwärmen. Dies belastet und überwältigt die meisten
Menschen, aber Tab fand es etwas komisch und kicherte den lärmenden Kindern zu
und rief "Wie heißt du" und "Wie geht es dir". Er erwähnte,
dass er bereits einige Tricks gelernt hatte wie das Nichtherausnehmen seiner
Kamera bis zum wirklich letzten Augenblick.
Wir hatten sogar an diesem Tag eine Unterhaltung über die Gefahren dieses
Ortes, und wie keiner von uns sie wirklich verstehen würde oder wir würden
nicht hier sein. Ich sagte, dass ich immer noch auf meinen internationalen
Status verlasse, selbst nach der kürzlichen Gewalt gegen uns. Ich glaubte, dass
nicht eine gezielte Maßnahme gegen Internationale sei, lediglich ein verstärkter
Anstieg an Rücksichtslosigkeit und Feindschaft, die der verstärkten Effektivität
unserer Arbeit entgegengebracht wird. Ich sagte, dass ich nicht wirklich verängstigt
würde bis sie offen auf einen offensichtlichen Internationalen zielen würden.
Nicht bis sie sehr bewusst einen von uns töteten würde ich den Terror fühlen,
der von den Palästinensern empfunden wird. Das Schicksal arbeitet auf mysteriöse
Weise.
Ich weiß nicht, ob ich hier noch bleiben kann. Ich glaube, dass Internationale
hier bleiben müssen, und dass israelische Militär nicht die Lehre daraus
ziehen sollte, dass sie mit solcher Gewalt ISM einschüchtern können. Ich
glaube, dass es nur zeigt, wie wirkungsvoll unsere Arbeit geworden ist, und dass
jetzt die Zeit gekommen ist zu bleiben und eine noch stärkere Präsenz
aufzubauen.
Aber ich habe nur noch so viel Energie übrig. Rachels Tod hat mir eine Menge
herausgezogen aber mich auch inspiriert länger zu bleiben und mich dem Olympia
Partnerstadt Projekt und der gewaltfreien direkten Aktion gegen die israelische
Okkupation von Rafah zu widmen. Ich hatte geplant bis zum Ende Mai zu bleiben um
diese Ziele zu vollenden, und ich wusste, dass ich wenigstens dies in mir übrigen
geblieben war. Aber dieser Vorfall hat mich schnell verbraucht und schafft in
mir Zweifel, ob ich jetzt mit diesem Ort und dieser Art von Arbeit umgehen kann.
Wer weiß, was jetzt mit ihm geschehen wird. Wahrscheinlich wird seine Familie
vor die gefürchtete Entscheidung gestellt, ob man ihn von den lebenserhaltenden
Maßnahmen trennt oder nicht. Ich muss hier weg wenn er stirbt, ich kann nicht
das ganze shahid Ding noch einmal machen. Ich kann auch nicht an einer weiteren
also militärischen Untersuchung mitmachen. Es gab viele palästinensische und
internationale Augenzeugen, die bereit sind zu kooperieren.
Ich werde weitermachen mit der Medienarbeit und dem Rechtsverfahren bezüglich
Rachels Tod, aber ich kann nicht zwei Sachen bewältigen. Ich kann es einfach
nicht. Meine Grenzen kennen zu lernen ist ein entscheidender Teil meiner persönlichen
Entwicklung hier gewesen. Ich habe gelernt "nein" zu sagen, und ich
sage es jetzt. Diese Äußerung kann für jeden medialen oder gesetzlichen
Prozess genutzt werden, aber das ist es, khallas!
Was für ein Privileg ist es für mich, dies so sagen zu können. Welches Glück
habe ich, dass ich einfach weggehen kann, wenn ich genug habe und das Ereignis
in meinem mentalen Register von intensiven Erfahrungen einordnen will. Ich kann
aber nur hier weggehen unter der Bedingung, dass ich mit einer längerfristigen
Verpflichtung zurückkehren werde, da meine Solidarität mit diesen
erstaunlichen Menschen gerade erst begonnen hat.
[Joe Smith ist ein amerikanischer Aktivist aus Kansas City, Missouri,
stationiert beim International Solidarity Movement in Rafah, Besetztes Gaza. Er
war ein Freund von Rachel Corrie und war bei ihr als sie von einem israelischen
Bulldozer am 16. März 2003 zerquetscht wurde.]
http://electronicintifada.net/v2/article1360.shtml