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Avnery zum Irak-Krieg - Gesamtübersicht
Des Teufels Wörterbuch
Noch einige Gedanken zum Irakkrieg (3)
Uri Avnery
29. März 2003
# Die Koalition. Es könnte keinen passenderen Namen für die Zusammenarbeit
zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und dem Vereinigten Königreich
Britannien gegen den Irak geben.
In des „Teufels Wörterbuch“ des amerikanischen Humoristen Ambrose Bierce,
das vor etwa 100 Jahren veröffentlich wurde, wird „Koalition“ folgendermaßen
definiert – ich zitiere aus der Erinnerung – es ist die Kooperation zwischen
zwei Dieben, die ihre Hände so tief in der Tasche des andern haben, dass es
ihnen unmöglich ist, unabhängig eine dritte Person zu bestehlen.
# Wiederaufbauer. Das Problem der Briten und Amerikaner ist, dass sie einen
unstillbaren Durst haben, wieder aufzubauen.
Sie träumen davon Tag und Nacht. Sie können an nichts anderes denken, über
nichts anderes reden.
Das Problem ist nur, um etwas wieder aufzubauen, muss man es zuerst zerstören.
Keine Zerstörung - kein Wiederaufbau.
Deshalb sind die Briten zusammen mit den Amerikanern damit beschäftigt, den
Irak systematisch zu zerstören. Raketen und Bomben, Panzer und Artillerie,
Schiffe und Infanterie – alles wird benützt, um den Wiederaufbau des Landes
zu erleichtern.
Das Hauptobjekt des dringenden Wiederaufbaus ist natürlich Bagdad. Eine Stadt
von fünf Millionen Einwohnern, kilometerlange Gebäudereihen und Straßen, die
nach ihrer Zerstörung wieder aufgebaut werden können. Falls Bagdad tatsächlich
der Ort eines Straßenkampfes nach der Art von Stalingrad wird, Haus um Haus,
Straße um Straße, dann wird es dort eine Menge für den Wiederaufbau geben.
# Die neuen Mongolen. Der Appetit auf Wiederaufbau trennt die neuen Eroberer von
ihren Vorgängern, den Mongolen, die Bagdad im Jahre 1258 n.Chr. eroberten, den
Kalifen töteten (der sich schon ergeben hatte) und die Stadt vollkommen zerstörten,
nachdem sie die Einwohner, Männer, Frauen und Säuglinge, niedergemetzelt
hatten.
Sie hatten keine Wiederaufbaumannschaften mitgebracht, sondern den Irak in eine
Wüste verwandelt. Die Bewässerungskanäle, die im Laufe von Tausenden von
Jahren der Zivilisation gebaut worden waren, wurden zerstört. Das, was hier
geschah, ging als eine der größten Katastrophen in die Geschichte der
arabischen Welt ein.
Übrigens vernichteten die Muslime zwei Jahre später die Mongolen in der
Schlacht bei Ein-Jalud
(heute der Kibbuz Ein-Harod) - ein wichtiges Kapitel in der Geschichte Palästinas.
Das war das Ende der Mongolen im Nahen Osten, aber die Region hat sich nie ganz
von der mongolischen Verwüstung erholt.
# Zerstöre und profitiere. Abgesehen von dem idealistischen Ziel, dem
irakischen Volk zu helfen, gibt es eine materialistischere Seite des
Wiederaufbaus. Es wird ein großes Geschäft sein. Die großen amerikanischen
Aktiengesellschaften – von denen einige mit den Paladins der Bush-Verwaltung
verbunden sind – streiten sich schon jetzt über die Ausbeute. Sie werden natürlich
keinen Ausländern gestatten, hier mit ins Geschäft zu kommen. Um ein
amerikanisches Sprichwort zu zitieren: „Den Siegern gehört die Beute.“
Es ist ein ziemlich widerwärtiges Schauspiel: noch bevor die irakischen Städte
zerstört sind, sind Wirtschaftsriesen dabei, die Profite des Wiederaufbaus
unter sich aufzuteilen.
# Menschenfreunde. Der unstillbare „Idealismus“ der Angloamerikaner findet
auch in dem Drang humanitärer Hilfe seinen Ausdruck. Dies ist schon zu einer
fixen Idee geworden. Humanitäre Hilfe muss dem irakischen Volk gebracht werden,
ob es diese will oder nicht. Wollen etwa die Einwohner von Basra diese Hilfe
nicht? Ha, wir werden dies schon sehen! Wir werden sie bombardieren und
aushungern – bis sie ihre Tore öffnen werden und humanitäre Hilfe
hineinlassen. Nach allem kann man dem Volk natürlich nicht helfen, solange die
Stadt unter der Kontrolle des bösen Saddam ist - verflucht sei sein Name! –
der hat doch nur ein Ziel: zu verhindern, dass die humanitäre Hilfe das Volk
erreicht.
Die Koalition könnte natürlich anstelle von Bomben Nahrungsmittel und Wasser
aus der Luft abwerfen. Man könnte auch eine kurze Waffenruhe arrangieren, um
der belagerten Stadt humanitäre Hilfe zu bringen. Aber das ist von Donald
Rumsfeld verboten worden, noch einem großen Menschenfreund. So gibt es also
keine andere Alternative, als sie solange zu bombardieren, bis sie für die
Hilfe reif sind.
# Die Kolonialherren und die Eingeborenen. Als Vorschau für die humanitäre
Hilfe, die nach der Besetzung von Basra eintreffen wird, haben die Briten einen
Film über die Ankunft der Hilfe unterwegs in einem Dorf verbreitet. Sie waren
mit diesem Filmbericht so zufrieden, dass er Dutzende Mal im Fernsehen gezeigt
wurde.
Das sieht folgendermaßen aus: ein britischer LKW bringt Nahrungsmittel und
Wasser. Die Dorfbewohner, hauptsächlich Frauen und Kinder, belagern den
Lastwagen. Sie betteln um Wasser. Die Soldaten verteilen Mineralwasser an die
aufgeregte Menge – eine Flasche pro Kind oder Frau. Nach Tagen von Durst, ein
(ein!) Liter pro Familie.
Die ganze Szene ist ekelhaft. Der Hunger und der Durst der Bevölkerung, die
sich mitten im Kampfgebiet befindet, wird zur groben Propaganda ausgenützt. Die
Briten sehen so aus, wie sie immer im Irak ausgesehen haben, wie anmaßende
Kolonialherren, die den Eingeborenen eine Gunst erweisen. Für jeden arabischen
Betrachter ist das die äußerste Demütigung.
# Rauben für die Ausgeraubten . Um dies alles zu finanzieren – die Zerstörung,
den Wiederaufbau, die humanitäre Hilfe und was sonst noch – ist Geld nötig.
Woher soll es kommen? Vom irakischen Öl natürlich.
Deshalb ist es die humanitäre Pflicht der Amerikaner, so schnell wie möglich
die Ölfelder in Besitz zu nehmen. Nicht um ihretwillen – Gott bewahre! –
sondern um der Irakis willen. Um ihnen zu helfen und Gutes für sie zu tun.
Jedes Kind weiß inzwischen, dass es in diesem Krieg um Öl geht. Die US
beabsichtigen, die irakischen Ölreserven – (nach denen der Saudis) die
zweitgrößten der Welt - in Besitz zu nehmen und die benachbarten Reserven vom
Kaspischen Meer, im Iran und am Golf zu kontrollieren. Nun sieht es so aus, als
sei alles zu Gunsten des irakischen Volkes selbst, damit dieses für seine
Kinder etwas zu essen und die nötige Medizin hat.
All dies nach den UN-Sanktionen, die auf Wunsch der Amerikaner verhängt worden
waren und die nach vielen Jahren eine allgemeine Unterernährung und vor Hunger
und Krankheiten den Tod von Hunderttausenden von Kindern verursacht haben, außerdem
die Zerstörung der irakischen Infrastruktur – alles im Namen von „Öl für
Lebensmittel“.
# Oh Orwell, Orwell! Was würde er wohl zu diesem Krieg gesagt haben?
In seinem Buch „1984“hatte er das Wahrheitsministerium Sätze prägen lassen
wie „Krieg ist Frieden“, „Freiheit ist Sklaverei“ und „Dummheit
bedeutet Macht“. Er würde sich in diesem Krieg wie zu Hause fühlen.
Besatzung bedeutet Freiheit; Krieg ist eine menschliche Pflicht; eine ausländische
Regierung stürzen bedeutet Regierungswechsel; Hungersnot ist humanitäre Hilfe;
Kampf gegen einen ausländischen Angreifer bedeutet, einem Tyrannen dienen; eine
Stadt zu bombardieren, ist Dienst am Volk.
Die Wahrheit ist immer das erste Opfer eines jeden Krieges. Aber es scheint,
dass sie in diesem besonderen Krieg noch mehr leidet als sonst. Verlogenheit,
Heuchelei, Desinformation und Gehirnwäsche feiern. Vier-Sterne-Generäle
plappern offenkundig verlogene Slogans nach, Star-Journalisten aus aller Welt übernehmen
sie eifrig, das Welt-TV-Netzwerk wiederholt sie fleißig, und die israelischen
Medien verschlingen sie alle.
Bon appetit!
(Aus dem Englischen übersetzt:
Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)