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->> Uri
Avnery zum Irak-Krieg - Gesamtübersicht
Der konvexe Spiegel
Weitere Gedanken zum Krieg (4)
Uri Avnery
2. April 2003
# Lies die Bibel. Man sagt, dass George W. Bush ein tief religiöser Mensch sei.
So sei es auch mit seinem Gefolgsmann Tony Blair. Es ist nur schade, dass sie
nicht noch mehr in der Bibel lesen.
Einen der schönsten hebräischen Sätze kann man im 1.Buch der Könige im
20.Kapite l (V.11)finden: Als der König von Syrien Israel angriff, rühmte er
sich seiner mächtigen Armee und forderte Israel auf, sich zu ergeben. König
Ahab antwortete mit vier hebräischen Worten von bleibender Gültigkeit – hier
in deutscher Übersetzung: „Wer sich das Schwert umgürtet, soll sich nicht rühmen,
als ob er es schon wieder abgelegt hätte“ ( aktuell ausgedrückt:“ Wer hoch
gerüstet in den Krieg zieht, sollte nicht so tun, als hätte er ihn schon
gewonnen“. Übers.)
# Rückwirkende Terroristen. Nun müssen Schulbücher in vielen Sprachen neu
geschrieben werden. In den alten Büchern steht, dass im 2. Weltkrieg die Männer
und Frauen des französischen Widerstands Helden waren. Diese Zivilisten gingen
nachts hinaus, um deutsche Züge zu sprengen, deutsche Soldaten zu töten und
Kollaborateure umzubringen. Die Instruktionen kamen aus London. Sie wussten,
wenn sie gefangen genommen werden, würden sie grausamen Folterungen ausgesetzt
werden und zu Tode kommen. In Dutzenden von amerikanischen und britischen Filmen
wird ein Loblied auf sie gesungen.
Die russischen Partisanen – ihr Slogan war: „Tod den Invasoren!“ - machten
das Leben der deutschen Soldaten zur Hölle. Die Partisanen wurden in Scharen
aufgehängt. Die ursprünglichen Guerillas – für die das spanische Wort
„kleiner Krieg“ geprägt wurde – griffen Napoleons Soldaten an. Goya
machte sie in einem herrlichen Bild unsterblich. Einer ganzen Generation
israelischer Kinder hat man beigebracht, die Kämpfer von Irgun und der
Sterngruppe, natürlich alles Zivilisten, zu bewundern; sie jagten Einrichtungen
der britischen Armee in die Luft und töteten ihre / deren ????? Soldaten. Nun
sieht es so aus, als ob sie alle gemeine Terroristen gewesen wären.
# Presstitution Im Mittelalter waren Armeen von einer großen Anzahl von
Prostituierten begleitet. Im Irakkrieg werden die amerikanischen und britischen
Armeen von einer großen Anzahl von Journalisten begleitet.
Ich prägte die hebräische Entsprechung „Presstitution“ ( zusammengesetzt
aus: Presse+Prostitution), als ich Herausgeber eines israelischen
Nachrichtenmagazins war, um die Journalisten, die die Medien in Huren
verwandelten, zu bezeichnen. Ärzte sind durch den Eid des Hippokrates
verpflichtet, so weit als möglich Leben zu retten. Journalisten sind auf Grund
ihrer beruflichen Ehre daran gebunden, die Wahrheit zu sagen, wie sie sie sehen.
Niemals zuvor haben so viele Journalisten ihre Aufgabe verraten wie in diesem
Krieg. Ihre Ursünde war ihr Einverständnis, sich in die Armee-Einheiten
„einbetten“ zu lassen. Dieser amerikanische Ausdruck klingt wie „ ins Bett
gelegt werden“ und genau das ist es, was es in Praxis ist.
Ein Journalist, der sich in das Bett einer Armee-Einheit legt, wird freiwillig
zum Sklaven. Er ist an den Stab des Kommandeurs gebunden, wird an die Stellen
geführt, an denen der Kommandeur interessiert ist, sieht das, was der
Kommandeur zu sehen wünscht, wird von Orten ferngehalten, die er nicht sehen
soll, hört das, was man möchte, dass er hören soll und hört nicht, was die
Armee nicht wünscht, dass er es hört. Er ist schlimmer als ein offizieller
Armeesprecher, weil er behauptet, ein unabhängiger Berichterstatter zu sein.
Das Problem ist nicht, dass er nur ein kleines Stück vom gewaltigen Mosaik des
Krieges sieht, sondern dass er eine verlogene Sicht dieses Stückes vermittelt.
Während des Falkland- und des 1. Golfkrieges war es Journalisten einfach nicht
erlaubt, das Kampfgebiet zu erreichen. Es scheint, dass ein kluger Mitarbeiter
des Pentagon eine Idee hatte:
„ Warum sollen wir sie draußen halten? Lassen wir sie doch hinein. Es wird
ihnen gesagt, was sie schreiben und senden sollen – sie werden wie junge Hunde
aus unsrer Hand fressen.“
# Scham. Seit meinem 19.Lebensjahr bin ich Journalist. Ich war immer stolz
darauf. Unzählige Male schrieb ich auf Formularen: Beruf: Journalist.
Ich schäme mich, wenn ich eine große Gruppe von Journalisten aus aller Welt
sehe, die vor einem Viel-Sterne General sitzen, eifrig einem sogenannten
„Briefing“ zuhören und nicht die einfachsten, relevanten Fragen stellen.
Und wenn ein mutiger Reporter aufsteht und eine echte Frage stellt, protestiert
keiner, wenn der General mit banalen Propagandaslogans reagiert, statt eine
wirkliche Antwort zu geben.
Erinnern wir uns an die virtuelle Kapitulation der 51. irakischen Division? An
den Aufstand der Bewohner von Basra, der niemals stattfand? An die 1001 anderen
Lügen, die vom Winde verweht wurden? Wo waren die Journalisten, als all dies
geschah?
Fast alle journalistischen Berichte dieses Krieges sind wie Bilder in einem gekrümmten
Spiegel, verzerrt und verlogen. Deshalb ein Lob für die wenigen, die wie Peter
Arnett bereit sind, auf dem Altar der Wahrheit ihre berufliche Karriere zu
opfern.
# Am Boden des Fasses. Ich schäme mich, ein Journalist zu sein. Ich schäme
mich doppelt, weil ich ein israelischer Journalist bin.
Alle Abteilungen der israelischen Medien sind während dieses Krieges auf einem
neuen Tiefpunkt angekommen. Keinerlei Kritik wird veröffentlicht. Alle Gegner
dieses Krieges werden totgeschwiegen. In den amerikanischen Medien sind sogar
noch einige abweichende Meinungen zu vernehmen. In Israel ist das nicht möglich.
Es würde schlimmer als Verrat sein.
Die einzige Ausnahme, die ich kenne, ist der TV-Reporter San Semama, der sich in
den Irak schlich, von den Amerikanern gefasst, in einen Jeep eingesperrt wurde
und 48 Stunden hungern musste. Er sah, was sich wirklich ereignete. Teile seines
Berichtes wurden hier und dort veröffentlicht – und dann fiel der Vorhang des
Schweigens. Der ganze Rest – Journalisten, Experten, der Haufen von
Ex-Offizieren und andere - erscheint Stunde um Stunde auf unsern Fernsehschirmen
und wiederholt wie ein Papagei die amerikanische Propaganda, selbst dann, wenn
sie offensichtlich lächerlich ist.
# Spielzeugsoldaten. Gegenüber „Militärkorrespondenten“ bin ich besonders
allergisch. Sie gehören zu einer einzigartigen menschlichen Spezies: die
allerletzten Machos und die allerletzten Soldaten. Außerdem sind sie ein lächerlicher
Schwindel.
Zum ersten Mal sah ich sie in unserm 1948er Krieg, als ich Soldat einer
Kampftruppe war. Während wir im Dreck und zwischen Dornengestrüpp
herumkrochen, sahen wir von Zeit zu Zeit einen solchen „Soldaten“, sauber
rasiert, in frischer Uniform, mit einem Helm – alle kriegerischen Tugenden
ausstrahlend. Dies waren die Militärkorrespondenten, die dem
Brigadehauptquartier angeschlossen waren und weit weg von der Frontlinie mit
ranghohen Offizieren verkehrten.
(Ich sollte mich an sich nicht beklagen. Als ich mein Kampftagebuch nach dem
Krieg veröffentlichte, wurde es übernacht ein Bestseller, der reißend weg
ging – einfach deshalb, weil keiner dieser Spielzeugsoldaten in der Lage war,
ein authentisches Buch über den Krieg zu schreiben).
# Das Operationstheater. Ich las irgendwo, dass der Informationsraum von General
Tommy Franks von einem professionellen Designer für eine Viertel Million
Dollars geschaffen wurde. Die amerikanische Armee investiert eine Menge Geld, um
dieses Theater aufzuführen.
Ich vermute, dass noch viel größere Summen an Fachdesigner gezahlt werden, die
die öffentlichen Auftritte von Präsident Bush gestalten. Man sollte sich die
Szenerie aufmerksam anschauen; sie ist viel interessanter als George W.’s
Worte.
Seit einigen Monaten wird Bush fast immer mit Soldaten im Hintergrund gezeigt.
Der Bühnendesigner achtet darauf, dass die Soldaten rund um den Präsidenten
sind, so dass aus jedem Photowinkel bewundernde Gesichter hinter ihm erscheinen.
Vor ein paar Tagen erreichten die Designer einen besonderen Effekt: hinter dem
Präsidenten war ein weißes Schiff des Küstenschutzes mit rot uniformierten
Matrosen, die geschickt in kleine photogene Gruppen aufgeteilt waren, zu sehen.
Andere Matrosen standen vor und neben dem Präsidenten. Kein Operndekorateur hätte
diese Szene besser arrangieren können. Ich wäre nicht überrascht gewesen,
wenn der Präsident mit einer Arie begonnen hätte. Aber er gab nur die üblichen
Dümmlichkeiten von sich.
# Der große Vaterländische Krieg. Als die Nazis in die Sowjetunion einfielen,
begriff Stalin, dass das russische Volk sein Leben nicht dem
Marxismus-Leninismus opfern würde. Über Nacht wechselte er die Botschaft: Iwan
der Schreckliche, Peter der Große, Feldmarschall Suvorov und Fürst Kutuzov
waren wieder auferstanden, um die Massen dafür zu begeistern, was offiziell der
„große Vaterländische Krieg“ genannt wurde.
Saddam Hussein tat nun das gleiche: Er rief sein Volk auf, die Aggressoren zu töten
– nicht im Namen der Ba’ath-Partei, (deren Gründer Christen waren), sondern
im Namen Allahs und der muslimischen Heimat.
(Aus dem Englischen übersetzt:
Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert)
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