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->> Uri Avnery zum Irak-Krieg - Gesamtübersicht Thema: Avnery über den Sieg im Irak # Der nächste Krieg:
Es ist zeitgemäß, über „den Tag danach“ zu reden. Lasst uns über die
Nacht danach reden. Nach den Feindseligkeiten im
Irak, wird die Welt mit zwei entscheidenden Tatsachen konfrontiert werden: Erstens, die ungeheure Überlegenheit
der amerikanischen Waffen kann jedes Volk der Welt schlagen, sei es auch noch so
tapfer. Zweitens, die kleine Gruppe,
die den Krieg angefangen hat – eine Allianz christlicher Fundamentalisten und
jüdischer Neo-Konservativer – hat großspurig gewonnen, und von jetzt an wird
sie Washington fast grenzenlos kontrollieren. Diese beiden Fakten
zusammengenommen stellen für die Welt, aber besonders für den Nahen Osten, die
arabischen Völker und die Zukunft Israels, eine Gefahr dar: weil diese Allianz
der Feind friedlicher Lösungen ist, der Feind der arabischen Regierungen, der
Feind des palästinensischen Volkes und besonders der Feind des israelischen
Friedenslagers. Diese Gruppe träumt nicht
nur von einem amerikanischen Weltreich im Stil eines römischen, sondern auch
von einem israelischen Mini-Empire unter der Kontrolle der extremen Rechten und
der Siedler. Sie will die Regierungen aller arabischer Länder verändern. Sie
wird ein permanentes Chaos in der Region verursachen, dessen Folgen unmöglich
vorauszusehen sind. Ihre geistige Welt besteht
aus einem Gemisch von ideologischem Fanatismus und krassen materiellen
Interessen, einem übertriebenen amerikanischen Patriotismus und einem Zionismus
vom rechten Flügel. Das ist ein gefährliches Gemisch. In ihr findet man etwas von Ariel Sharons Geist, einem Mann, der immer grandiose Pläne hatte, die Region zu verändern. Es ist ein Gemenge von kreativer Imagination, ungezügeltem Chauvinismus und einem primitiven Glauben an brutale Gewalt. # Wer sind die Gewinner?
Es sind die sogenannten Neo-Kons, oder Neo-Konservativen, eine kompakte Gruppe,
deren Mitglieder fast alle jüdisch sind. Sie halten einerseits die Schlüsselpositionen
der Bush-Administration inne als auch die in den Studieninstituten (think-tanks),
die eine bedeutende Rolle beim Formulieren der amerikanischen Politik und der
Leitartikelseiten der einflussreichen Zeitungen spielen. Viele Jahre lang war dies
eine Randgruppe, die eine rechte Agenda auf allen Gebieten begünstigte. Sie kämpfte
gegen Abtreibung, Homosexualität, Pornographie und Drogen. Als Binyamin
Netanyahu in Israel an die Macht kam, boten sie ihm Ratschläge an, wie man
gegen die Araber kämpfen kann. Ihr großer Augenblick kam
mit dem Kollaps der Zwillingstürme in New York. Die amerikanische Öffentlichkeit
und ihre Politiker waren in einem Zustand des Schocks, völlig orientierungslos,
unfähig zu verstehen, dass die Welt sich über Nacht verändert hat. Die
Neo-Kons waren die einzige Gruppe, die eine Erklärung und Lösung parat hatte.
Nur neun Tage nach dem Attentat veröffentlichte William Kristol ( der Sohn
des Gruppengründers Irving Kristol) einen offenen Brief an Präsident
Bush, in dem er erklärte, dass es nicht genug sei, das Netzwerk Osama Bin
Ladens zu zerstören, sondern dass es auch notwendig sei, „Saddam Hussein zu
stürzen“ und gegenüber Syrien und dem Iran wegen der Unterstützung der
Hisbollah Vergeltung zu üben. Im folgenden eine kurze Aufzählung
der Hauptcharaktere. (Falls es langweilt, überspringe man diesen Abschnitt!) Der offene Brief wurde in
der „Weekly Standard“ veröffentlicht, die von Kristol mit dem Geld des
ultra-rechten Pressemogul Rupert Murdoch gegründet wurde, der 10 Millionen $
dafür gab. Der Brief war von 41 führenden Neo-Kons unterzeichnet, einschließlich
Norman Podhoretz, einem früheren jüdischen Linken, der eine extrem rechte Ikone wurde und der
der Herausgeber des renommierten Commentary Magazins ist. Unterschrieben wurde
er auch von seiner Frau Midge Decter, ebenfalls Schriftstellerin, von Frank
Gaffney vom Zentrum für Sicherheits-Studien, Robert Kagan, Weekly Standard,
Charles Krauthammer von der Washington Post und natürlich von Richard Perle. Perle ist eine zentrale
Figur in diesem Spiel. Bis vor kurzem war er der Vorsitzende des Rates der
Verteidigungspolitik im Verteidigungsministerium , zu dem auch Eliot Cohen und
Devon Cross gehören. Perle ist einer der Direktoren der Jerusalem Post, die nun
extremen Zionisten vom rechten Flügel gehört. In der Vergangenheit war er
Berater von Senator Henry Jackson, der den Kampf gegen die Sowjetunion in bezug
auf die Juden führte, die die SU verlassen wollten. Er ist ein führendes
Mitglied des einflussreichen rechten Amerikanischen Enterprise-Instituts. Kürzlich
war er gezwungen, seine Position als Vorsitzender des Verteidigungsrates
aufzugeben; es war bekannt geworden, dass eine private Aktiengesellschaft ihm
fast eine Million Dollar versprochen hatte, wenn er seinen Einfluss in der
Verwaltung geltend machen würde. Der offene Brief war tatsächlich
der Beginn des Irakkrieges. Er war von der Bush-Administration begierig
aufgenommen worden. Ihre Mitglieder – der oben genannten Gruppe angehörend
– waren schon fest in einigen ihrer leitenden Posten etabliert. Paul Wolfowitz,
der Vater des Krieges, ist die Nummer Zwei im Verteidigungsministerium, wo ein
anderer Freund von Perle, Douglas Feith, den Pentagon-Planungsrat leitet. John
Bolton ist Unterstaatssekretär im Außenministerium. Eliot Abrams, im
Nationalsicherheitsrat für den Nahen Osten verantwortlich, war in den
Iran-Contra-Israel-Skandal verwickelt. Der Hauptheld des Skandals, Oliver North,
sitzt im Jüdischen Institut für Nationale Sicherheitsangelegenheiten zusammen
mit Michael Ledeen, dem zweiten Helden dieses Skandals. Er befürwortet nicht
nur einen totalen Krieg gegen den Irak, sondern auch gegen Israels andere
Feinde, den Iran, Syrien, Saudi Arabien und die Palästinensische Behörde. Dov
Zakheim ist Rechnungsprüfer im Verteidigungsministerium. Die meisten dieser Leute
sind zusammen mit dem Vizepräsidenten Dick Cheney und dem Verteidigungsminister
Donald Rumsfeld mit dem „Projekt des Neuen Amerikanischen Jahrhunderts“
verbunden, das 2002 ein Weißbuch mit
dem Ziel herausgab, „diesen „amerikanischen Frieden“ zu erhalten und zu
erweitern“ – was soviel wie amerikanische Weltvorherrschaft bedeutet. Meyrav Wurmser ( Meyrav ist
ein schicker, neuer israelischer Vorname) ist Direktorin des Zentrums für
Nahostpolitik am Hudson-Institut. Auch sie schreibt für die Jerusalem Post. Sie
ist Mitbegründerin des Nahost-Medien-Forschungsinstituts (MEMRI), das nach dem
Londoner Guardian mit dem israelischen Militärgeheimdienst verbunden ist. MEMRI
versorgt die Medien und Politiker mit höchst ausgewählten Zitaten aus extremen
arabischen Publikationen. Meyravs Gatte, Davis Wurmser, ist an Perles
Amerikanischem Enterprise-Institut und leitet dort die Nahost-Studien. Erwähnt
werden sollte auch das Washington Institut für Nahost-Politik von unserm alten
Bekannten Dennis Ross, der jahrelang mit dem „Friedensprozess“ im Nahen
Osten beauftragt war. In allen bedeutenden
Zeitungen gibt es Leute, die der Gruppe nahe stehen, wie z.B. William Safire bei
der New York Times, (er ist ein Mann, der von Sharon hypnotisiert ist.) und
Charles Krauthammer bei der Washington Post. Ein anderer Freund von Perle ist
Robert Bartley, Herausgeber des Wall Street Journal. Wenn die Reden von Bush und
Cheney oft so klingen, als kämen sie von den Lippen Sharons, mag einer der Gründe
der sein, dass ihre Ghostwriter Joseph Shattan, Matthew Scully und John Mc
Connell Neo-Kons sind - so wie
Cheneys Stabschef Lewis Libby. Der gewaltige Einfluss
dieser weitgehend jüdischen Gruppe stammt von ihrer engen Verbindung mit den
extrem rechten, christlichen Fundamentalisten, die heute Bushs republikanische
Partei kontrollieren. Die Gründungsväter waren Jerry Falwell der Moral
Majority, die einmal von Menachem Begin einen Jet als Geschenk erhielt, und Pat
Robertson von der Christlichen Koalition und dem Christlichen Radionetzwerk, das
die „Internationale Christliche Botschaft“ ( International Christian Embassy)
von J.W. van der Hoeven in Jerusalem mit finanzieren half. Es ist eine Gruppe,
die die Siedler und deren Verbündete vom rechten Flügel unterstützt. Gemeinsam ist beiden Gruppen
das Festhalten an der fanatischen Ideologie der extremen Rechten in Israel. Sie
sehen den Irakkrieg als einen Kampf der „Kinder des Lichtes“ (Amerika und
Israel) gegen die „Kinder der
Finsternis“ (Araber und Muslime). Nebenbei, keine dieser
Fakten sind geheim. Sie sind vor kurzem in Dutzenden von Artikeln
sowohl in amerikanischen als auch in Weltmedien veröffentlicht worden.
Die Mitglieder der Gruppe sind stolz darauf. # Der Zionistengeneral.
Der Mann, der diesen Sieg im Irak
symbolisiert, ist General Jay Garner, der gerade zum Chef der zivilen Verwaltung
im Irak ernannt worden ist. Er ist kein anonymer General, der zufällig
herausgepickt wurde. Garner ist der ideologische Partner von Wolfowitz und der
Neo-Kons. Vor zwei Jahren unterzeichnete er mit 26 anderen Offizieren eine Petition, die vom jüdischen Institut für Nationale Sicherheitsangelegenheiten organisiert wurde. Sie lobte die israelische Armee für ihre „bemerkenswerte Zurückhaltung angesichts der tödlichen Gewalt, die von Seiten der palästinensischen Führung ausgeübt wurde“, was für die israelischen Friedenskräfte sicher neu war. Der General stellte auch fest, dass „ein starkes Israel ein Aktivposten ist, auf den sich amerikanische Militärplaner und politische Führer verlassen können.“ Während des 1. Golfkrieges
pries er die Leistung der Patriot-Missiles, die elendiglich daneben gingen.
Nachdem er 1997 die Armee verlassen hatte, wurde er – keineswegs überraschend
– Militärlieferant , spezialisiert auf Missiles. Es wurde behauptet, dass er
nicht konkurrierende Pentagon-Verträge erhalten hat. In diesem Jahr erhielt er
einen Verteidigungsvertrag über $ 1,5 Milliarden , als auch einen Vertrag,
Patriot-Systeme in Israel zu bauen. Deshalb kann es für diesen
Job keinen besseren Kandidaten für die zivile Verwaltung im Irak geben,
besonders zu einer Zeit, wenn Verträge über Milliarden von Dollars für den
Wiederaufbau zur Verfügung gestellt werden müssen, die mit irakischem Öl
bezahlt werden. # Eine neue Balfour-Erklärung.
Die Ideologie dieser Gruppe, die zum einen nach einem amerikanischen Weltempire
als auch nach einem Groß-Israel schreit, erinnert an vergangene Zeiten. Die Balfour-Erklärung von
1917, die den Juden eine Heimstätte in Palästina versprach, hat ein
Elternpaar. Die Mutter war der christliche Zionismus ( unter dessen Anhängern
waren berühmte Staatsmänner wie Lord Palmerston und Lord Shaftesbury, lange
vor der Gründung der jüdisch zionistischen Bewegung) Der Vater war der
britische Imperialismus. Die zionistische Idee erlaubte es den Briten, ihre
französischen Konkurrenten zu verdrängen und Palästina in Besitz zu nehmen,
was insofern nötig war, um den Suez-Kanal und die kürzere Seeroute nach Indien
abzusichern. Nun geschieht das Gleiche
noch einmal. Im vergangenen Jahr organisierte Richard Perle eine Symposium, in
der ein Redner einen Krieg sowohl gegen den Irak vorschlug, als
auch gegen Saudi Arabien und Ägypten, um das Öl-Kernland der Welt zu
sichern. Der Irak sei nur der Angelpunkt, erklärte er. Eine der
Rechtfertigungen für diesen Plan sei die Notwendigkeit, Israel zu verteidigen. # Unser Leben aufs Spiel
setzen? Scheinbar ist dies alles gut für Israel. Amerika
kontrolliert die Welt, wir kontrollieren Amerika. Niemals zuvor hatten die Juden
einen solch ungeheuerlichen Einfluss auf das Zentrum der Weltmacht ausgeübt. Diese Tendenz macht mich
unruhig. Wir sind wie ein Spieler, der all sein Geld und seine Zukunft auf ein
Pferd setzt. Ein gutes Pferd, ein Pferd ohne augenblicklichen Konkurrenten, aber
eben nur ein Pferd. Die Neo-Kons werden eine
lange Zeit chaotische Verhältnisse in der arabisch muslimischen Welt
verursachen. Der irakische Krieg
hat schon gezeigt, dass ihr Verständnis für arabische Realitäten unzuverlässig
ist. Ihre politische Wahrnehmung hat den Test nicht bestanden; nur brutale
Gewalt hat ihr Unterfangen gerettet. Eines Tages werden die
Amerikaner heimgehen. Wir aber müssen hier bleiben. Wir müssen mit den
arabischen Völkern zusammenleben. Chaos in der arabischen Welt gefährdet
unsere Zukunft. Wolfowitz &Co mögen von
einem demokratischen, liberalen, zionistischen Amerika bewundernden Nahen Osten
träumen – aber das Ergebnis ihrer Abenteuer kann sich leicht in eine
fanatische und fundamentalistische Region wandeln, die unsere nackte Existenz
bedroht. Die Partnerschaft der
Neo-Kons mit den christlichen Fundamentalisten kann in Washington Gegenkräfte
hervorbringen. Und wenn Bush bei den nächsten Wahlen besiegt wird wie sein
Vater nach seinem Sieg im 1. Golfkrieg, dann wird die ganze Bande
hinausgeworfen. Die Bibel erzählt uns auch
von den Königen von Judäa, die sich auf die damalige Weltmacht Ägypten stützten.
Sie schätzten den Aufstieg der Mächte im Osten, Assyrien und Babylon, nicht
richtig ein. Ein assyrischer General sprach zum König von Juda: „Siehe da!
Verlässt du dich auf diesen zerbrochenen Rohrstab, auf Ägypten, der jedem, der
sich darauf stützt, in die Hand dringen und sie durchbohren wird?“
(2. Kön.18,21). Bush und seine Bande von
Neo-Kons sind nicht wie ein zerbrochener Rohrstab. Weit entfernt davon, er ist
im Augenblick ein sehr starker Rohrstab. Aber sollen wir unsere ganze Zukunft
darauf bauen? (Aus
dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert) |
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