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->> Uri Avnery zum Irak-Krieg - Gesamtübersicht Uri Avnery 12.4.04
Dies ist erst der Anfang Weitere Gedanken über den
Krieg (6) # Die Bürde des weißen Mannes. Ein deprimierender
Gedanke: Der Irakkrieg beweist, dass die Welt im Jahr 2003 n. Chr. nicht
wesentlich anders als 2003 vor Christi Geburt ist. Eine Militärmacht kann eine
schwache Nation angreifen, ihr Land erobern und ihre Ressourcen plündern. Da
gibt es kein Weltgesetz, keine Weltmoralordnung.
Wer die Macht hat, hat das Recht. Die Waffen stammen aus dem 21. Jahrhundert,
sie dienen aber Zielen des 19. Jahrhunderts. Es handelt sich um einen
klassischen Kolonialkrieg. Der Irak ist im Begriff, eine amerikanische Kolonie
zu werden und dies lange Zeit zu bleiben. Der fadenscheinige Vorwand stammt aus dem
alten kolonialistischen Phrasenbuch. Ein Land wird erobert, um die Eingeborenen
von ihrem grausamen Tyrannen zu „befreien“. Ihre Ressourcen werden
gestohlen, um ihren Lebensstandard zu verbessern, ihren Kindern eine (
elementare) Schulbildung zu geben, eine Kolonialverwaltung aufrecht zu halten,
die sie Demokratie lehrt. Es ist auch eine göttliche Mission. Die Missionare kommen immer mit der Armee, und manchmal kamen diese schon vorher. Kreuz und Kanone, Religion und Unterdrückung, Kirche und Ressourcenraub gehen sehr gut zusammen. Für den Hofdichter der damaligen Zeit,
Rudyard Kipling, war es „die Bürde des weißen Mannes“. Aber als sich der
Kolonialismus zurückzog, hinterließ er eine soziale, kulturelle und ökonomische
Wüste, die sich bis heute in der sog. „Dritten Welt“ erhalten hat. # Eine lahme Ente erschießen. Die Siegesfreude
Amerikas, Englands und Israels ist ziemlich fehl am Platze. Die einzige Supermacht der Welt hat ein
kleines Land mit einer Bevölkerung von 26 Millionen angegriffen, die auf Grund
der Sanktionen seit Jahren an Hungersnot leidet. Eine mächtige und gut ernährte
Armee, die mit den raffiniertesten Waffen, die die Welt je gesehen hat, ausgerüstet
ist, steht einer Armee gegenüber, die, noch bevor der Kampf begann, weitgehend
entwaffnet worden war. Die mächtigen Luftstreitkräfte, die den Himmel ohne
Gegner kontrollieren, wurden gegen ein Land ausgesandt, dessen Luftverteidigung
in den Jahren zuvor bombardiert worden war. In einem modernen Krieg ist die Kontrolle
der Luft ein entscheidender Faktor. Als vor 60 Jahren die Luftstreitkräfte und
ihre Waffen noch viel primitiver waren, sagte Feldmarschall Rommel zu Hitler,
dass die Beherrschung des Luftraumes durch die Alliierten es der deutschen Armee
unmöglich machen würde, zu manövrieren und für Nachschub zu sorgen. Deshalb
würde seine Armee nicht in der Lage sein, die britisch-amerikanischen Streitkräfte
zu besiegen, sobald es diesen gelungen sei, einen Brückenkopf an der französischen
Küste aufzubauen. „Falls wir diesen nicht in den ersten Stunden zerstören,“
sagte er zu Hitler, „ist die Schlacht verloren“. Der Führer hörte nicht
auf seinen Rat – das Ergebnis ist nur all zu bekannt. Wenn dies für die mächtige Wehrmacht
zutraf, so traf dies tausendmal mehr für die geschlagene irakische Armee zu.
Vom ersten Augenblick an konnte kein irakischer Panzer ohne Deckung erscheinen
– er wurde sofort aus der Luft zerstört. Keine Division und keine Kompanie
konnte eine Position einnehmen oder sich gar bewegen, ohne dass Raketen und
Bomben sie zu Staub zermalmt hätten. Ein professioneller Jäger schießt nicht
auf eine sitzende Ente. Aber genau das ist im Irak geschehen. Vor noch nicht langer Zeit zitierte ich aus
der Bibel, dass sich die Amerikaner nicht rühmen sollten, bevor der Krieg zu
Ende sei. Das trifft auch für die Zeit nach dem Krieg zu. Da gibt es nichts,
womit man prahlen könnte. Tommy Franks wird nicht als einer der großen Heerführer
in die Annalen der Geschichte eingehen wie Alexander und Napoleon. Dass die
Irakis 21 Tage durchgehalten haben, ist an sich schon eine Leistung. # Ein dummer und brutaler Kerl. Saddam Hussein kann man
diese Leistung nicht gut schreiben. Wie sich herausstellt, war er nicht nur ein
brutaler und grausamer Diktator, sondern obendrein auch noch eine dummer. Sicherlich hat er nie ein ernsthaftes Buch
über Strategie gelesen und keine guten Ratschläge von seinen Generälen
erhalten. Das ist seit biblischen Zeiten eines der Probleme von Diktatoren, als
Absalom, König Davids rebellischer Sohn, Ahitophels guten Rat zurückwies: im
allgemeinen hört ein Diktator nicht auf Ratschläge, und die Ratgeber tendieren
dahin, dem Diktator nur das zu sagen, was er zu hören wünscht. Vom irakischen Standpunkt aus wäre es
richtig gewesen, eine Schlacht in der offenen Wüste zu vermeiden, wo eine
moderne Armee einen immensen Vorteil hat, und die Angreifer in die Städte zu
locken. Aber zu diesem Zweck hätte Saddam seine Armee inmitten der Städte
aufstellen müssen und sie für eine stalingrad-ähnliche Verteidigung
vorbereiten müssen. Stattdessen stellte er seine republikanischen Elite-Garden
außerhalb von Bagdad ins offene Feld, wo sie systematisch von der US-Luftwaffe
zerstört wurden. Innerhalb der Stadt war nichts vorbereitet, kein Plan, keine
Befehlsstruktur, keine adäquaten Waffen. So fiel sie wie ein fauler Apfel vom
Baum. Weder die amerikanischen Generäle noch die Kommentatoren erwarteten dies
– auch ich nicht. Saddam hätte die Chance gehabt, als Führer einer glorreichen, wenn auch hoffnungslosen Verteidigung in die Geschichte einzugehen. Doch jetzt wird er als geköpfte Bronzestatue, die aus dem Fernseher starrt, in entsprechender Erinnerung bleiben. # Die Des-Informations-Kräfte.
Dieser Krieg spielte sich gleichzeitig in zwei Arenen ab: auf dem Schlachtfeld
und im Fernsehen. Da gibt es kaum eine Ähnlichkeit zwischen beiden. Das
Fernsehen war bei den vorigen Kriegen eine Begleiterscheinung. Aber in diesem
Krieg war das Fernsehen ein integraler Bestandteil des Krieges selbst, eines
seiner größeren Schlachtfelder, wenn nicht gar das bedeutendere. Von jetzt an ist das Fernsehen ein Teil der
bewaffneten Kräfte, gemeinsam mit dem Heer, der Marine und den Luftstreitkräften.
Wie sie wird es von der Kommandostruktur dirigiert. Über diese neue Waffe hat man sich viele
Gedanken gemacht und viel Mühe in sie investiert. General Myers, Soldat Nummer
Eins in Washington und General Franks, der Kommandeur des gerade laufenden
Feldzuges, nahmen persönlich an der Aktion teil ( Es war eine geniale Idee,
einen schwarzen General ins Zentrum des Bildes zu bringen). Ziel ist es, in der Vorstellung des
Zuschauers zu Hause, der Weltöffentlichkeit und vielleicht sogar in der
Vorstellung des Feindes ein Bild des Krieges zu erzeugen, das keine Verbindung
zur Wirklichkeit hat. Das ist einfach, weil es kein verlogeneres Instrument als
das Fernsehen gibt. Derjenige, der dies kontrolliert, kontrolliert auch das Bild
der Realität und dadurch auch die Vorstellung des Zuschauers. Zum Beispiel: um die Behauptung zu stützen,
dass das Ziel des Krieges sei, das irakische Volk zu befreien, war es wichtig,
zu zeigen, wie die irakische Bevölkerung die Befreier voller Freude empfängt.
Das Fernsehen lieferte die Ware. Nichts ist einfacher: Man fülle den
Bildrahmen mit ein paar Hundert springenden und schreienden Leuten, um den
Eindruck zu schaffen, das ganze Land jubelt und springt. Keiner fragt: Wer zum
Teufel sind diese Leute? Woher kommen sie? Wer rief sie zusammen? Haben sie dafür
etwas bekommen? Sind es vielleicht nicht zufällig dieselben Leute, die noch vor
wenigen Tagen sprangen und schrieen: „Mit unserer Seele und unserem Blut
werden wir dich bewahren, Saddam!“ Und wo sind die andern 5 Millionen
Einwohner Bagdads? Was denken und empfinden sie jetzt? Während fünf langer Stunden konzentrierte
sich auf allen westlichen Fernsehstationen ( und ebenso bei Al- Jazeera) die
Schau auf eine Menge von Irakis, die versuchten, eine riesige Statue von Saddam
im Zentrum Bagdads umzulegen. Ein kritisches Auge konnte bemerken, dass die
Menge nur aus zwei hundert Leuten bestand, und die Hälfte von ihnen
Journalisten waren. Die Statuen-Umstürzer handelten offensichtlich für die
Kamera. Aber nach Fernseh-Weise war es „das irakische Volk“. Dies Bild wird
im Gedächtnis der Welt hängen bleiben als genau das Bild der „Befreiung“. Nur Thomas Friedman, ein sehr arroganter und
sehr patriotischer amerikanischer Beobachter, interviewte unabhängig Irakis und
berichtete, dass sie in der Tat froh seien, Saddam los zu sein, aber dass sie
die Amerikaner als ausländische Eroberer betrachteten, die möglichst schnell
wieder verschwinden sollten. Davon war bei CNN nichts zu sehen. Während der Irak-Kampagne war jeder westliche – und natürlich auch jeder israelische – Journalist ein Soldat, der seinen Job unter der Kommandostruktur machte. Als bei einer Einsatzbesprechung Donald Rumsfeld den amerikanischen Journalisten den direkten Befehl erteilte, bei Interviews mit Irakis sie nach Saddams Gräueltaten zu befragen, war das der Gipfel. Ganz sicher innerhalb weniger Stunden kamen solche Geschichten im Überfluss. Joseph Goebbels wäre vor Neid geplatzt. Und George Orwell wäre nicht überrascht gewesen. # Kanonenbootdemokratie.
Wie werden sich nun die Dinge weiter entwickeln? Es ist gesagt worden, dass
prophezeien schwer sei, besonders
was die Zukunft betrifft. Eine Sache ist sicher: die Amerikaner
eroberten den Irak nicht, um ihn bald wieder zu verlassen. Sie beabsichtigen,
lange Zeit dort zu bleiben, selbst wenn es ihnen gelänge, eine
Marionettenregierung einzusetzen. Sie kamen, um die Ölquellen und die arabische
Region zu kontrollieren, und zu diesem Zweck werden sie bleiben. Aber selbst wenn sie weggehen wollten, könnten
sie es nicht. Ohne eine amerikanische Diktatur, die Saddams Platz einnimmt, würde
das Land auseinanderfallen. Die alten ethnischen, religiösen, regionalen und
Stammesgegensätze würden sich nur verstärken, wenn eine von Amerika bestimmte
Marionettenregierung eine „Demokratie“ errichten sollte. Westliche Demokratie entwickelte sich im
Laufe von Jahrhunderten in organisierten Gemeinwesen mit soliden
Gemeinschaftswerten. Nur ein Tor dächte daran, sie könnte mit Gewalt von oben
auf eine von Familie und Clan her, also anders organisierte Gesellschaft gesetzt
werden, die auch andere Werte kennt. Eine wirklich arabische Demokratie, wenn es
dazu kommen sollte, wird sich im Wesen und im Aussehen sehr von einer westlichen
Demokratie unterscheiden. Die Herrschaft der Straße, die ihren
Ausdruck in Orgien von Gewalt und Plünderungen unter den Augen der US-Armee
findet, einschließlich Plünderungen von Krankenhäusern, ist
tatsächlich ein böses Omen. (Es
ist ein hoher Grad von Unverschämtheit, wenn der US-Kommandeur, der gerade die
zivile Infrastruktur zerstört hat, sagt, dass Gesetz und Ordnung von den Irakis
selbst wiederhergestellt werden müsse. So sind Millionen der Anarchie überlassen) Die Feindseligkeit zwischen Kurden und Türken
im Norden wie auch die Verbindung zwischen den Schiiten und dem benachbarten
schiitischen Iran im Süden wird den Besatzern noch Kopfschmerzen bereiten. Nach
einigen Monaten Ruhe - wenn überhaupt – werden sie sich einem Guerillakrieg im
Hisbollahstil gegenüber sehen. Wird dies eine amerikanische Invasion von
Syrien und/ oder Iran verhindern? Vielleicht, vielleicht im Gegenteil: es wird
die Amerikaner in neue Abenteuer treiben, um die Aufmerksamkeit von den Folgen
des ersten abzulenken. # Und Ahmad, was denkt er?
Um vorauszusehen, was kommen wird, frage ich mich, was würde ich gedacht
und gefühlt haben, wenn ich ein Araber gewesen wäre. Wenn ich z.B. Ahmad, ein
junger arabischer Student der Kairoer Universität, wäre, was würde ich in
diesem Augenblick fühlen? Zunächst einmal Demütigung. Wieder hat
sich ein großartiger arabischer Held als Zinnsoldat erwiesen, der den Mund voll
nahm und beim ersten Test versagte. Wieder einmal hat eine arabische Armee fast ohne Kampf
aufgegeben ( Zum Vergleich: die Bewunderung für die Palästinenser wächst: sie
halten der mächtigen israelischen Militärmaschinerie seit mehr als zwei Jahren
stand, sie opferten mehr als 2000 Leute und die Jugend steht Schlange, um ihr
Leben zu geben). Über der Demütigung auf dem Schlachtfeld,
auch die Demütigung auf politischem
Terrain. Ein fremder Eroberer marschiert mitten ins Zentrum der arabischen Welt,
übernimmt die Kontrolle ihrer Ressourcen – und die große arabische Nation
ist wie gelähmt, unfähig zu reagieren. Ihre feigen Führer kleben an ihren
Sesseln und nehmen vom Besatzer Almosen an. Wer wird uns
helfen? Es gibt keine nationalistische arabische
Bewegung, die in der Lage wäre, den Millionen junger Leute von Casablanca bis
Kuwait City eine Lösung
anzubieten. Kein neuer Nasser begeistert ihre Phantasie. Aber da gibt es eine
religiöse muslimische Bewegung, die Trost, Antworten, Identität und
Selbstrespekt anbietet. Sie bietet auch eine Waffe an, um den Eroberer
hinauszujagen, und die den Westen zwingt, auf die arabischen Wünsche
aufzumerken: Terrorismus. Saddam hat niemals Terrorismus angewendet. Nichts außerhalb vom Irak interessierte ihn, es sei denn, sein Territorium zu vergrößern. Er war völlig mit dem Überlebenskampf beschäftigt. Der amerikanische Vorwand, den Irak anzugreifen, um den Terrorismus vernichtend zu schlagen, war eine eklatante und wohl überlegte Lüge. Und jetzt – denkt Ahmad – nachdem die letzte arabische Armee ihre Ohnmacht gegenüber der amerikanischen Macht gezeigt hat, bleibt nur noch die Alternative eines Guerillakrieges und Terrorattacken. (Aus dem Englischen: Ellen Rohlfs, vom Verfasser autorisiert) |
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