
Rede beim Ostermarsch-Auftakt in Duisburg, 23.04.2011
Martin Hantke (Beirat Informationsstelle Militarisierung)
Frieden schaffen! Nein zu NATO und Atomkonzernen!
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Es gilt das
gesprochene Wort –
Liebe Freundinnen und Freunde, ich
freue mich, dass so viele heute zum Ostermarsch gekommen sind. Doch eigentlich
müssten noch viel, viel mehr hier sein. Gerade derzeit. Denn wieder einmal
beteiligt sich der Westen an einem Krieg.
Seit nunmehr fast einem Monat führt
die NATO jetzt schon Krieg in Libyen. Es ist nach Jugoslawien und Afghanistan
der dritte größere Einsatz binnen eines Jahrzehnts.
Und die Meldungen ähneln sich, auch jetzt bei Libyen. Von den zivilen
Bombenopfern der NATO bekommen wir über unsere Medien fast nichts zu sehen. Das
ist in Libyen nicht anders als bei den Hunderten zivilen Toten, die jedes Jahr
auf das Konto der Bombardierungen der NATO in Afghanistan gehen. Auch im
Jugoslawien-Krieg gab es nahezu keine Bilder bei uns – dabei gab es damals
allein 2000 Tote! Doch wir sehen davon nichts. Und das hat natürlich System.
Wir sollen nichts über das Leid und den Schrecken erfahren, die heute in
unserem Namen an den südlichen Rand des Mittelmeeres gebracht werden. Es geht
darum die Fiktion der humanitären Intervention aufrecht erhalten zu können.
Denn auf diese modernisierte Version des gerechten Krieges berufen sich die
Interventionsmächte - wieder einmal. Dafür wird wieder einmal die gesamte
Propagandamaschine der Kriegslügen eingesetzt. Denn nichts ist im Krieg
kostbarer als die Unterstützung durch die eigene Bevölkerung. Bilder von Toten,
von Verstümmelten, von Brandopfern und Ausgebombten stören dabei nur. Deshalb
zeigt man sie besser nicht. Doch wo Bomben fallen, gibt es nun einmal Leid und
Zerstörung! Es gibt keinen chirurgisch sauberen Krieg. Egal was uns die
Propagandameister der NATO erzählen!
Lassen wir uns von ihren Kriegslügen
nicht einfangen! Glauben wir ihnen weder wenn sie davon sprechen, dass die
Mittel – also die Waffen! - so eingesetzt werden, dass sie die Zivilbevölkerung
nicht treffen. Glauben wir ihnen erst recht nicht, wenn sie von den angeblichen
humanitären Zielen reden, die sie mit dem Krieg verfolgen. War es ihre
humanitäre Motivation, als sie FRONTEX ausbauten und Libyen zum Frontstaat der
Flüchtlingsabwehr auserkoren? Wo ist die Humanität, wenn man sich nach wie vor
weigert, Flüchtlinge aus Nordafrika aufzunehmen, wenn man diejenigen, die in
Seelenverkäufern über das Mittelmeer fahren, schlicht absaufen lässt? Und warum
entdeckt man die humanitären Ziele vor allem in Ländern, die Erdöl besitzen?
Humanitäre Ziele sind halt immer
noch die beste Begründung, um geostrategisch wichtige Interventionen zu
rechtfertigen. Dass hier Energie eine immer größere Rolle spielt, hat die NATO
schon früh erkannt und die Sicherung zum strategischen Ziel benannt. Dabei geht
es nicht nur um Erdöl. Es geht grundsätzlich darum, Handelsflüsse und die
ökonomische Vorherrschaft der westlichen Staaten abzusichern. Und da schließt
sich der Kreis. Es geht eben nicht um die Durchsetzung von Demokratie, um
humanitäre Ziele, sondern um handfeste ökonomische Interessen. Dies gilt auch
für die Bundesrepublik. Denn die Politik der Bundesregierung ist wie die der
anderen Nato-Staaten auch, aufs engste durch die Interessen der Großkonzerne
bestimmt. Besonders deutlich wird dies auch bei der Atompolitik, die große
Relevanz für die Außenpolitik hat.
In einem PR-Papier für die
Bundestagswahlen 2009, das von Atomkonzernen wie EON in Auftrag gegeben wurde,
betonten die Lobbyberater, wie wichtig die Argumente Versorgungssicherheit und
Klimaschutz für die Durchsetzung der Pro-Atom-Strategie seien. "Mit diesen
beiden Themen kann E.on die emotionalen Bedürfnisse in der Bevölkerung
befriedigen.", so das Papier. Man ging sogar soweit, die Angst vor
Russland zu schüren, um die Bevölkerung auf eine Laufzeitverlängerung der AKWs
einzustimmen. Denn die Importabhängigkeit von Erdgas bot sich für die Atomlobby
bestens an, um "die Ängste vor einer russischen Dominanz zu nutzen".
Mit anderen Worten: Weil russisches Erdgas eine unsichere Sache sei, stehe die
Atomkraft umso besser da, so fasste es der Spiegel zusammen. Auch im Papier
wurde unverblümt Klartext geredet, ich zitiere: "Dieses geostrategische
Thema weckt historisch tradierte Ängste vor Russland. Diese Ängste kann E.on
für sich nutzen.“ Und die Strategie ging auf. Schließlich wurden die Laufzeiten
verlängert. Dass jetzt Fukushima dazwischen kam, ist ein großes Problem für die
Atomkonzerne, die bestens mit der Bundesregierung kooperiert haben.
Dass Konzerne mit ihren
Profitinteressen die Politik der Bundesregierung so massiv prägen, war schon
vor Fukushima unerträglich. Jetzt muss es endgültig ein Ende haben! Wir müssen
endlich EON und RWE das Handwerk legen. Wir müssen diese Konzerne entmachten,
bevor sie um weitere Extraprofite zu scheffeln, unser Leben und unsere
Gesundheit mit einer Hochrisikotechnologie weiter aufs Spiel setzen. Schließen
wir die Atomfabrik in Gronau, die Brennstäbe in alle Welt exportiert! Die
Alternativen liegen auf der Hand: Öffnen wir den Weg für eine
Energieversorgung, die allein auf Grundlage regenerativer Energien in
öffentlicher Hand und dezentral organisiert auch friedenspolitisch ihren
Mehrwert hat. Wir wollen keine imperiale Energieaußenpolitik der Atomkonzerne,
die weltweit Unfrieden stiftet! Nie war diese Forderung so aktuell, wie nach
Fukushima!
Und eine weitere Forderung ist
zentral: Verbannen wir endlich die letzten Atomwaffen von deutschem Boden! Denn
noch immer lagern US-Atomwaffen auf deutschem Boden. Damit muss endlich Schluss
sein! Wir wollen ein Land ohne Atomwirtschaft. Denn man darf nicht vergessen:
Die weltweite Atombegeisterung hat auch damit zu tun, dass so die Herstellung
von Atomwaffen möglich wird. Der Einsatz gegen Atomenergie ist deshalb auch
friedenspolitisch von zentraler Bedeutung!
Wir wollen ein Land, von dem kein
Krieg ausgeht und das sich auch nicht an Kriegen beteiligt. Doch derzeit ist
das noch in weiter Ferne. Nachdem Deutschland sich im UN-Sicherheitsrat bei der
Entscheidung über den Krieg in Libyen enthalten hat, ist es nun wild
entschlossen, sich auch militärisch direkt zu beteiligen. Unter dem Signum
eines humanitären Einsatzes möchte die Bundesregierung gerne im Rahmen einer
EU-Militärmission mitmischen. Bislang fehlt allerdings noch die Anfrage der UN,
die ein Eingreifen der EU erst ermöglichen würde. Dabei raten gerade humanitäre
Organisationen dringend von Truppenentsendungen ab. Denn Bodentruppen würden
ihren humanitären Auftrag und ihre Arbeit massiv gefährden. Doch das ist der
Bundesregierung völlig egal. Solange die Mission als humanitär deklariert wird,
ist sie gerne mit der Bundeswehr dabei..
Dabei ist Deutschland schon heute
beim Libyen-Krieg dabei. Wie beim Irak-Krieg wird die Infrastruktur zur
Verfügung gestellt, damit die NATO ihren Krieg in Libyen führen kann. Die
Bundeswehr hat ihre Kapazitäten beim Krieg in Afghanistan erhöht, um die
„Verbündeten“ zu entlasten. Und am bemerkenswertesten ist, dass die deutsche
Rüstungsindustrie bereits mit dem Krieg in Libyen beste Geschäfte macht. So
feierte der Geschäftsführer des Rüstungskonsortiums EADS, Endres, erst jetzt am
Donnerstag in den Tagesthemen den Libyen-Krieg als werbewirksam für die eigenen
Produkte regelrecht ab. Und auf den Werbeseiten für den Eurofighter wird mit
Bombardierungsvideos aus dem Libyenkrieg geworben. Der Libyenkrieg ist im
wahrsten Sinne des Wortes ein Bombengeschäft für die Rüstungsindustrie und soll
auch ein weiterer Mosaikstein sein, was die zukünftige Verwendung der
Bundeswehr betrifft.
Nach der Aussetzung der Wehrpflicht
geht es der Bundesregierung jetzt darum, die Bundeswehr zu einer Armee im
Einsatz umzustrukturieren. Das heißt, dass die Bundeswehr mit der
Bundeswehrreform zu einer Armee im permanenten Krieg werden soll. Was wegen der
Aussetzung der Wehrpflicht und der Gesamttruppenreduzierung als Abrüstung
daherkommt, ist in Wahrheit eine knallharte Ausrichtung auf eine stärkere und
wirkungsvollere Kriegsführungsfähigkeit der Bundeswehr. Statt bisher 7000
sollen künftig bis zu 15000 Bundeswehrsoldaten ständig im Auslandseinsatz sein
können. Mit einer Ausrichtung auf Verteidigung und den Auftrag des
Grundgesetzes hat diese Armee im Einsatz nichts mehr zu tun. Das dürfen wir
nicht hinnehmen! Wir brauchen keine Kriegsarmee!
Die Bundesregierung hingegen will
genau das. Und rührt kräftig die Werbetrommel für die Freiwilligenarmee. Denn
nach der Aussetzung der Wehrpflicht droht Soldatenmangel. Deshalb setzen
Politik und Bundeswehr nun auf zunehmende Werbemaßnahmen. Und wo macht sie am
meisten Werbung? In Arbeitsagenturen und auch an Schulen. Ich finde, das ist
pervers! Mangelnde Arbeitsmarktmaßnahmen sollen darüber kompensiert werden,
dass man Menschen zu Soldaten macht und sie an die Front schickt.
Flächendeckend soll an Schulen für die Bundeswehr geworben werden. Dafür sollen
auch in NRW so genannte Kooperationsvereinbarungen mit der Bundeswehr
abgeschlossen werden. Viel Steuergeld fließt in diese Werbung. Damit der Unmut
nicht so groß ist, werden möglicherweise auch noch ein paar Tausend Euro für
Friedensorganisationen abfallen. Doch ich finde, das ist wirklich kein
angemessener Trost. Wir brauchen einen anderen Weg: Ich finde, wir sollten uns
an die Seite derjenigen Schülervertretungen, Elternverbände und Gewerkschaften
stellen, die ganz klar sagen: Bundeswehr raus aus der Schule! Die Bundeswehr
hat in der Schule nichts verloren! Es darf nicht Ziel einer aufklärerischen und
emanzipatorischen Bildung sein, den Beruf des Soldaten in Schulen zu
propagieren. Soldat zu sein ist kein Abenteuerspiel! In diesem Sinne gilt:
Schulfrei für die Bundeswehr! Bundeswehr raus aus den Schulen!
Das Signal, das heute vom
Ostermarsch ausgeht ist: Wir wollen ein friedliches Land! Ohne Atomwirtschaft
und ohne Atomwaffen. Wir wollen keine Kriegsbeteiligung der Bundeswehr und wir
wollen keine weitere Militarisierung der Gesellschaft. Weder an Schulen,
Arbeitsagenturen noch sonst irgendwo. Wir wollen ein friedliches, gerechtes und
solidarisches Land! In diesem Sinne wünsche ich uns allen noch einen erfolgreichen
und kraftvollen Ostermarsch!